Ausland

Raúl Castro ist bereit, Obama an einem «neutralen Ort» zu treffen

Von Oscar Alba, Havanna. Aktualisiert am 23.12.2008

Kubas Präsident hat sieben Stunden lang mit Filmstar Sean Penn gesprochen - und dabei Interessantes gesagt.

Gesprächsbereiter als sein Bruder: Raúl Castro.

Gesprächsbereiter als sein Bruder: Raúl Castro. (Bild: Keystone)

Der amerikanische Schauspieler und Filmregisseur Sean Penn hat geschafft, was Journalisten seit über zwei Jahren vergeblich versuchen: mit Fidel Castros Nachfolger und Bruder Raúl Castro ein Interview zu führen. Sean Penn, der gerne politisiert und schreibt und sich früher schon mit Hugo Chávez und Fidel Castro unterhalten hatte, reiste Ende Oktober nach Venezuela zu Chávez und anschliessend nach Havanna zu Raúl Castro. Mit beiden Staatspräsidenten hat Penn stundenlang gesprochen und darüber einen Essay verfasst. Dieser erscheint am 15. Dezember in der amerikanischen Zeitschrift «The Nation», ist auf der Internetseite jedoch bereits zu lesen.

Im ersten Interview mit einem Ausländer sagte Raúl Castro, er sei bereit, sich mit Barack Obama «an einem neutralen Ort» zu treffen, zum Beispiel auf der US-Militärbasis Guantánamo im Osten Kubas. «Wir sollten uns treffen und beginnen, unsere Probleme zu lösen», sagte Raúl im siebenstündigen Gespräch, das kurz vor den amerikanischen Präsidentschaftswahlen stattfand. Raúl zeigte sich überzeugt, dass Obama die Wahlen gewinne, «sofern er vorher nicht umgebracht wird».

Gute Beziehungen zwischen den USA und Kuba wären für beide Länder vorteilhaft, meinte der 77-jährige Revolutionär bei Tee und Wein mit dem Schauspieler. Das Wichtigste sei, so Raúl, endlich den Handel zu normalisieren. Kuba ist wirtschaftlich am Boden und leidet seit über 46 Jahren unter einem Handelsembargo der USA. Dieses wurde 2001 allerdings etwas gelockert; Kuba importiert seither einen grossen Teil der Lebensmittel aus den USA.

Im Gespräch gab Raúl erstmals öffentlich bekannt, dass Kuba seit dem Massenexodus 1994 regelmässige, geheime Kontakte mit dem US-Militär pflege. Bei diesen monatlichen Treffen gehe es ausschliesslich um die Militärbasis Guantánamo. Man führe gemeinsam Manöver und Notfallübungen durch. Bis heute hätten 157 Treffen stattgefunden. Raúl Castro hatte 2006 zweimal in Reden signalisiert, er sei zum Dialog mit den USA bereit. Seit der Wahl Obamas hat die kubanische Regierung jedoch kein einziges Signal mehr in Richtung des verfeindeten Nachbarlandes gegeben - auch nicht Fidel Castro, der in seinen fast täglich veröffentlichten Reflexionen sonst kein Thema dieser Welt auslässt.

Ein Internetportal der kubanischen Regierung hat die Auszüge aus Sean Penns Essay ins Spanische übersetzt und jetzt publiziert. Da aber die meisten Kubaner keinen Zugang zum Internet haben, erfahren sie nie, dass ihr Präsident im Schatten von Fidel ein weiteres Mal die Hand in Richtung USA ausgestreckt hat. Raúl hatte seinen grossen Bruder wohl gefragt, ob er mit dem Hollywoodstar reden dürfe oder solle. Zu Beginn des Gespräch sagte Raúl: «Soeben hat mich Fidel angerufen und gesagt, ich solle ihm nach dem Interview sofort telefonieren und alles erzählen, worüber wir gesprochen haben.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.12.2008, 13:12 Uhr

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