Grosse, schöne Augen – mit dem Skalpell

Schönheitschirurgie ist nirgendwo so verbreitet wie in Südkorea. Was hat das mit dem Krieg zu tun?

Viele Koreanerinnen wollen aussehen wie ein Filmstar: Schauspielerin Jeon Do-yeon am Busan International Filmfestival in Seoul. Foto: Ahn Young-Joon (Keystone)

Viele Koreanerinnen wollen aussehen wie ein Filmstar: Schauspielerin Jeon Do-yeon am Busan International Filmfestival in Seoul. Foto: Ahn Young-Joon (Keystone)

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So-yeong hatte zur Matura von ihrem Vater eine Schönheitsoperation angeboten bekommen. Sie solle sich eine zweite Lidfalte machen lassen, damit die Augen grösser scheinen. In Südkorea ist das ein typisches Geschenk zum Schul­abschluss. Doch So-yeong, die in Wirklichkeit anders heisst, lehnte ab. Der Vater war entsetzt: damit würde sie doch ihre Jobchancen verbessern.

Südkorea ist heute das Mekka der plastischen Chirurgie. Ein Viertel aller Eingriffe weltweit werden hier durchgeführt. Allein in der Hauptstadt Seoul gibt es mehr als 500 Kliniken. Mit jährlich 650'000 Operationen, etwa die Hälfte davon an Koreanerinnen und Koreanern, die andere Hälfte an – meist weiblichen – Touristen, setzt die Branche umgerechnet 4,5 Milliarden Franken um. Es ist ein Trend, der von der Regierung in Seoul nach Kräften unterstützt wird. Vom kommenden Jahr an, so hat es Präsidentin Park Geun-hye angekündigt, soll die Mehrwertsteuer für Schönheitsoperationen für Ausländerinnen abgeschafft werden.

Einmal anfassen bitte

In Seoul existieren noch Strassenzüge, die von den Grosshändlern einer einzigen Branche dominiert werden. Es gibt eine Schuhstrasse, ein Möbelviertel, ein Strassenzug mit Russland-Händlern und die Nonhyeon-Strasse im Luxusviertel Gangnam. Hier reiht sich eine Schönheitsklinik an die nächste. Sie heissen Grand, Reborn, Euro oder VIP. Ihre Eingangshallen sind aus Glas und falschem Marmor, viele sehen aus wie die Réceptions von Luxushotels oder Privatbanken.

Am Empfang der BK-Klinik – BK steht für Beauty Korea –, die in einem schlanken Hochhaus aus blauem Glas residiert, darf man einer Frau an die Brust fassen. Man soll sogar. Fühlt sich das Silikonimplantat nicht echt an? Oder sogar besser? Die Frau, ein lebensgrosser Torso, ist ein Exponat des Museums der plastischen Chirurgie der BK-Klinik. Die Ausstellung schlägt einen Bogen vom Bologneser Arzt Gaspare Tagliacozzi, dem Begründer der plastischen Chirurgie, zum Geschehen heute in Seoul. Vom 16. ins 21. Jahrhundert.

Nach Korea kamen die Schönheitschirurgen mit dem Koreakrieg. Der Chef der US-Marinechirurgie, Ralph Millard, operierte verstümmelte Kriegsopfer, um ihre Körper wiederherzustellen, soweit es ging. Bis ihn Koreanerinnen baten, ihre Augenlider so zu operieren, dass sie westlicher aussahen.

Der Eingriff wurde rasch populär, «vor allem bei koreanischen Prostituierten, die amerikanische G.I.s locken wollten», schrieb Millard 1955. Asiatische Augen unterstrichen «das Stoische und Emotionslose der Orientalen», fand er. Aber mit ihm wurde Korea zum «Paradies für plastische Chirurgen».

Westlicher aussehen

Grosse Augen gelten in Asien als schön. Die zweite Augenlidfalte ist derzeit die bei weitem häufigste Operation. «Harmloser als ein Zahnarztbesuch», sage Hyun-hee, eine Studentin. «In einer halben Stunde war alles vorbei. Da denke ich gar nicht mehr dran.» Man rede auch nicht darüber, es sei eben normal. In manchen Abschlussklassen lassen sich 80 Prozent der Mädchen die Augenlider korrigieren. Auch in der Provinz. Die Mode schwappe sogar nach Nordkorea über.

Das Museum der BK-Klinik zeigte bis vor kurzem ein Glas mit Knochenspänen, die Frauen vom Unterkiefer abgeschabt worden waren, um das Gesicht schmaler und V-förmiger und den Kopf kleiner erscheinen zu lassen. Auch dies ein populärer Eingriff. Die Knochenreste sind verschwunden, warum, weiss das Personal nicht. Die Rekonvaleszenz nach einer Kieferverschlankung dauert lange und ist schmerzhaft, die Patientin darf nichts Festes essen, einige verlieren ihr Gefühl in der unteren Gesichtshälfte.

