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Viel Sympathie für den «guten Grossvater»

Von Sandro Benini, Mexico City. Aktualisiert am 09.01.2009 16 Kommentare

Lateinamerikas Verhältnis zur Revolution schwankt seit Jahrzehnten zwischen Euphorie und Ablehnung. Doch jüngst hat der Tropensozialismus wieder an Ansehen gewonnen.


Kindlich anmutende Verehrung: Hugo Chávez (l.) und Evo Morales (r.) besuchen im April 2006 Fidel Castro auf Kuba.

Kindlich anmutende Verehrung: Hugo Chávez (l.) und Evo Morales (r.) besuchen im April 2006 Fidel Castro auf Kuba.
Bild: Keystone

«Eigentlich müsste ich jetzt blind sein», sagt Ricardo Forcano. Als der Rentner aus Uruguay vor drei Jahren an grauem Star erkrankte, verlangte das Spital in Salto für die dringend notwendige Operation eine Krankenversicherung oder Bargeld. Gerettet hat ihn ein kubanisches Ärzteteam, das sich in Uruguay aufhielt und ihn gratis behandelte. «Dass ich heute meine Enkel sehe, verdanke ich weder meiner Regierung noch der Uno. Ich verdanke es Fidel Castro. Wer schlecht über die kubanische Revolution redet, sollte meine damalige Verzweiflung erlebt haben. Dann vergeht ihm das dumme Geschwätz.»

Monterrey, im März 2002. Die mexikanische Industriemetropole ist Schauplatz eines Uno-Gipfels, an dem auch George W. Bush und Fidel Castro teilnehmen sollen. In seiner Rolle als Gastgeber befürchtet der damalige mexikanische Präsident Vicente Fox, das Zusammentreffen zwischen den beiden werde einen Eclat provozieren. Er ruft Castro an, um ihn zu bitten, noch vor Bushs Ankunft wieder abzureisen: «Comes y te vas» («Du kommst zum Essen und verschwindest»). Die Kubaner zeichnen das Gespräch auf und präsentieren es später der Öffentlichkeit. Fox steht als Lakai der USA da, seine rüde Aufforderung geht als Peinlichkeit ersten Ranges in die Annalen der mexikanischen Diplomatie ein.

Grosser Zwiespalt

Ist Fidel Castro ein barmherziger Samariter oder ein durch die Jahrzehnte irrlichternder Tyrann und Störenfried? Die beiden Anekdoten illustrieren den Zwiespalt, der Lateinamerikas Verhältnis zur kubanischen Revolution und ihrem historischen Anführer bis heute durchzieht, auch wenn in Havanna mittlerweile dessen Bruder Raúl regiert. Die weit verbreitete Meinung, wonach die lateinamerikanische Bevölkerung mehrheitlich aus unverbesserlichen Fidelisten besteht, ist zwar falsch. Laut den jüngsten Ergebnissen des Umfrageinstituts Latinobarómetro wird Castro insgesamt eher negativ beurteilt. Selbst in Venezuela, wo seit zehn Jahren sein Verbündeter Hugo Chávez regiert, lehnt eine deutliche Mehrheit den «kubanischen Weg» ab. Und dennoch: Solange Castro noch reisen konnte, strömten begeisterte Menschenmengen zusammen, wann immer er ein lateinamerikanisches Land besuchte. Bei den jährlich stattfindenden iberoamerikanischen Gipfeltreffen war er stets der unangefochtene Publikums- und Medienstar. Und mit Gabriel García Márquez und Diego Maradona gehören sowohl der grösste lebende Schriftsteller als auch der bekannteste Fussballer Lateinamerikas bis heute zu seinen Anhängern.

Die Bewunderung für den kommunistischen Diktator hat mehrere Gründe. Die Unterdrückungsmaschinerie des kubanischen Regimes hat die Bevölkerung im übrigen Lateinamerika nie am eigenen Leib erfahren, die Hilfe kubanischer Ärzte, Lehrer und Sporttrainer hingegen sehr wohl. Zwar versuchte Castro, seine Revolution zu exportieren, indem er linke Guerillabewegungen und Parteien mit Geld und Waffen belieferte. In einigen Fällen - etwa in Bolivien oder Argentinien - ist er damit kläglich gescheitert. In Chile gelangte sein ideologischer Gesinnungsgenosse Salvador Allende nicht durch einen gewaltsamen Umsturz, sondern dank Wahlen an die Macht - und was nachher kam, war das rechte Terrorregime des Augusto Pinochet. In Nicaragua war die Unterstützung der Sandinisten zu rechtfertigen, weil diese zuerst gegen einen grausamen Militärdiktator und später gegen fragwürdige Destabilisierungsmanöver der USA kämpften.

Für Lateinamerikas Linke, die zu den Blütezeiten kubanischer Einmischungsversuche ohnehin mehrheitlich dem Kommunismus anhing, war der Máximo líder ein Heilsbringer. Liberale, Konservative und Katholiken hielten seine Wühlarbeit zwar für gefährlich, stellten jedoch gleichzeitig fest, dass sich nirgendwo auf dem Kontinent ein kommunistisches Regime zu etablieren vermochte. Und was selbst Castros lateinamerikanische Gegner bewunderten, war seine Widerstandskraft gegen die übermächtigen Gringos. Das von Hassliebe und Minderwertigkeitskomplexen geprägte Verhältnis zu den Vereinigten Staaten machte Kuba zur Projektionsfläche, auf der in stolzen Lettern geschrieben stand: «Alles lassen wir uns nicht bieten!»

