Ausland

Tief im Landesinnern hat Kuba die Zukunft verloren

Von Oscar Alba. Aktualisiert am 06.08.2008

Auf Kubas Feldern verfaulen Tonnen Früchte und Gemüse. Fast die Hälfte des fruchtbaren Landes liegt brach. 80 Prozent der Lebensmittel müssen importiert werden. In 50 Jahren Revolution hat der Staat die Bauern vom Boden entfremdet.

Am Rande der Landstrasse lächeln tote Revolutionäre von riesigen Propagandawänden. In grossen Lettern stehen Parolen wie «Bauern verteidigen den Sozialismus» und «Landwirte immer mit Fidel». Der Lastwagen, ein Rosthaufen aus der ehemaligen Sowjetunion, braust in schneidigem Tempo über den holprigen Asphalt. Der Kipper ist voll gefüllt mit dicht aneinander stehenden Menschen, die sich in dieser unendlich weiten Ebene von Dorf zu Dorf transportieren lassen.

Provinz Ciego de Ávila, Zentralkuba, 500 Kilometer östlich von Havanna. Fruchtbarer Boden bis zum Horizont. Er ist überwuchert von Kubas grösster Landplage: dem Marabú, einem dichten Dorngestrüpp, drei, vier Meter hoch. Ganze Landstriche auf der 1300 Kilometer langen Insel sind undurchdringliches Marabú-Land. Dem Staat fehlt es an Gift, Werkzeug und Manneskraft, um dem Übel Herr zu werden. Vier Millionen Hektar, fast die Hälfte des Landwirtschaftslandes in Kuba, ist schlecht oder gar nicht genutzt, dem Marabú überlassen.

Auf den Böden, die in Ciego de Ávila noch genutzt werden, wächst kilometerweit Zuckerrohr oder Gras für magere Rinder und Kühe mit kleinen Eutern. Hie und da erstrecken sich Felder die Strasse entlang, auf denen verloren ein paar Landarbeiter mit Hacken und Rechen arbeiten, ein Ochsengespann eine Egge zieht. Ausser mal ein alter, klappriger Traktor sind weit und breit keine Landmaschinen in Sicht. Auf einem Fahrzeugfriedhof beim Dorf Violeta rosten ausgeweidete Traktoren, Lastwagen und Anhänger vor sich hin.

Lebensmittel aus den USA

Kubas Landwirtschaft, einst das wirtschaftliche Rückgrat der Nation, liegt am Boden. Vorbei die Zeiten, als die Karibikinsel Millionen Tonnen Zucker, Früchte, Gemüse und andere Produkte exportierte und im grossen Stil Vieh züchtete. Heute muss das Land 84 Prozent aller Lebensmittel importieren, sogar Zucker. Die Grundnahrungsmittel, die der sozialistische Staat dem Volk zu massiv subventionierten Preisen verkauft, sind rationiert. Milch, hergestellt aus Pulver, gibts nur für Kinder bis sieben Jahre.

Diese Abhängigkeit vom Ausland ist teuer: Letztes Jahr musste Kuba für 1,5 Milliarden Dollar Lebensmittel einführen – den grössten Teil aus den USA, dem Land, das die Insel seit fast 50 Jahren wirtschaftlich boykottiert. Ein Boykott mit Lücken: Seit 2001 darf Kuba in den USA Lebensmittel einkaufen, gegen Bar- und Vorauszahlung. In den ersten vier Monaten dieses Jahres gab das Land dafür 250 Millionen Dollar aus. So stopfen die Gebrüder Castro ihrem Erzfeind Milliarden in den Rachen. Aus Not. Im nahen Nachbarland einkaufen ist günstiger als irgendwo weit weg.

Carlos Lage, einer der fünf Vizepräsidenten des Landes, sagte kürzlich, wegen der hohen Lebensmittelpreise auf dem Weltmarkt könnten dieses Jahr die Importkosten von 1,5 auf 2,5 Milliarden steigen. Eine lebensgefährliche Explosion für das arme Land. Die Regierung läutet seit Monaten die Alarmglocken. Der Befehl an die Bauern und Landarbeiter lautet: Produziert mehr, damit wir weniger importieren müssen! Ziel ist, den Importanteil in den nächsten fünf Jahren von 84 auf 50 Prozent zu senken.

