Ausland

Silber für die Revolution

Von Oscar Alba. Aktualisiert am 05.09.2008

Kuba hat Muskelkater. Vom Sitzen und Fiebern. Zwei Wochen lang vor dem Fernseher oder dem Radio, körperlich stets angespannt, mental ständig im fernen Peking, das macht müde.

Jetzt sind sie vorbei, die Olympischen Spiele. Vorher war der kubanische Alltag im Ausnahmezustand.

Männer trugen morgens ihr Fernsehgerät von zu Hause zur Arbeit, in ganz Havanna waren dieselben kleinen Transistorradios gleichgeschaltet – ein Modell aus China, das die Regierung en masse importiert und günstig verkauft hatte. Sind die Batterien leer, kann man das Gerät mit einer Handkurbel wieder zum Tönen bringen. Peking verstummte nie während der letzten zwei Wochen. Spielten die Heiligen des Nationalsports Baseball, waren die Strassen fast menschenleer. Auf Armaturenbrettern und Baustellen, an Wachposten und Ohren von Buspassagieren: überall Transistorradios. «Peking 2008» war rund um die Uhr auf Sendung, exklusiv auf Radio Rebelde, dem von Che Guevara vor 50 Jahren in der Sierra Maestra gegründeten Rebellensender.

Sport ist in Kuba Politik – Aussenpolitik –, um der Welt zu beweisen, zu welch herausragenden Leistungen der sozialistisch geschulte Mensch fähig ist. In einer Welt, die «verseucht ist von Krämerseelen, Lastern, Drogen, Doping und Konsum», wie Fidel Castro vor den Spielen in einer seiner «Reflexionen» geschrieben hatte. Der kranke Máximo Líder spornte seine Athleten an, mit «Würde und Patriotismus» im Namen der Revolution und für die Revolution um Medaillen zu kämpfen. Und er geisselte jene, die sein System zu grossen Sportlern gemacht hatte, die aber dann «moralisch versagten, unser Vaterland verrieten und ihre Seele dem Feind verkauften». Die Liste der kubanischen Stars, die bei Wettkämpfen in den USA und anderen Ländern abgesprungen sind, ist lang - nicht nur Sportler, auch Wissenschaftler, Ärzte und andere top Ausgebildete verlassen jedes Jahr die Insel. «Diese Länder mit ihrem Geld», so der Revolutionsführer, «köpfen Kuba, rauben uns ständig Hirne, Muskeln und Knochen.» Für die Fahnenflüchtigen kennt Fidel keine Gnade: «Wir werden nie erlauben, dass diese Abtrünnigen in unser Land zurückkehren.»

Trotz dieses Aderlasses hat es Kuba bis heute geschafft, eine erfolgreiche Sportnation zu sein. In Peking gewann sie 24 Medaillen, mehr als jedes andere lateinamerikanische Land – aber nicht genug für Kuba. Das Land erwartete viel mehr Gold (nur zwei, in Athen waren es neun). Damit sich Enttäuschung und Frust über die verpassten Siege im Boxen und Baseball (ein nationales Drama!) nicht zu sehr über die Insel ausbreiten, titelte das kommunistische Parteiblatt «Granma» schon einen Tag vor Ende der Spiele: «Es ist nicht alles Gold, was glänzt.» Die Zeitung schrieb, auch die Zweit- und Drittplatzierten seien Helden. Diese widmeten in Interviews ihre Medaillen standesgemäss der Revolution, deren Vater Fidel und dessen Bruder Raúl. Und als für die zwei Goldgewinner in Peking die kubanische Nationalhymne ertönte, standen in Kuba manche Landsleute vor dem Fernseher auf und sangen das Hohelied aufs Vaterland. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.09.2008, 19:34 Uhr

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