Und ewig stehen die Kubaner Schlange
Von Oscar Alba. Aktualisiert am 06.08.2008
Zuerst war es ein verbaler Streit zwischen zwei Männern, doch wie in Kuba üblich mischten sich sofort auch Unbeteiligte ein, und so kam es zum Geschrei und Geschubse. Der Wachmann musste energisch dazwischen gehen, drohte mit dem Gummiknüppel und befahl den beiden Streitenden, nochmals zuhinterst in der Warteschlange anzustehen.
Eherne Gesetze beim Warten
Zum Tumult in Jatibonico war es gekommen, weil beide Männer behaupteten, sie hätten sich nach jenem Grossmütterchen am Gehstock eingereiht, das nach langem Anstehen nun an der Reihe war, den kleinen Laden zu betreten. Die gute alte Frau konnte sich aber beim besten Willen nicht mehr daran erinnern, welcher der beiden sich hinter ihr eingereiht hatte. Und weil dahinter ein paar Wartende die Geduld verloren und das Anstehen aufgegeben hatten (Lücken!), kam es zum Streit über das Wer-nach-wem.
Es ist immer so: Wenn in Kuba die Gesetze des Schlangestehens nicht eingehalten werden, gibts Krach. Diese Gesetze sind: Erstens, in Kuba gibt es immer und überall Warteschlangen, an Bushaltestellen, vor Läden, Bankschaltern und Behördenbüros. Zweitens, die Personen werden oft nur tröpfchenweise ein- und vorgelassen – in Banken so viele, wie es Schalter hat, in Läden so viele, dass es die Angestellten nicht überfordert (meistens hat es mehr solche als Kunden in einem Laden). Drittens, und das ist das eisernste aller Gesetze, wer sich neu in eine Schlange stellen will, muss zuerst einmal laut und für alle Anwesenden gut hörbar eine der beiden Standardfragen stellen. Diese lauten: «Wer ist der Letzte?» oder «Wer ist die letzte Person?» Irgendjemand aus dem wartenden Menschenhaufen meldet sich dann. So weiss der Neue, hinter wem er an der Reihe ist.
Unerlässlich ist auch, jene Person vor einem zu fragen, hinter wem sie stehe. Das muss man wissen für den Fall, dass die Person vor einem die Geduld verliert und frühzeitig die Warteschlange verlässt. Um eine solche Lücke sauber schliessen zu können, muss man sich unbedingt die zwei Gesichter merken, die vor einem an der Reihe sind. Ein Risikofaktor sind Touristen, sie kennen die Gesetze des Schlangestehens nicht.
Ein zusätzlicher Schwierigkeitsgrad ist die Sonne. Und die brennt in Kuba fast immer. Unter dieser Sonne geduldig in einer geordneten Reihe stehen, nein, das tut sich niemand an. Was bedeutet: Die Warteschlangen sind unsichtbar. Jeder, der sich nach den nächsten beiden Personen vor ihm erkundigt hat, flüchtet sofort in den Schatten, unter ein Hausdach oder unter einen Baum (von wo aus er die beiden Personen vor sich immer im Auge behalten muss). So sieht man vor einem Geschäft oder einem Amt immer nur eine wild verstreute Ansammlung von Menschen, man sieht aber nicht, wer davon Teil der Schlange ist oder wer sich nur gerade ein Momentchen, beim Vorbeigehen, im Schatten ausruht.
Errungenschaft der Revolution
Man weiss also nie, wie lange die Schlange, sprich die Wartezeit, ist. Sie ist meistens lang, vor allem bei Behörden. Es kommt nicht selten vor, dass man sich morgens um acht Uhr einreiht, drei Stunden später aber unverrichteter Dinge nach Hause gehen muss, weil die Amtsstelle ihre Schalter um elf Uhr schliesst.
Schlangestehen ist ein fester Bestandteil der kubanischen Revolution. Alte Menschen mögen sich nicht daran erinnern, dass es vor 1959, als Kuba noch zum kapitalistischen wilden Westen gehörte, Warteschlangen gab. Nach dem Handgemenge vor dem Lebensmittelladen in Jatibonico rief ein junger Mann in ironischem Ton in die aufgebrachte Menge: «Genossen, Ruhe und Ordnung bitte! Schlange stehen ist eine der grossen Errungenschaften des Sozialismus.» (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 06.08.2008, 16:18 Uhr
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