Unglaubliches Glück

Unter den zahlreichen Gründen für die Überlebensfähigkeit des kubanischen Regimes ist der banalste vielleicht der wichtigste: Fidel Castro hat immer wieder unglaubliches Glück gehabt. Als Anfang der 90er-Jahre der Ostblock zusammenbrach, wirkte der Tropensozialismus wie ein kurioses Überbleibsel, das umgehend auf dem Abfallhaufen der Geschichte landen würde. Noch 1980 hatte in mehr als jedem zweiten lateinamerikanischen Land eine Diktatur geherrscht, nun war Kuba das einzige. Die Insel war nicht nur politisch isoliert, sondern musste künftig auch ohne sowjetische Hilfe auskommen. Damit verlor sie jene Unterstützung, welche die von Fidels Anhängern unermüdlich gerühmten Errungenschaften - etwa das kostenlose Bildungs- und Gesundheitswesen - entscheidend ermöglicht hatten. Doch es dauerte keine zehn Jahre, bis ihm erneut ein reicher Verbündeter zu Hilfe eilte: Bis heute zelebriert Venezuelas Präsident Hugo Chávez seine geradezu kindlich anmutende Castro-Verehrung, indem er Kuba mit verbilligtem Erdöl beliefert.

Damit ist die postsowjetische Glückssträhne aber noch nicht zu Ende. Weil in den 90er-Jahren zahlreiche lateinamerikanische Regierungen unter einem neoliberalen Deckmäntelchen soziale Verheerungen angerichtet hatten, begann der Kontinent nach der Jahrtausendwende nach links zu rücken. Immer mehr Präsidenten betrachten die kubanische Revolution seither als historisches Sanktuarium, obwohl es keiner gewagt hat, sich endgültig von Demokratie und Marktwirtschaft zu verabschieden. Für den bolivianischen Staatschef Evo Morales ist Fidel «ein guter Grossvater», der Sandinistenführer Daniel Ortega bewundert seine «überwältigende moralische Autorität». Selbst ein gemässigter Linker wie der Brasilianer Lula da Silva würdigt Castro als «einzigen lebenden Mythos der Menschheitsgeschichte.» Für den linken Staatenbund Alba, der bereits acht Länder umfasst, ist Kuba weniger aus ökonomischen Gründen bedeutend, sondern als Hort einer Legende.

Und nun scheint sich Raúl Castro auch noch zum politischen Profiteur der weltweiten Wirtschaftskrise aufzuschwingen. Als sich kürzlich 33 Präsidenten aus Lateinamerika und der Karibik zu einem Gipfeltreffen versammelten, wurde vor allem eines deutlich: In Zukunft wollen sie gegenüber den USA mehr Selbstbewusstsein zeigen - schliesslich trage das «Imperium» an der drohenden ökonomischen Globalkatastrophe die Hauptverantwortung. Der neue US-Präsident Barack Obama will das lädierte Ansehen seines Landes aufpolieren? Dann soll er aus der Sicht der Lateinamerikaner zuerst die Uno-Resolutionen beherzigen, die das US-Handelsembargo gegen Kuba verurteilen. So eindringlich ist der Ruf nach einer Aufhebung der Blockade schon lange nicht mehr erschollen. Um die Solidarität zu unterstreichen, wurde Kuba als 23. Mitglied in die Rio-Gruppe aufgenommen. Dabei hielt ausgerechnet der liberalkonservative mexikanische Präsident Felipe Calderón eine warme Begrüssungsrede, während Guatemalas Staatschef Álvaro Colom sogar davon schwadronierte, ein lateinamerikanisches Gegen-Embargo zu erlassen.

Zaghafte Reformen

Obwohl die Handelsblockade tatsächlich verwerflich ist, wirkt es paradox: Kuba, diese Hochburg politischer Ungerechtigkeit, wird für das übrige Lateinamerika zum Anlass, von den USA mehr Gerechtigkeit zu fordern. Die zaghaften Reformen, die Raúl Castro seit seinem Amtsantritt im Februar 2008 eingeleitet hat, erleichtern den Schulterschluss im Zeichen regionaler Verbundenheit auch den wenigen liberalkonservativen Präsidenten. Statt zu verblassen, gewinnt der Mythos der Revolution gegenwärtig wieder an Strahlkraft. Solange die Gebrüder Castro leben, wird sich daran kaum etwas ändern. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.01.2009, 10:29 Uhr

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16 Kommentare

Beat Baumann

10.01.2009, 17:33 Uhr
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Warum soll das "kindlich" sein, wenn Venezuela an Kuba verbilligtes Erdöl liefert und im Gegenzug kubanische Ärzte in Armensiedlungen Venezuela's tätig sind? Die Attraktivität des Sozialismus steigt, weil es demokratische Regierungen sind, die Volksvermögen aus Rohstoffen für Sozialprogramme verwenden und eine fairere Handelspolitik betreiben als es die Globalisierung ist. Antworten


Christian Wild

09.01.2009, 16:10 Uhr
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Wie im Art. richtig erwähnt wird Kuba unter den sozialistisch angehauchten lateinam. Präsidenten als eine Art Vorreiter betrachtet was Ideologie und Kampf gegen die US-Hegemonie betrifft. Bei Venezuela, Nicaragua oder Bolivien von Tropensozialismus zu sprechen ist aber herablassend. Treffender ist: Sozialismus des 21. Jahrhunderts (siehe hochinteressantes Konzept von Heinz Dieterich) Antworten



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