Ausland

Raúl hat das Amt, nicht die Macht

Von Oscar Alba, Havanna. Aktualisiert am 19.02.2009

Nie war die Zeit für einen Wandel in Kuba besser. Raúl Castro gibt sich vorsichtig offen. Bruder Fidel nicht. Ein Jammer.

Die Kubaner erwarten von Raúl Castro mehr als die Aufhebung einiger Verbote.

Die Kubaner erwarten von Raúl Castro mehr als die Aufhebung einiger Verbote.
Bild: Keystone

So komfortabel hatten es die Kommunisten in Kuba schon lange nicht mehr. Ihr Feind, der Kapitalismus, ist angeschlagen. Und seit Fidel Castro krank im Bett liegt, hat ein grosser Wandel bereits stattgefunden: Die Welt ist Kuba gegenüber offener und gesprächsbereiter denn je. Lateinamerika hat die einst von vielen Ländern verstossene Insel wieder in die Arme geschlossen, Europa die Sanktionen aufgehoben, China und Russland geben sich brüderlich wie zu alten Zeiten, und in den USA ist ein vielversprechender neuer Mann an der Macht.

Das politische Klima ist für Kuba ideal, sich der Welt zu öffnen, ohne dass diese vorschreibt, welcher Weg für das Land mit seinem eigenartigen Sozialismus der richtige ist. Kein besonnener Geist verlangt von Raúl Castro nach 50 Jahren Herrschaft seines Bruders einen radikalen Wandel. Den würde das Land nicht verkraften. Mit behutsamen und steten Reformen könnte der 77-jährige Raúl als kleiner Gorbatschow Kubas in die Geschichte eingehen - und so aus dem Schatten seines 82-jährigen Bruders treten. Seit einem Jahr ist Raúl Präsident. Provisorisch übernahm er das Amt bereits im Sommer 2006. Verändert hat er Kuba nicht. Noch nicht.

Raúls Reformen: Zaghaft

Der kleine Mann mit der grossen Brille weckte zunächst Hoffnungen - auf der Insel und im Ausland. In seinen angenehm kurzen Reden sprach er von dringend nötigen «strukturellen und konzeptionellen Veränderungen», von «absurden Verboten», die abgeschafft gehören. Nach der Amtsübernahme vor einem Jahr hob er ein paar Verbote auf: Die Kubaner dürfen jetzt Computer und DVDs kaufen, Autos mieten und in Touristenhotels logieren - bei einem Durchschnittslohn von 20 Franken kann sich diese neuen Freiheiten nur leisten, wer Geld von Verwandten im Ausland erhält.

Die Menschen erwarten andere Reformen und Freiheiten, allen voran wirtschaftliche. Sie wollen selbstständig arbeiten und geschäften, Löhne, die zum Leben reichen. Sie wollen Eigentumsrechte (die existieren nur auf dem Papier), damit sie mit ihrer Wohnung, ihrem Haus, ihrem Auto oder Motorrad machen können, was sie wollen (verkaufen ist verboten). Und sie wollen - wenn sie die Möglichkeit haben - endlich frei reisen können.

Am dringendsten sind Reformen in der Landwirtschaft. Sie ist Kubas Rückgrat und liegt am Boden. Drei Millionen Hektaren, fast die Hälfte aller Felder, liegen brach, das Land muss 80 Prozent aller Lebensmittel teuer importieren. Um diese Quote zu verringern, hat Raúls Regierung begonnen, Brachland an Bauern zu verpachten. Der Befehl an die ganze Nation lautet: mehr produzieren! Erst recht nach den verheerenden Hurrikanes im Herbst, die Schäden von zehn Milliarden Dollar verursacht haben. Nun wird wie wild gesät, was rasch wächst und reift. Manche Provinzen haben bereits das Plansoll für Tomaten gesprengt. Ein Problem. Es gibt zu wenig Holzkisten und Lastwagen für den Transport. Und da die Bauern die Ernte nicht selber verkaufen dürfen, verfaulen die Früchte. Es ist der ewige Teufelskreis dieses Staates, der immer noch alles in seinen Händen halten will, aber schon lange nicht mehr kann.