Die Landwirtschaft ist Kubas Lebensnerv. Ohne Bauern hätte es vor 50 Jahren keine Revolution gegeben, wären Fidel und seine Rebellen wohl nie an die Macht gekommen. Die armen Leute auf dem Land unterstützten die bärtigen Guerilleros. Diese sicherten den Bauern Bodenbesitz zu, gaben ihnen «befreites» Vieh von Grossgrundbesitzern und versprachen, Zukunft und Land gehörten in Kuba dem kleinen Mann. Kaum an der Macht, garantierte Fidel 1959 mit der ersten Agrarreform einen Privatbesitz von bis zu 400 Hektar. Vier Jahre später, Fidel hatte inzwischen den Sozialismus ausgerufen, proklamierte er: «Fort mit der ruralen Bourgeoisie.» Eine massive Enteignungswelle wandelte die privaten Latifundien in einen gigantischen staatlichen Grossgrundbesitz um. Heute sind in Kuba gut 70 Prozent des Landwirtschaftslandes in Staatsbesitz. Der Rest gehört Kleinbauern und Kooperativen, die der Staat rigoros kontrolliert.

Kurz vor Sonnenaufgang auf einem kreisrunden, 25 Hektar grossen Feld unweit des Dorfes Velasco, das seit der Revolution eigentlich Pedro Ballester heisst. Es ist der Name eines toten Patrioten. Doch niemand in dieser Gegend nennt das Dorf so, Velasco ist geblieben, der Name des spanischen Kolonialherre. 15 Männer steigen von einem Anhänger, der nur noch aus vier Rädern und einem rostigen Boden besteht. Er hängt an Enriques Traktor, der nach Gesetz gar nicht existieren dürfte. In Kuba bestimmt der Staat, wer ein Recht auf welches Fahrzeug hat. Enrique ist «auf Umwegen» zu dem sowjetischen Traktor, Modell 70er-Jahre, gekommen. Alles ist zusammengebastelt, kein Teil mehr Original, die Reifen haben null Profil, doch das Ding fährt. Auf dem Feld nützt der Traktor nur etwas, wenn der Betrieb die Egge oder den Sprühanhänger dann zur Verfügung stellen kann, wenn man diese Geräte braucht. Das sei leider selten der Fall, sagt Enrique. «Der Betrieb hat fast kein Material, das funktioniert.» Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion gibt es keine Ersatzteile mehr. Die Zeitung «Juventud Rebelde» berichtete kürzlich, in der Provinz Havanna seien bis vor kurzem 90 Prozent aller Lastwagen stillgestanden. Jetzt hat die Regierung Reifen und Batterien eingekauft.

Die Luft ist feucht und warm, die Erde dunkelrot und nass, nach zehn Schritten klebt sie zentimeterdick und kiloschwer an den Sohlen der Arbeiter. Sie tragen löchrige Stiefel, alte Militärschuhe, ausgefranste Turnschuhe oder gar keine Schuhe. Hosen und Hemden sind zerschlissen. Die Männer erinnern sich nicht, wann sie vom Staatsbetrieb zum letzten Mal Arbeitskleidung erhalten haben. Das Feld ist in vier Parzellen geteilt, Kochbananen, Kürbis, Mais und Maniok. Feldchef Ricardo schickt die Arbeiter in die Bananenplantage. Mit der Machete schlagen sie die faulen Blätter ab und köpfen die Sprösslinge, die den ausgewachsenen Pflanzen die Nahrung entziehen. Die Plantage hat über 50 000 Bananenbäume, die Arbeit dauert Tage. Zwischendurch zieht Feldchef Ricardo ein paar Leute für andere Arbeiten ab: Kürbiskerne säen, mit der Machete im Maniokfeld grosse Blätter kappen, mit dem tropfenden Gifttank auf dem Rücken Herbizid sprühen – alles Handarbeit, zeitaufwendig und anstrengend. Gesichter, Arme und Hände der Arbeiter sehen aus wie gegerbtes Leder.

