Ausland

Monolog eines Fernsehtechnikers

Von Oscar Alba. Aktualisiert am 10.11.2008

Der Fernseher ist defekt. Ein Techniker von einer staatlichen Reparaturwerkstatt kommt mit seinem Köfferchen zum Kunden nach Hause und spricht während der Arbeit mit dem Apparat, mit sich selber, über Kuba und Kapitalismus.

«Oh Gott, ein Panda! Diese chinesischen Modelle sind der Teufel. Die besten Fernseher sind die von Sony und Philips, aber auch die teuersten. Aber lass mich mal die Innereien anschauen, bis jetzt hab ich noch jeden Fernseher reparieren können, auch die sowjetischen Monster. Ich mach das seit 30 Jahren, mit 16 hab ich angefangen. Das Wichtigste habe ich auf der Technikerschule gelernt. Danach begann ich das Studium zum Elektroingenieur. Nach vier Jahren haben sie mich von der Uni geschmissen, weil ich religiös bin. Bin Mitglied der Presbyterianischen Kirche. Damals war man als Gläubiger ja ein Konterrevolutionär. Sie haben mir gesagt, Studium oder Kirche. Für mich war klar: Kirche. Von diesem Weg bringt mich keiner ab.»

Himmel, was ist denn hier drin passiert!? Die Schaltplatte dieses TVs sieht aus wie nach einem Bombenangriff. Filter, Kondensatoren, alles schief und lose, die Lötstellen eine Schweinerei. Es ist immer dasselbe: Die Fernbedienung geht kaputt, dann malträtieren die Leute die Knöpfe am Fernseher, und wenn die futsch sind, stochern sie mit Bleistiften, Schraubenziehern und weiss ich was in den Löchern herum. Aber ich krieg das schon hin. Auf diesem Gebiet macht mir niemand etwas vor.

Arbeit habe ich genug. In diesem Land muss man ja ständig alles reparieren. Ist eben Sozialismus. Funktioniert nicht. Die Werkstatt zahlt mir zwölf Franken Monatslohn, ein Dreck. Würde ich nicht auch auf eigene Rechnung arbeiten, ginge es nicht. Kannst gleich meine private Telefonnummer notieren. Beim nächsten Problem rufst du mich zu Hause an, nicht die Werkstatt. Das regeln wir unter uns, okay?

Der Memory-Chip taugt nichts mehr, ich muss ihn ersetzen, kostet aber extra.

Was ist jetzt los? Alles rosarot. Das Bild verzerrt. Oh, Tragödie! Jetzt muss ich alles neu einstellen und programmieren. Ich sag dir, das hätte dieses Land nötig: alles neu einstellen und programmieren. Zum Teufel mit der Politik! Ich muss mich konzentrieren, hab die Codes und Einstellungen hier auf einem Papierchen notiert. Meine Bedienungsanleitung. Was hasse ich dieses Einstellen!

Eigentlich wollte ich ja Musiker werden. Doch die meisten leben hier auch nicht viel besser. Mein Nachbar ist der Perkussionist von Pupi y los que Son Son. Ein fauler Sack ist das, steht nie vor Mittag auf. Der war mit Pupis bekannter Band schon überall auf der Welt. Kürzlich in Kanada. Da sind wieder zwei von Pupi abgesprungen, der Trompeter und der, den sie Chocolate nennen, weiss nicht mehr, welches Instrument er spielt. Aber mein Nachbar, er kommt immer wieder brav nach Kuba zurück. Der lebt in einem Rattenloch. Ich wäre schon längst abgesprungen.

Ich kann hart arbeiten, ich würde im Kapitalismus überleben. Der Pastor meiner Kirche sagt immer, den Kapitalismus überlebt nur, wer hart arbeitet und etwas auf der Festplatte hat. Wäre was für mich, nicht aber für meinen Nachbarn. Er zieht es vor, hier eine ruhige Kugel zu schieben. Warum? Weil Kuba das einzige Land auf dieser Welt ist, wo du leben kannst und etwas zu essen hast, ohne zu arbeiten. Na ja, immerhin das.

Okay, alles eingestellt. Der TV ist wie neu. Macht zehn Franken – wegen des neuen Memory-Chips. Den habe ich auf Umwegen beschafft. Gesucht und nicht billig, diese Dinger.

Das wars dann. Gott beschütze diesen Fernseher! (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.11.2008, 16:05 Uhr

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