Ausland

Mehr Elend als Glanz

Von . Aktualisiert am 06.01.2009

Kuba ist das einzige lateinamerikanische Land, in dem keine demokratischen Wahlen stattfinden und Regierungs­kritiker jahrelang im Gefängnis schmoren. Eine Standortbestimmung von Mittelamerika-Korrespondent Sandro Benini.

Kuba, 50 Jahre nach dem Triumph der Revolu­tion: Das Land hat die tiefste Kindersterblich­keit, die fähigsten Ärzte, die am bes­ten ausgebildete Bevölkerung La­teinamerikas. In Rio de Janeiro oder Caracas muss man sich vor seinem eigenen Schatten fürchten, ein Streif­zug durch Havanna ist kaum gefähr­licher als ein Einkaufsbummel in Zürich. Während Wirbelstürme in Haiti oder auf den Bahamas oft Dut­zende von Menschenleben fordern, lassen sich kubanische Todesopfer an einer Hand abzählen – dank dem hervorragenden Zivilschutz. Die von Fidels Verehrern unermüdlich ge­priesenen «Errungenschaften der Re­volution » sind kein propagandisti­sches Hirngespinst, sondern Realität.

Ein halbes Jahrhundert nach Cas­tros Machtergreifung ist Kuba aber auch das einzige lateinamerikanische Land, in dem keine demokratischen Wahlen stattfinden und Regierungs­kritiker jahrelang im Gefängnis schmoren. Ein Land, in dem der Mo­natslohn eines Professors gerade für eine Tube Zahnpasta und eine Fla­sche Speiseöl reicht und in dem Tausende hungern würden, erhielten sie nicht Geld von ihren Angehöri­gen im Exil. Ein Land mit zerfallenden Kolonialgebäuden, löchrigen Stras­sen, altersschwachen Verkehrsmit­teln. Ein Land, hinter dessen Fröh­lichkeit sich Verzweiflung verbirgt.

Wie sind die Vor- und Nachteile zu gewichten? Ist der Revolution ein baldiger Tod, ein langes Weiterleben oder eine Verjüngung durch Refor­men zu wünschen? Klar ist, wer dazu schweigen sollte: all die linken aus­ländischen Kuba-Romantiker, die den Tropensozialismus ohne ihre Tra­vellerchecks keine Stunde ertragen würden. Ebenso klar ist, wer sie be­antworten müsste: Kubas Bevölke­rung. Genau dies jedoch verhindert das Regime seit 50 Jahren, weshalb es seine Legitimation verspielt hat. Errungenschaften hin oder her. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.01.2009, 09:14 Uhr

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