Propagandaschlacht um eine Tote
Von Olivia Kühni. Aktualisiert am 24.06.2009
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Vier Tage nach ihrem Tod auf einer Teheraner Strasse ist Neda Agha-Soltan unsterblich. Über drei Dutzend Gruppen auf Facebook gedenken der Studentin, sie hat einen eigenen Wikipedia-Eintrag, und eine Gruppe Exil-Iraner hat ihr zu Ehren ein Stipendium aufgesetzt, den Neda Iran Scholarship Fund. Die Stiftung soll die Demokratiebewegung im Iran stärken. Das Bild der 27-Jährigen, «Irans Engel der Freiheit», prangt von Protestbannern, Helfer kleben es an die Wände Teherans. Neda, «die Stimme», ist zum Symbol des Widerstands des iranischen Volkes gegen das Regime geworden.
Doch Symbole bedeuten Macht, und die wird nicht gerne den anderen überlassen. Neda gehört den jungen Demonstranten, doch sie gehört ihnen nicht alleine. In den wenigen Tagen seit ihrem Tod präsentieren sich plötzlich eine ganze Reihe von Menschen als Nedas Freunde – oder gar als ihre Verwandten.
Sogar der Sohn des Schah trägt ein Bild
So trug der einstige designierte Schah von Persien, Reza Pahlewi ein Bild der Toten in der Tasche seines Jacketts, als er Anfang der Woche im Washingtoner Exil vor die Medien trat. «Ich habe Neda der Liste meiner Töchter hinzugefügt. Sie ist jetzt für immer in meiner Hemdtasche», sagte er mit grossem Pathos in die Kameras.
Auch John McCain gedachte ihr im amerikanischen Senat, auf dessen Gängen 1951 der Sturz der ersten demokratischen Regierung des Irans beschlossen wurde. «Sie ist wie die Johanna von Orléans», sagte McCain. «Heute gedenkt ganz Amerika dieser mutigen jungen Frau, die nur ihre fundamentalen Menschenrechte ausüben wollte und auf den Strassen Teherans gestorben ist.»
Wie bei jeder Ikone liegt die Grenze, die Rührung von Kitsch trennt, gefährlich nah. Genau so nah wie jene, an der Betroffenheit in Voyeurismus übergeht.
Das Regime schürt den Mythos
Ausgerechnet das iranische Regime jedoch sorgt dafür, dass die Ikone Neda ihre Kraft nicht verliert. Es verwehrte den Eltern des toten Mädchens eine anständige Begräbnisfeier und liess Neda stattdessen in einem für Aufständische reservierten Teil des Friedhofs beisetzen.
In der Nacht schickt es seine Helfer hinaus, um die Bilder von Neda von den Wänden zu kratzen, wie verschiedene britische und amerikanische Medien berichten. Meldungen über den Tod der Demonstrantin hielten die iranischen staatlichen Medien am Samstag auffallend kurz und nüchtern – und bis heute haben sie nicht bestätigt, dass Neda durch die Hand eines Regierungsschergen starb.
Gerade dieses Verhalten könnte die Menschen in Teheran in ihren Ehrerbietungen an Neda und in ihrer Wut auf das Regime bestärken. Die Opposition erwägt laut Stimmen auf Twitter und Facebook entsprechend der schiitischen Tradition am siebten und 40. Tag nach Nedas Tod zu zwei neuen grossen Trauerkundgebungen aufzurufen. Bei der islamischen Revolution von 1979 waren es solche Trauermärsche, die den Kampfgeist der Menschen in den Strassen am Leben erhielten. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 24.06.2009, 14:02 Uhr
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