Kühe und Revolutionäre sind in Kuba heilig
Von Oscar Alba, Havanna. Aktualisiert am 07.01.2009 2 Kommentare
Das Fischerdörfchen La Herradura ist ein einziges Katastrophengebiet. Hurrikan Ike und die haushohen Wellen haben das Dorf praktisch dem Erdboden gleichgemacht. Nur ein paar wenige, solid gebaute Häuser stehen noch. Eines gehört Pedro. Er ist «el loco», der Verrückte, einer grossen Familie. Als das Militär und der Zivilschutz vor dem Sturm kamen und das ganze Dorf evakuierten, versteckte sich Pedro mit seiner schönen Frau hinter verschlossenen Türen im oberen Stock des Hauses. Sie tranken Rum und warteten. Als der Sturm rund um sie herum alles in Schutt legte, lagen sie eng umschlungen auf ausgelegten Decken unter einem massiven Holztisch.
Nie, sagt Pedro, werde er sein Haus allein lassen. Das habe er mit seinen eigenen Händen, mit viel Schweiss und Geld selber gebaut. Lieber werde er unter dem Haus begraben. Pedro, von der Sonne gebräunt, gross und stark, ist der Typ Mann, der in Kuba immer noch grosses Ansehen geniesst. «Un macho con cojones», ein Macker mit Eiern, wie man hier sagt. Ein Kämpfer, einer, der es allen zeigt, wenn es sein muss, einer, der sich von niemandem was vorschreiben lässt. Ein Mann. Einer wie Fidel.
Der 34-jährige Pedro hat die staatliche Lizenz zum Fischen und ein eigenes Boot. Heute war ein guter Tag. Vier Schwertfische und mehr als ein Dutzend Dorados haben angebissen. Die Fische sind bis zu zwei Meter lang und zehn Kilo schwer. Die toten Dorados mit ihren Quadratschädeln und tief heruntergezogenen Mundwinkeln blicken unfreundlich von der Schlachtbank. Pedro lässt zweimal die Holzkeule auf seine Fleischeraxt sausen und ab sind die Köpfe. Eine dicke Sau schnappt sich einen Kopf und rennt quietschend davon. Die 150 Kilogramm Fisch sind in einer Viertelstunde weg. Fremde, die am Strand vor den Ruinen baden, und Nachbarn aus provisorischen Bretterbuden kommen und kaufen, das Pfund zu 20 Peso, umgerechnet einem Franken. Eigentlich müsste Pedro alles einem staatlichen Abnehmer verkaufen, der nicht mal halb so viel fürs Pfund zahlt. Seit über einem halben Jahr sei hier aber niemand mehr vom Staat aufgekreuzt. Die Fischer in La Herradura sind darüber nicht betrübt.
Abends sitzt man zusammen, trinkt Rum, raucht und erzählt wilde Geschichten vom Meer, von Frauen und anderen Abenteuern. Der Generator hinterm Haus erzeugt ein schwaches Licht in der Küche. Die Stechmücken sind kleiner als die Maschen im Moskitonetz. Ein junger Mann fragt in die Runde: «Warum sind wir Kubaner trotz all der Probleme eigentlich ein so fröhliches Volk?» Es ist schon spät und die Frage ist allen zu schwierig. Es wird Rum nachgeschenkt.
Diebe überall
Auch in den verlassensten Gegenden stehen am Strassenrand auffallend viele Kontrollhäuschen der Policia Nacional Revolucionaria. Der Hauptverkehr besteht aus Ochsengespannen, Pferdekutschen und Männern mit Cowboyhüten hoch zu Ross. Eine Mutter, die ihren Sohn per Autostopp zur Schule begleitet, sagt, sie sei froh über die Polizeiposten und die Kontrollen. Was in diesem Land gestohlen werde: Vieh, Ernte, Material, einfach alles. Diebstahl und Hehlerei sind in Kuba eine Art Volkssport. «Aber klar doch!», platzt es aus dem anderen fremden Mitfahrer heraus, einem älteren Mann, der bis jetzt geschwiegen hat: «Ein Land, in dem es nichts gibt, nichts hat, wo man nichts besitzen darf, der Staat alles kontrolliert, einen nichts machen lässt, der Lohn nicht zum Leben reicht, kein Wunder, klauen und betrügen hier alle. Mir haben sie vor fünf Jahren alle meine sechs Pferde gestohlen. Da habe ich das Bauern aufgegeben, jetzt arbeite ich in der Stadt in einem Medikamentenlager des Gesundheitsministeriums. Der Lohn ist auch nicht besser.»
