Ausland

Und täglich klopft ein Beamter an die Tür

Von Oscar Alba. Aktualisiert am 06.08.2008

Rechnungen, Einzahlungsscheine und andere unerfreuliche Post im Briefkasten – das gibt es in Kuba nicht.

Jeder Staatsbetrieb hat dafür sein eigenes Heer von Beamten, die täglich und im ganzen Land (elf Millionen Einwohner) zu Fuss unterwegs sind und die Monatsrechnungen für Gas, Strom, Wasser, Telefon und Zeitungsabos persönlich und einzeln vorbeibringen.

Die Rechnungen sind kleine, zum Teil von Hand ausgefüllte Fakturazettel. Bezahlung an der Haustür und nur in bar. Die Telefongesellschaft ist der einzige Staatsbetrieb, der auch Post- oder Banküberweisung akzeptiert. Die Beträge all dieser Monatsrechnungen schwanken je nach Verbrauch zwischen zehn Rappen und zwei, drei Franken. Der sozialistische Staat subventioniert alles und zahlt dafür mickrige Löhne.

In Kuba klopft ständig irgendein Beamter an die Tür. Nummer eins in Sachen Hausbesuche ist das Ministerium für Gesundheitswesen. Dieses schickt pro Monat mindestens sechs verschiedene Angestellte in jeden Haushalt – zwecks Kontrollen, Statistiken und Ausräucherung. Eine Frau von der Statistik will wissen, wo es überall wasserundichte Stellen im Haus hat. Ob Bewohner in letzter Zeit erkrankt sind und wenn ja woran. Sie notiert alle Angaben und baulichen Mängel in eine Tabelle und weist freundlich darauf hin, dass sie aber nicht zuständig sei für Reparaturen. Dafür müsse man sich an das Büro für Wohnungswesen wenden. Sie rät aber davon ab, «weil das Jahre dauert, bis die was machen».

Jede Pfütze wird inspiziert

Alle zehn Tage kommt ein Wasserkontrolleur vorbei. Hie und da klopfen in fünf Tagen drei verschiedene an die Tür. Das sind dann Vorgesetzte verschiedener Hierarchiestufen, die kontrollieren, ob der Kontrolleur wirklich im Haus war. Der muss jede Pfütze im Hinterhof und jedes einzelne mit Wasser gefüllte Gefäss inspizieren. Fast in jedem Haushalt stehen vor Altären und auf Möbeln volle Wassergläser, sie gehören zu den Reliquien der afrokubanischen Religion Santería. Der Kontrolleur zündet mit einer Taschenlampe in alle Behälter. Findet er auch nur eine einzige Larve der Stechmücke Aedes aegypti, müssen die Gefässe ausgewaschen und ausgebürstet werden.

Sünder am Pranger

Aedes aegypti ist eine blutrünstige Mücke, die das gefährliche Dengue-Fieber übertragen kann. Nach dem Kontrollgang streut der Beamte ein Giftpülverchen in Zisternen und Abflüsse und notiert seine Befunde ins Formular «91-09 – Überwachung und Kampf antivektorial». Dieses hängt in jedem Haus neben der Eingangstür.

Finden die Kontrolleure in Restaurants und anderen Betrieben Larven, werden die Sünder mit Namen und Adresse in der Sonntagszeitung «La Tribuna» unter der Rubrik «Es gibt sie noch, die Verantwortungslosen» an den Pranger gestellt. Vorschrift ist: In offenen Gefässen und Gläsern muss das Wasser alle zwei Tage gewechselt werden.

Im Kampf gegen die Aedes aeypti – eine Angelegenheit der «nationalen Sicherheit» – kreuzt zudem einmal pro Woche ein anderer Beamter mit der Ausräucherungskanone auf – im Volksmund Bazooka genannt. Das metallene Ding dröhnt und sieht aus wie ein antiker Laubbläser mit Rennauspuff. Kommt eine Räucherbrigade ins Quartier, müssen die Bewohner offen herumliegende Esswaren in Sicherheit bringen, alle Fensterläden schliessen und ihre Häuser verlassen.

Der Ausräucherer geht ins Haus, lässt seine Kanone aufheulen und nebelt alle Räume ein. Der Qualm – ein Gemisch aus Petroleum und Insektizid – dringt in jede Ritze und ist so dick, dass man keinen Zentimeter weit mehr sehen kann. Der Kanonier schliesst alle Türen und Fenster und geht zur nächsten Wohnung. Nach einer Viertelstunde können die Bewohner zurück in ihre Häuser. Zwei Stunden später liegt überall totes Ungeziefer herum. Nicht einmal die zähen Kakerlaken überleben die Attacke aus der Bazooka. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.08.2008, 16:23 Uhr

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