Ausland

Unrühmliches Ende für den stolzen Star-Banker

Von Ralf Kaminski. Aktualisiert am 20.09.2008 26 Kommentare

Man nannte ihn Gorilla, weil er so ruppig und erfolgreich war. Richard Fuld machte Lehman Brothers gross, aber er war zu stolz, um die Gefahr für seine Bank richtig einzuschätzen.

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London: Der verirrte Banker

Nach den goldenen Jahren der bittere Einbruch: In der City of London beginnt man sich zu fragen, ob die aktuelle Finanzkrise die britische Bankenwelt aus den Angeln heben könnte – und was dann noch vom globalen Finanzplatz London mit seiner halben Million Finanzfachleute bliebe.

Ein Gesicht ist in dieser Woche zum Symbol des allgemeinen Schocks in der Square Mile geworden: jenes des jungen Edouard d`Archimbaud, der am Montag just aus Paris angereist war, um eine Stelle als Trader bei Lehman Brothers in London anzutreten. Erst hatte der 24-jährige Nachwuchshändler wegen des Feuers im Kanaltunnel Probleme, überhaupt nach London zu kommen. Dann fand er, «dass schon alle gefeuert waren, bevor ich überhaupt an meinen Schreibtisch sitzen konnte».

Dem schönen Edouard blieb nichts anderes übrig, als den mitgefeuerten Kollegen ins nächste Pub zu folgen – und sich in britischem Gleichmut zu üben. «So ist das Leben», philosophierte der verhinderte Trader nach den ersten Bierchen. «Arbeiten in der Finanzwelt ist halt wie ein Spiel. Alles passiert unheimlich schnell. So haben wirs ja eigentlich auch gern.»

Etablierte Lehman-Mitarbeiter hatten es nicht so gern: vor allem nicht, dass alles so «unheimlich schnell» ging. Sie fanden sich, nach jahre- oder jahrzehntelanger Arbeit im Dienste ihrer Firma, genau wie der Anfänger d`Archimbaud, an diesem Morgen schlicht vor die Tür gesetzt – die Mehrheit ohne Aussicht auf neue Jobs im Finanzbereich, mit hohen Schulden, wertlosen Boni in Aktienform, und einem Lebensstil, von dem sie erst einmal Abschied nehmen müssen.

Auch dem jungen Franzosen war immerhin rasch bewusst, dass der Bankenkollaps nicht bloss «ein Spiel» war, sondern ernste Folgen hatte. «Ich hatte gerade einen Mietvertrag für ein halbes Jahr, für eine Wohnung in Earls Court, unterschrieben. Die kostet 180 Pfund (360 Franken) die Woche, und einen solchen Betrag kann ich natürlich nicht bezahlen, wenn ich keinen Job habe.»

Ohne einträglichen City-Job auf dem teuren Pflaster London zu bleiben, kann sich der junge Pariser jedenfalls nicht vorstellen. So der Eurostar ihn wieder mitnimmt, durch den Tunnel, will er nach diesem Debakel lieber auf den Kontinent zurückkehren. Die meisten anderen Gefeuerten oder noch zu Feuernden haben den Luxus der Wahl freilich nicht. Für sie bleibt nur der Kampf um eine neue Stelle anderswo – oder die Umschulung zum Ökonomielehrer, zur Weitergabe der harten Lektion. (Peter Nonnenmacher)

Richard Fuld ist nicht nur Lehmans Konzernchef, er ist Lehman. 1969 hatte er als Praktikant bei der Firma begonnen und sich unermüdlich, energisch und gelegentlich wohl auch skrupellos nach oben gearbeitet. Als Lehman 1994 wieder selbstständig wurde, nachdem es zehn Jahre lang zu American Express gehört hatte, sass Fuld auf dem Chefsessel und ist damit einer der amtsältesten Bankdirektoren an der Wallstreet.

Vier Jahrzehnte lang hat der 62-Jährige das Auf und Ab seines Unternehmens und der Finanzbranche miterlebt, hat mindestens vier Krisen gemeistert, hat die Bank gross gemacht – und ist nun spektakulär gescheitert. Am Montag hat Lehman Brothers um Gläubigerschutz nach Chapter 11 ersucht, kurz darauf kaufte die britische Barclays Bank die noch gesunden Teile der bis vor kurzem viertgrössten Investmentbank der USA. Der Rest soll nun möglichst geordnet liquidiert werden. Die 158 Jahre alte Geschichte der Lehman Brothers ist zu Ende.