In Kuba sagt der Volksmund: Der Staat tut so, als würde er seine Angestellten bezahlen. Und die tun so, als würden sie arbeiten.
Der genervte Mann im Auto sagt: «Manchmal frage ich mich, ob der Kommandant wirklich Bescheid weiss, was hier alles schief läuft.» Dass der Kommandant für das, «was da alles schief läuft», verantwortlich ist, sagt der Mann nicht. Vielleicht denkt er es auch nicht. Die Mutter sagt nichts mehr und schaut zum Fenster hinaus. In der endlosen Ebene weiden ein paar magere Kühe.
Der löchrige Kulturtempel
Velasco ist ein kleines Dorf mit einem kolossalen Kulturzentrum. Ein Prachtbau aus Backsteinen, modernistisch, orientalisch, ein wilder Stilmix. Gegenüber auf der anderen Strassenseite sitzen drei alte Frauen in Schaukelstühlen vor einem Hauseingang. Das Centro cultural, erklären sie, das ist unser Stolz. Das Wahrzeichen von Velasco. Leider, sagen sie, in einem lamentablen Zustand, ein Jammer. Sie rufen über die Strasse einem der Männer zu, die oben an der grossen Treppe miteinander reden. Rafael, der technische Leiter des Kulturzentrums. Er bietet einen Rundgang an.
Sofort ist spürbar: Dieses Haus ist Rafaels Leben, seine Liebe. 15 Jahre lang war er Direktor des Kulturzentrums. Dann enthob man ihn des Amtes und warf ihn aus der Kommunistischen Partei - wegen «unsozialistischen Benehmens und Kontakt mit dem Feind». Rafael hatte einen durchreisenden US-Amerikaner an eine Theatervorführung eingeladen und bei sich zu Hause eine Nacht lang beherbergt. Das war vor zwei Jahren. Seither darf er noch technischer Leiter sein. Und als solcher muss er machtlos mit ansehen, wie seine geliebte Kulturstätte langsam zerfällt. Überall regnet es durchs Dach, seit den letzten drei Hurrikanen an noch mehr Stellen. Die Balkone im Theatersaal sind seit langem gesperrt, die Plüschsessel aus der ehemaligen Tschechoslowakei mit Regenwasser vollgesogen und aufgedunsen. Der Theatersaal riecht nach Feuchtigkeit, im Tanzsaal klaffen Löcher im Bretterboden. Einige Büros sind nicht mehr begehbar, doch das Kulturzentrum ist in vollem Betrieb. Als Nächstes steht «Schwanensee» auf dem Programm. Die Primaballerinas werden elegant um die Löcher herum tänzeln.
Der Bau dieses architektonischen Faszinosums dauerte 27 Jahre. 1991 wurde es eingeweiht. Aus der weit entfernten Hauptstadt Havanna kamen der Kulturminister und Spitzen aus dem Parteiapparat angereist. Alle mit Rang und Namen in Kuba sind hier schon auf den Bühnen gestanden. Rafael befürchtet, dass das Leben seiner grossen Liebe kürzer sein wird als die Geburtszeit. Das, sagt er, würde ihm das Herz brechen.