Für 5 Stunden Arbeit 60 Rappen Lohn

Ricardo und seine Männer arbeiten unter der Resolution 960/98, eine von unzähligen, die die Arbeitsbedingungen zwischen Staat und Landarbeiter regeln. Ricardo und seine Männer müssten acht Stunden arbeiten, zu einem Taglohn von knapp 50 Rappen. Die Resolution 960 sieht als Anreiz eine Gewinnbeteiligung für die Feldarbeiter vor: die Hälfte des Reingewinns, die der staatliche Betrieb mit dem Verkauf der Ernte erzielt. Für die Arbeiter ist das alles zu kompliziert. Feldchef Ricardo und sie haben ihre eigenen Regeln: Fünf Stunden Tagesarbeit, von sechs bis elf Uhr, 60 Rappen Lohn. Ricardo kassiert alle Fixgehälter und Gewinnbeteiligungen und zahlt daraus die höheren Löhne.

Mehr Lohn für weniger Arbeitsstunden, Chef und Arbeiter, die am Staat vorbei sich selber organisieren: Ist alles illegal, in Kuba aber Alltag. Ricardos Nachbar, Pablo, der als Kontingentchef einer staatlichen Produktionseinheit streng nach Gesetz arbeiten muss, sagt: «Die selbstständigen Kleinbauern und Gruppen wie jene von Ricardo arbeiten effizienter und produzieren auf weniger Boden mehr als die betriebseigenen Kontingente.» Laut Statistiken produzieren die Kleinbauern und Kooperativen auf ihren 30 Prozent Landanteil zwei Drittel aller Lebensmittel des Landes. Die meisten Grossbetriebe sind völlig ineffizient.

Das Grundprinzip der staatlich gelenkten Landwirtschaft ist: Der Landarbeiter und Bauer muss nur das Feld bestellen, um alles andere kümmert sich der Staat. Er plant und schreibt vor, wo was in welchem Tempo angebaut und geerntet werden muss und stellt den Arbeitern alles zur Verfügung, was sie brauchen. Werkzeug, Landmaschinen, Treibstoff, Düngemittel, Kleidung, in Grossbetrieben sogar Kost und Logis. Auch Transport, Verkauf und Vertrieb ist Sache des Staates. Kurz: Der Staat, sprich ein Heer von Planern und Verwaltern, ist für alles verantwortlich. Der von Bürokram «befreite» Bauer erhält einen Lohn, der zum Leben reicht. So die Theorie. Sie ist Lichtjahre vom Alltag entfernt.

Es mangelt an allem. Die Staatsbetriebe können selten liefern, was die Bauern und Arbeiter brauchen. Diese müssen selber schauen, was sie wo «auf Umwegen» beschaffen können. Praktisch alles, was die Bauern brauchen, beziehen sie von subalternen Funktionären und Verwaltern. Die manipulieren Planvorgaben, zweigen Material ab und verkaufen es weiter, um ihren Lohn aufzubessern. Der Diebstahl am Staat ist eines der grössten Probleme in diesem Land. Nicht nur Material. Bauern erzählen, wie Kühe und Ochsen über Nacht verschwinden, erntereife Bananenbäume leergefegt und sackweise Mais und Maniok geklaut werden.

Am Nachmittag auf einem Grundstück eines privaten Kleinbauern zwischen den Dörfern Velasco und Violeta. Im Schatten unter Avocado- und Mangobäumen sitzen zwei Dutzend Landwirte auf dem Boden und reichen einen Plastikbecher voll Rum herum. Nach zwei leeren Flaschen beginnt die monatliche Sitzung der Kooperative. Drei Provinzfunktionäre sind mit einem Lada aus der Provinzhauptstadt hergefahren. Das Traktandum «Produktion, Verkauf und Vertrieb» kommt den Bauern gerade recht. Einer ist aufgebracht, weil ihm bei der letzten Ernte zweieinhalb Tonnen Kohl liegen geblieben und verfault sind. Der staatliche Abnehmer hätte ihm nur die im Voraus geplanten zwei Tonnen abgekauft, die anderen zweieinhalb jedoch verweigert. Grund: kein Lagerraum. Als der Bauer einen anderen Transporteur und Abnehmer aufgetrieben hatte, war es zu spät, der Kohl braun und faul. Immer wieder habe er Probleme mit dem Abnehmer. Andere Bauern berichten von ähnlichen Debakeln.