Geplatzte Verhandlungen

Was ist schief gegangen? Wie fast alle Banken wollte auch Lehman vom scheinbar endlosen US-Immobilienboom profitieren und investierte in den letzten Jahren enorme Summen in komplexe Wertpapier-Konstrukte, die auf Hypotheken basierten. Als im Sommer 2007 die Immobilienblase platzte und nicht nur alle Häuser, sondern auch diese Papiere enorm an Wert verloren, gelang es Lehman zunächst recht gut, die beginnende Finanzkrise zu meistern. Doch nach dem Zusammenbruch von Bear Stearns, die am Ende von der Regierung gerettet wurde, kamen Gerüchte auf, dass Lehman ebenfalls gefährdet sei.

Da half es auch nicht, dass Richard Fuld im April erklärte, das Schlimmste sei überstanden und die Schuld für die Probleme den Spekulanten in die Schuhe schob. Hätte Fuld zu dem Zeitpunkt versucht, einen Käufer für seine angeschlagene Bank zu finden, wäre ihm das ziemlich sicher gelungen. Aber es brauchte noch hohe Quartalsverluste, bis er schliesslich im Spätsommer ernsthaft mit einem möglichen Partner im Gespräch war, der Korea Development Bank. Die allerdings wollte nicht so viel zahlen, wie Lehman aus Fulds Sicht wert war – und so verliefen die Verhandlungen im Sand. Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer, nur wenige Tage später war die Bank am Ende. Fuld hatte sich verkalkuliert. Er hoffte vielleicht, dass notfalls auch bei ihm der Staat eingreifen würde. Stolz hatte sicher etwas damit zu tun, aber auch das Selbstbewusstsein, alle bisherigen Krisen erfolgreich gemeistert zu haben. Warum sollte es diesmal anders sein? Immerhin galt er in der Branche als Überlebenskünstler mit einem untrüglichen Sinn für heikle Situationen. Allerdings war Fulds Charakter auch gefürchtet: Er ist sehr direkt, hitzköpfig, er liebt es, Kriegsmetaphorik im Wirtschaftsleben zu verwenden, und er lässt sich nicht gern dreinreden. Dies soll sich laut seinem langjährigen Vize und Weggefährten Joseph Gregory in den letzten Jahren allerdings ein wenig geändert haben. Zumindest sagte er dies der «New York Times» im Oktober 2007. Im Juni 2008 diente er als Bauernopfer, gemeinsam mit Erin Callan, Lehmans Finanzchefin. Fuld feuerte beide.

Ein grosszügiger Arbeitgeber

Doch der dreifache Familienvater, der noch letztes Jahr 40 Millionen Dollar verdient hat, ist nicht einfach nur ein raffgieriger, ehrgeiziger Egomane. Mitarbeiter und Analysten beschreiben ihn als hundertprozentig engagiert, wofür immer er sich einsetzt, als hochintelligent und als jemand, der Menschen motivieren kann, sodass sie ihm folgen wollen. Fuld ist kulturell engagiert und wurde 2006 vom Museum of Modern Art mit dem David Rockefeller Award für «Grosszügigkeit und Engagement in kulturellen und staatsbürgerlichen Belangen» ausgezeichnet.

Und er hat ein Herz für die weniger Privilegierten. Bevor er 1969 bei Lehman anheuerte, war er Pilot bei der Air Force. Diese Karriere kam allerdings zu einem abrupten Ende, als er sich mit einem Vorgesetzten einen Faustkampf lieferte, weil dieser einen jungen Kadetten unfair behandelt hatte. Später bei Lehman sorgte er für Gewinnbeteiligungsprogramme, die seine Angestellten reich und glücklich machten – und ging dabei weiter als jeder andere US-Bankchef. Die Arbeitsmoral bei Lehman war entsprechend hoch.

Geld, Firma und Stolz verloren

Das hat so lange funktioniert, wie das Finanzhaus Profite machte. Doch in den letzten Monaten haben die Angestellten mit ihren Aktien und Optionspapieren nicht nur fast alles Geld verloren, rund 15’000 von insgesamt 24’000 müssen sich nun auch nach einem neuen Job umsehen, gemeinsam mit Zehntausenden von weiteren Bankangestellten, welche dieses Jahr von der US-Finanzbranche auf die Strasse gesetzt wurden.

Natürlich hat auch Fuld selbst viel verloren: eine Menge Geld, eine ganze Firma und, vor allem, seinen Stolz. Mitarbeiter, die ihm nahe stehen, sagen, er sei völlig verstört und ein gebrochener Mann. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.09.2008, 09:08 Uhr

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26 Kommentare

wolfgang schilcher

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warum nur denke ich beim Lesen dieser Zeilenansammlung immer an die Buddenbrooks; ich hätte gerne Hintergründe und keinen Roman, noch 626 Zeichen verbleibend, mein Guthaben. Antworten


Schulden zahler

Melden

Das Modell CEO ist gescheitert. Die Unterstützung der Banken stützt auch das strukturelle Problem. Die nächste Krise folgt und kostet hundert mal mehr. Guet Nacht mitenand. Antworten



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