Ausland

Kubas Kaufhaus der Do-it-yourself-Träume

Von Oscar Alba. Aktualisiert am 24.11.2008

Kuba ist eine Baustelle. Häuser, Fahrzeuge, Möbel, Apparate: Es gibt praktisch nichts, was nicht renoviert und repariert werden muss.

Land und Leben sind ein ewiges Flickwerk. Weil es von der Schraube bis zum Dachziegel an allem fehlt, der Staat nicht nachkommt mit der Arbeit, ist alles improvisiert, alles Do it yourself.

Jetzt ist in Havanna ein Kaufhaus eröffnet worden, wie es das Volk seit 50 Jahren nicht mehr gesehen hat. Die für Kuba spektakuläre Neuheit steht in Centro Habana an der Galiano-Strasse. Vor der Revolution war diese ein Boulevard mit grosser Kolonialarchitektur und prächtigen Warenhäusern, deren Namen heute wie Grabsteininschriften eines toten Zeitalters erscheinen: La Época (die Epoche), Fin de Siglo (Jahrhundertende), Basar Inglés (englischer Basar). Einige Gebäude sind eingestürzt, andere sind leer stehende Ruinen oder wurden im Laufe der Zeit zu Secondhand- und Allerleiläden mit kargem Angebot. Die Rolltreppen stehen seit Jahren still, die Namensschilder dieser Konsumtempel leuchten schon lange nicht mehr. In der Nacht ist Galiano eine von den vielen dunklen Strassen in Havanna.

Als wär ein Raumschiff aus der fernen Zukunft in einer Ruinenstadt gelandet, steht das neue Kaufhaus da. Ein alter Kolonialbau, komplett renoviert, die Fassaden rosarot-gelb wie eine dieser mit Zuckerguss verzierten Geburtstagstorten, die an keinem Geburtstag in Kuba fehlen. Der Inhalt: ein Haushaltwaren- und Do-it-yourself-Grossmarkt, betrieben von der staatlichen Geldtransportfirma Trasval. Sie mischt neu auch im Detailhandel mit (vor allem Sicherheitsartikel wie Alarmanlagen, Türschlösser, Tresore).

Der Grossmarkt ist ein Grossereignis. Die Warteschlange draussen ist elend lang, drinnen herrscht permanent Stau, zwischen den Regalen ist kaum ein Durchkommen. Das Sicherheitsaufgebot ist immens, überall Uniformierte und Kameraaugen. Sie bewachen ein Angebot, das für Kuba einem Jahrhundertsprung gleichkommt. Es gibt hier vieles, was es vorher nirgends im ganzen Land zu kaufen gab. Dinge, die Heimwerker und Hausfrauen fast ein Leben lang herbeigesehnt haben: Nägel und Schrauben, Werkzeuge, Haushaltartikel und Ersatzteile aller Art, sogar Maschinen, mit denen man eine Schreinerei, Gärtnerei oder Autowerkstatt gründen könnte. Alles Importware: Badewannen aus Brasilien, Rüeblischäler aus Kanada, Panzerschlösser aus den USA, das meiste jedoch aus China, Taiwan und Vietnam.

Frauen, Männer, Kinder und Alte – sie stehen staunend bis ungläubig vor den Gestellen. Manche Produkte haben sie noch nie in ihrem Leben gesehen. Die Kunden rätseln und fragen das Personal, wozu dies und das gut sei. Früher gab es praktisch nichts, jetzt ist das Angebot in diesem landesweit einzigartigen Geschäft teilweise absurd: Brennpaste für Fondue (Swiss Fire Gel), Petersilienmühle, Designkorkenzieher, Plastikspielzeug für den Hund. Die Gummiboote sind Stadtgespräch: perfekte Dinger für die Flucht nach Miami.

Gesuchte Mehrzweckzange

Die meisten Kunden schauen nur, kaufen aber nichts, können nichts kaufen. Die Preise sind eine Ohrfeige für alle, die mit dem durchschnittlichen Monatslohn von 20 Franken leben müssen. Schon ein simples Türschloss kostet mehr. Allein für eine Mehrzweckzange, eines der meistgesuchten Werkzeuge in Kuba, muss der Durchschnittsverdiener einen halben Monatslohn aufwerfen. Die Tischkreissäge kostet ihn 40 Arbeitsjahre – deftige Preise.

Das neue Warenangebot wirkt wie ein Wink des Staates an sein Volk: Genossen, repariert die Revolution selber! Nur: Für den kubanischen Heimwerker ist das neue Do-it-yourself-Paradies, was für den Habenichts der Supermarkt ist. Er kann rein, aber nichts kaufen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.11.2008, 16:54 Uhr

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