Rennen wie die Hasen
Unterwegs auf verlassenen Landstrassen tauchen hinter Bäumen und aus Gebüschen immer wieder Personen auf und stellen sich halsbrecherisch den Autos entgegen, die mit 120 km/h über die Fahrbahn brettern. Es sind Strassenverkäufer, die Käselaibe und Zwiebelzöpfe in die Höhe halten. Gute, günstige und verbotene Ware. Landwirtschaftliche Produkte dürfen nicht privat, sondern müssen an den Staat verkauft werden. Kühe und ihre Milch sind in Kuba heilig. Milch ist streng rationiert und gibts nur für Kinder bis sieben Jahre. Wer Käse daraus macht oder gar eine Kuh schlachtet und das Fleisch verkauft, riskiert ein paar Jahre Gefängnis. Schnelle Beine sind bei dieser Art von Geschäften von Vorteil. Ist das aus der Ferne heranbrausende Auto ein Lada mit grünem Nummernschild des Innenministeriums oder eine Polizeipatrouille, sind die Verkäufer so schnell wieder weg wie sie aufgetaucht sind - wie Hasen rennen sie mit ihrer Ware dann durchs Gestrüpp oder durch schmale, vorgespurte Trampelpfade in mannshohen Maisfeldern.
Im Auto sitzt Ylenia, eine gesprächsfreudige, junge Frau. Sie ist 34, studiert Kommunikationswissenschaften in Holguín und hat drei Kinder, das älteste ist 15, das jüngste 8. Ylenia hat Freude am Studium, besonders interessant sei Marketing. Der 66-jährige Theologe und Politologe Dimas, einst Professor für Marxismus-Leninismus, heute Dissident und auf der schwarzen Liste der Regierung, sitzt schon ein gutes Wegstück länger im Auto als Ylenia. Marketing? Er stutzt und fragt die junge Frau, wie Marketing gelehrt werde in einem Land der sozialistischen Planwirtschaft. Ylenia lächelt verlegen: Ein bisschen kurios sei das schon. Die Bücher in diesem Fach seien alles Raubkopien aus kapitalistischen Ländern. Alle sehr interessant. Der Lehrer sage jeweils, die Regeln des Marketings seien «irgendwie» auf den Sozialismus übertragbar. Nur sage er nicht wie. Ylenia erzählt, wie sie in diesem Fach eine Konzeptarbeit hat schreiben müssen am Beispiel einer real existierenden, aber wegen Materialmangels praktisch lahmgelegten staatlichen Schuhmacherei in der Stadt Holguín. «Es war eine sehr schwierige Aufgabe.» Die Autofahrt mit dem ehemaligen Professor und der Studentin ist kurzweilig und lustig. Sie lädt den kritischen Denker zu einem Kaffee ein. Sie weiss nicht, dass er ein «Konterrevolutionär» ist, dem die Staatssicherheit schon den Computer und Bücher beschlagnahmt hat und seit Jahren das Telefon abhört.
Wieder eine Mitfahrerin der Generation Y: Yomisleydi. In den 80er-Jahren, nach den Ivans, Katjas und Igors, kam in Kuba die Mode auf, den Kindern Namen mit den Anfangsbuchstaben Y zu geben. Yanislady, Yenisei, Yusilca, Yulenca, kuriose Kompositionen aus diversen Sprachen. Die 20-jährige Yomisleydi studiert Neurochirurgie, Mutter, Vater und Geschwister sind alle Landarbeiter, sie sagt: «Ich bin die Zukunft meiner Familie.» Yomisleydi will später mal auf Mission nach Venezuela. Wegen des Geldes. Sie wolle nicht nochmals 20 Jahre mit so wenig leben müssen. Die künftige Ärztin hat schon bei zahlreichen Hirnoperationen Chirurgen über die Schulter und Patienten in die offenen Köpfe geschaut. «Innen sehen alle mehr oder weniger gleich aus.» Yomisleydi hofft trotzdem, dass sich in den kubanischen Köpfen etwas verändert, vor allem in denen, die das Land regieren. Doch eigentlich interessiere sie sich nicht für Politik.
