Ausland

Wie Kuba mit der Farbpalette den Verkehr regelt

Von Oscar Alba, Havanna. Aktualisiert am 25.11.2008

Der Staat bestimmt seit 50 Jahren, wer ein Auto nutzen oder besitzen darf - ein kompliziertes System. Damit die Polizei dieses kontrollieren kann, haben die Nummernschilder verschiedene Farben.

Für die Luft ist die kubanische Revolution eine saubere Sache. Das Land ist frei von Smog und Stau - dafür gibt es schlicht zu wenig Fahrzeuge. Überall auf der Insel stehen Menschen am Strassenrand und machen Autostopp. Auf den Landstrassen warten sie oft stundenlang, bis endlich ein Auto oder ein Laster vorbeifährt, in dem nicht schon alle Plätze besetzt sind.

Der Staat bestimmt seit 50 Jahren, wer ein Auto nutzen oder besitzen darf - ein kompliziertes System. Damit die Polizei dieses kontrollieren kann, haben die Nummernschilder verschiedene Farben.

Weiss: Die Farbe der Unschuld und Reinheit ist der Nomenklatura vorbehalten. Die Minister und Mitglieder des Politbüros fahren unauffällige Einheitsmodelle der Marke Lada und haben immer freie Fahrt - doch man sieht sie praktisch nie auf der Strasse.

Schwarz sind die Autonummern der ausländischen Diplomaten. Jedes Land hat eine feste Zahl. So ist ersichtlich, ob am Steuer ein Feind des US-amerikanischen Interessenbüros sitzt (Zahl 201) oder ein Freund von der venezolanischen Botschaft (223). Die Diplomatie bewegt sich hinter dunklen Scheiben und klimatisiert fort.

Olivgrün wie die Uniformen der Revolutionäre sind die Nummernschilder der Dienstwagen und Truppentransporter der Streitkräfte. Die Militärs fahren Lada, Moskowitsch und andere Modelle aus der ehemaligen Sowjetunion.

Grasgrün sind die Autonummern der Fahrzeugflotte des mächtigen Innenministeriums. Jeder, der in einem solchen Auto sitzt (immer ein Lada), gilt als Vertreter des Repressionsapparates. Dessen Wagenpark ist immens.

Blau beschildert sind die Firmenwagen der Staatsbetriebe (je höher in der Hierarchie, desto besser das Auto). Wer sein Geschäftsauto mal privat nutzen will, braucht dafür eine Spezialbewilligung des Chefs.

Orange mit dem Buchstaben K: So sind die Autos von Ausländern gekennzeichnet, die in Kuba leben. Zu ihnen sind die Parkeinweiser besonders freundlich und kassieren dafür umso mehr.

Orange ohne K: Ein Gefährt der Kirche. Am Steuer sitzt ein Priester, Pastor oder sonst ein kirchlicher Würdenträger. Mild lächelnd fahren sie durch das von Kommunisten und Atheisten regierte Land.

Orange ohne K, aber mit weissem Aufkleber «PEXT»: Das Kennzeichen für ausländische Journalisten. Die Polizei beobachtet genau, wo sie parkieren und ihre Nase reinstecken.

Kaffeebraun mit den drei Buchstaben «TUR»: Mietautos für Touristen. Fährt ein «TUR» vor, sind sofort schöne Frauen und emsige Zigarrenverkäufer zur Stelle.

Gelb sind die Schilder der Privatautos. Nur Staatsdiener mit besonderen Verdiensten, erfolgreiche Musiker und Sportler sowie Ärzte und Alphabetisierer, die auf Auslandmissionen waren, dürfen privat ein Auto kaufen - es sind meist Occasionswagen, die der Staat teuer verkauft. Gelbe Nummern haben auch die amerikanischen Oldtimer aus den 50er-Jahren, der Zeit vor der Revolution. Diese Relikte aus dem Kapitalismus sind die einzigen Autos, die in Kuba frei gekauft und verkauft werden können.

Autokauf ist Vertrauenssache

Alle Wagen, die der sozialistische Staat an Private verkauft hat, dürfen nicht gehandelt werden. Trotzdem gibt es einen florierenden Schwarzmarkt mit diesen Autos. Sie werden verkauft, gekauft und wieder weiterverkauft - doch auf dem Papier bleibt der Wagen immer im Besitz derselben Person. Das Kaufgeschäft basiert auf reinem Vertrauen. Dieses Vertrauen kostet: Wer ein Auto kauft, das ihm nie gehören wird, muss einen guten Draht zum rechtmässigen Besitzer haben, damit der nicht plötzlich sein Eigentum auf vier Rädern zurückfordert. Das Wohlwollen wird mit einer Provision vergütet.

Setzt sich der Eigentümer eines Tages in die USA ab, hat der «falsche Besitzer» bei der nächsten Verkehrskontrolle Pech. Stellt die Polizei beim Prüfen der Papiere fest, dass der rechtmässige Halter inzwischen im Feindesland lebt, beschlagnahmt sie den Wagen sofort. Schon manche Autofahrer sind nach einer solchen Kontrolle plötzlich ohne nichts auf der Strasse gestanden - und mussten warten, bis sie per Autostopp wieder nach Hause kamen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.11.2008, 16:04 Uhr

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