Die staatlichen Abnehmerorganisationen sind massiv in der Kritik, auch in den Medien, die, seit Fidels Bruder Raúl Castro an der Macht ist, kritischer berichten und auch Leserbriefe veröffentlichen. Im kommunistischen Parteiblatt «Granma» schilderte ein Bauer kürzlich, wie ihm in den letzten zwei Jahren 27 Tonnen Guavenbirnen verfault sind, weil der Staat sie ihm nicht abgenommen hatte – keine Lastwagen, keine Kisten, keine Lagerkapazität, die Waage war kaputt. Und dies in einem Land, so der Leserbriefschreiber, das für seine Konservenindustrie in den letzten Jahren mehrere Hundert Tonnen Guavenbirnen aus Brasilien, Tomaten aus China und Kokosmasse aus Sri Lanka importieren musste. Man solle ihm, so der Bauer, bitte einmal erklären, was in diesem Staate alles faul sei. An der Sitzung der Kooperative kritisieren die Bauern, dass der Staat sie mehr drangsaliere als unterstütze. Einer will wissen, was mit der von Raúl angekündigten Reform sei, brachliegende Böden an Bauern zu verteilen. Dies, so die Funktionäre, sei «zurzeit sistiert», werde «oben» in der Regierung nochmals «analysiert». Es kursieren Gerüchte, Fidel habe Raúl zurückgepfiffen. Über die Abgabe von Land sei zurzeit ein Disput auf höchster Ebene im Gange: Reformer gegen Taliban, wie die treuen Fidelisten in der Regierung genannt werden. Sie sind gegen jede Öffnung und Liberalisierung.

Am Ende der Sitzung appellieren die Funktionäre an die Bauern, sie sollen sich an die Gesetze, Vorschriften und Produktionspläne halten. So könnten viele Probleme mit den Abnehmern verhindert werden. Der Jurist, der mit Mappe und Papieren gekommen ist, sagt: «Ihr könnt ja lesen, seid keine Analphabeten mehr wie die Bauern vor der Revolution.» Der Administrator der Kooperative hebt den rechten Zeigefinger in die heisse Luft: «Erinnert euch an die Worte von Genosse Raúl. Ihr Bauern seid in diesem lebenswichtigen Produktionskrieg im vordersten Schützengraben, die Frontkämpfer.» Ein Bauer bemerkt darauf spöttisch: «Ja, an der Front, ohne Waffen und mit zusammengebundenen Händen.» Ein anderer: «Dieses System lässt uns ja keine Freiheiten, um mehr zu produzieren.»

Im April titelte die Zeitung «Granma»: «Und wer will noch auf dem Land arbeiten?» Der Artikel schilderte, wie der Landwirtschaft die Jungen fehlen, wie sie auf die Alten angewiesen ist. Für die Ernten müssen immer wieder Tausende Pensionierte mobilisiert werden.

Eine Insel der Alten

Von den 14 Arbeitern, die unter Feldchef Ricardo arbeiten, sind 10 im Rentenalter, der älteste ist 80 Jahre alt. Manche kämpften aktiv für die Revolution. Sie arbeiten auf dem Feld, weil die Pension nicht zum Leben reicht und weil man «es der Revolution schuldig ist», wie Raúl sagt. Er ist 68, hinkt, seine Knie sind kaputt. «Das Leben hier ist nicht einfach, doch vor der Revolution war meine Familie niemand und mausarm, heute reicht es für das Nötigste.» Die Söhne und Töchter dieser alten Generation hat die Revolution zu Ärzten, Ingenieuren und Funktionären ausgebildet. Landarbeit interessiert sie nicht, die Zeiten vor der Revolution kennen sie nicht. Sie leben auf einer Insel, die von Alten regiert und beackert wird. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.08.2008, 16:25 Uhr

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