Es braucht dringend Geld

Weil Kuba nicht aus der Planwirtschaftskrise herauskommt, sind auch die Errungenschaften gefährdet, auf die das Land zu recht stolz ist: das Bildungssystem, das Gesundheitswesen und die soziale Sicherheit. Um sie zu erhalten, braucht das Land dringend mehr Geld. Wird das nicht erwirtschaftet, drohen diese Pfeiler der Revolution einzustürzen.

Von «konzeptionellen und strukturellen Veränderungen» ist ein Jahr nach Fidels Rücktritt noch nichts zu sehen. Raúl rüstet sich anderweitig für die Zukunft: Er baut seinen Machtapparat um und betreibt eifrig Aussenpolitik. Im vergangenen Jahr hat er sukzessive Generäle aus der Armee herausgelöst und in hohe Regierungsposten und Ministerränge gehoben. Alles graue, alte Befehlsempfänger, die Raúl, dem Chef der Streitkräfte, aufs Wort gehorchen. Fidels Ziehsöhne schiebt Raúl mehr und mehr ins Abseits.

Gesprächsbereit gegenüber Obama

Aussenpolitisch weibelt Raúl von einem Termin zum nächsten. Er trifft sich mit den Staatschefs aus China, Russland, Brasilien, Argentinien, Chile, Mexiko und anderen Ländern. Man unterschreibt Abkommen und fädelt Geschäfte ein. Kuba erhält wieder Kredit, auch politischen. Die Kommunisten auf der Insel, so die neuen und alten Freunde, sollten ihren «eigenen Weg» gehen dürfen und die USA endlich das Embargo aufheben. Raúl nutzt diesen Rückenwind. Er geht neue Partnerschaften ein - und löst sich damit ein wenig von Venezuelas Präsident Hugo Chávez, von dessen Erdöl und Petrodollars Kuba zurzeit so abhängig ist wie einst von den Subventionen der Sowjetunion. Der stille Raúl, so heisst es, habe seine liebe Mühe mit dem lauten Chávez. Die öffentlichen Auftritte der beiden bestätigen es. Der venezolanische Heisssporn spuckt ständig gegen die USA und propagiert den «Sozialismus des 21. Jahrhunderts». Raúl zeigt sich Obama gegenüber gesprächsbereit und nimmt das Wort «Sozialismus» praktisch nie mehr in den Mund.

Raúl hat den Ruf, pragmatisch, teamfähig und ein Organisationstalent zu sein. Einen solchen Mann braucht Kuba nach 50 Jahren Fidel Castro, der das Land ideologisch, autokratisch und chaotisch geführt hat. Noch lebt Fidel. Der hat seinem jüngeren Bruder zwar das Amt, nicht aber die Macht abgegeben. Die höchste Autorität ist und bleibt Fidel. Der starrköpfige Marxist-Leninist hat angeblich mehrere Reformen blockiert.

Für die Menschen in Kuba ist klar: Solange Fidel lebt, wird er das Sagen haben und seinem Bruder das Regieren schwer machen. Wie kürzlich wieder: Als Raúl im fernen Russland auf Staatsbesuch war und «strategische Partnerschaften» für die Zukunft unterschrieb, attackierte Fidel mit mehreren Texten Barack Obama - er sei mitverantwortlich an Israels «Genozid» an den Palästinensern und gegenüber Kuba hochmütig. Tage zuvor hatte Castro sich noch positiv über den neuen US-Präsidenten geäussert.

Strammstehen - daneben

Doch das ist Fidels ewig gleiche Guerillataktik: Zuerst geht er einen Schritt auf den Feind zu, lächelt ihn an und schlägt ihm dann die Faust ins Gesicht. So war Fidel immer. So hat er sich 50 Jahre lang durchgeboxt. Doch jetzt ist es nur noch der verzweifelte Kampf eines alten Kriegers, der am Ende ist - gegen einen (Obama), dem die Zukunft gehört. Raúl steht wie seit eh und je stramm, still und loyal daneben. Er wird es weiter tun - bis zu Fidels Tod. Damit Kuba und die Welt erfahren, was Raúl Castro wirklich will, ist eines unabdingbar: Er muss den zähen Fidel überleben. Daran sind schon manche gestorben. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.02.2009, 09:53 Uhr

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