Hinter der Leiche her
Kilometer 744. Bayamo. Ein sauber herausgeputztes Städtchen. Hier komponierte der Musiker und Revolutionär Perucho Figueredo 1868 «La Bayamesa», die kubanische Nationalhymne. Lied und Rebellentum waren sein Tod, Figueredo wurde von den Spaniern hingerichtet. Die Hymne hat überlebt.
Tamara, die Gastgeberin im alten Kolonialhaus, hat soeben per Telefon eine traurige Nachricht erhalten. Eine 88-jährige Bekannte, die sie jahrelang gepflegt hat, ist im Spital gestorben. Tamara bittet um einen Fahrservice, um im Spital alles zu regeln. Dort sagen sie, die Leiche sei bereits nach Hause transportiert worden für die Totenwache.
Vor dem Haus steht eine Ansammlung von Menschen. Doch die Leiche ist nicht da. Weinende Frauen sind schon ein wenig hysterisch und rufen: «Wo ist der Leichnam?» Das Beerdigungsinstitut ruft an, die Verstorbene liege jetzt präpariert im Sarg, man solle bitte zur Begutachtung vorbeikommen. Ein Tross von Velos und zwei Autos fährt durch die halbe Stadt. Im Beerdigungsinstitut sagen sie, es seien bereits andere Bekannte dagewesen, alles in Ordnung, der Leichenwagen sei mit der Verstorbenen im Sarg unterwegs nach Hause. Die Delegation auf zwei und vier Rädern fährt zurück. Noch mehr Menschen stehen vor dem Häuschen an der Hauptstrasse. Die Unruhe ist gross, der Leichenwagen ist noch nicht angekommen. Alle reden durcheinander. Das Telefon läutet. Der Chauffeur der Toten entschuldigt sich, ein Problem mit dem Motor, sein Wagen steht still. Doch ein anderer werde innert Kürze kommen und den Sarg übernehmen und vorbeibringen. Dios mío! Die Frauen verwerfen die Hände. Nicht mal tot könne man in diesem Land in Frieden ruhen.
Nach einer halben Stunde fährt der Leichenwagen vor. Die Trauergesellschaft kann endlich mit der Totenwache beginnen. Sie dauert die ganze Nacht und verläuft ohne weitere Zwischenfälle. Am nächsten Tag wird der Sarg in der schönen Nekropolis von Bayamo in ein Grab gelassen. Da steht immer noch das Kreuz mit der Inschrift einer anderen Verstorbenen, die noch eine Stunde vorher hier unter der Erde lag. Um alles hat sich Tamara nicht kümmern können. Sie ist todmüde und will nur nach Hause ins Bett.
Zum Abschluss der Reise noch eine Nacht bei einem Toten. In Santa Clara, beim Mausoleum der Revolutionsikone schlechthin: Ernesto Che Guevara. Viel Marmor, Stein und Eisen. Der Platz ist gigantisch, der Himmel blau, der Wind frisch. Der Che aus Bronze blickt auf seinem hohen Sockel entschlossen über die Landschaft. In einer Hand die Flinte, die andere am Gürtel, an dem Dolch und Handgranate hängen. Ein Fuss vor dem anderen, als würde er weglaufen wollen. Irgendwohin, wahrscheinlich in die nächste Schlacht.
Ein paar Kilometer vor Havanna stottert plötzlich der Motor des Mietwagens. Der Tank ist leer. Die Benzinanzeige war noch nicht auf Reserve. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 07.01.2009, 09:05 Uhr
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2 Kommentare
Endlich zeigt man sich mit Dieben und sonstigen Verbrecher solidarisch! Schade macht man dies immer nur bei Systemen, welche sich um das Wohl der Menschen und nicht um den Maximalprofit kümmern. Auch hier gibt es viele Schwarzarbeiter, Sans-Papiers oder Diebe, welche sich nur nach dem sehnen, was uns immer als Kapitalismus verkauft wird. Aber schön zu hören, wie gut es Dissidenten in Kuba geht. Antworten
Ausland
Live @ Sunset
11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!
Familie, Beruf und Studium
Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.