Viele Pfuscher

Die Werbung der Kliniken hingegen stellt die Eingriffe als so normal und schmerzlos dar wie Schminken. Da passen Knochenspäne nicht. Ausser den Augen, auch deren Stellung, und dem Kiefer lassen sich Koreanerinnen gern die Nase, die Wangenknochen und die Stirn korrigieren. Ältere Leute lassen sich Botox in die Unterhaut des Gesichts spritzen, das macht ihre Züge weicher. Beliebt sind auch Fettabsaugen und das Modellieren der Brüste. Etwa 15 Prozent der Kunden sind Männer.

Warum legen sich Koreanerinnen häufiger als Frauen anderer Nationen für ihr Aussehen unters Messer, obwohl Zeitungen immer wieder schreiben, die Chirurgen seien ungenügend ausgebildet? Es gibt viele Berichte über verpfuschte Operationen, über Frauen, die verunstaltet wurden. Die Industrie gilt als wenig reguliert.

Machen doppelte Augenlider glücklich? Das glaube er nicht, sagt der Psychologe Suh Eun-kook, Leiter des Glücks- und Kulturpsychologie-Labors der Yonsei-Universität in Seoul. «Im Moment der Veränderung vielleicht, auf Dauer aber nicht.» Ausgenommen seien davon freilich all jene, die eine klare Indikation für eine Korrektur haben, etwa als Folge eines Unfalls.

«Eifersüchtige» Gesellschaft

In Ostasien hat das Äussere einen höheren Stellenwert als im Westen, wie Suhs Forschungen zeigen. Er liess Studenten in Korea und den USA Stellenbewerbungen beurteilen und fragte sie nach ihren Kriterien: Die Koreaner wählten aufgrund der Fotos, die Amerikaner aufgrund der Texte. Es dürfte somit zutreffen, dass kosmetische Chirurgie die Jobchancen in Korea verbessert. Und die Heiratsaussichten wohl auch.

Die Obsession der Koreaner mit Äusserlichkeiten sei älter als die plastische Chirurgie, so Suh. Sie erfasse Männer ebenso wie Frauen und – das erstaune ihn am meisten – auch die Älteren. Es gehe weniger um Schönheit als um Konkurrenz. In der sehr kompetitiven, «fast würde ich sagen eifersüchtigen» Gesellschaft, wolle jeder haben, was auch andere haben. Doppelte Augenlider hätten eine ähnlich grosse Bedeutung wie ein neues Auto oder ein iPhone. «Man will auf keinen Fall zu kurz kommen», sagt Suh. Daraus erkläre sich auch, dass ­Koreaner Innovationen schneller annehmen als andere Nationen.

Die Werbung der Schönheitskliniken nutzt das aus, sie macht die Operationen zu einer Art Coiffeurbesuch. Eine Selbstverständlichkeit, für jeden. Weil man in Korea zudem glaube, dass sich mit genügend Aufwand fast alles erreichen lasse und jene, die sich nicht bemühten, selbst schuld seien, empfänden es viele fast als Pflicht, ihr Äusseres operativ zu «verbessern», sagt der Professor.

Aussehen wie ein Filmstar

Die Aktivitäten der Branche reichen inzwischen weit über die Grenzen hinaus. Die Kosmetikindustrie wirbt in China, Hongkong, Taiwan, Indonesien, Vietnam und Singapur mit Pauschalreisen nach Seoul, Operation inklusive. Davon profitiert auch die Touristikbranche. Der Reiseleiter wird zum Schönheitsberater. Und weil Urlaub auf Koreas Ferieninsel Jeju angenehmer ist als in Seoul, unterhalten die Kliniken dort Filialen.

Wenn Leute in Europa oder den USA zum Schönheitschirurgen gehen, haben sie in der Regel konkrete Wünsche. Sie möchten zum Beispiel eine kleinere oder eine grössere Nase. Dafür halten die Kliniken Fotobücher bereit, mit Vorher-nachher-Ansichten. Die meisten Koreaner dagegen kommen mit Bildern eines Filmstars: So wollen sie aussehen.

Freiheit oder Erwartungen des Kollektivs

Doch trägt all dies auch zum Wohlbefinden der Nation bei? Je wohlhabender eine Gesellschaft, desto glücklicher sei sie, diesen Trend beobachte man weltweit, sagt Suh. «Nur die Kollektivgesellschaften Ostasiens sind, bezogen auf ihren Lebensstandard, relativ unglücklich.» Das gelte nicht nur für Korea, sondern auch für Japan oder Singapur. In Skandinavien dagegen seien die Leute besonders zufrieden. Suh erklärt das mit der grossen individuellen Freiheit im europäischen Norden. Die Vorstellung, dass die Erfüllung von Erwartungen des Kollektivs die Freiheit kompensieren könnte, findet er «naiv».

Umso paradoxer, dass die plastische Chirurgie den Koreanerinnen Individualität verkauft, aber allen ähnliche Gesichter modelliert. Sind So-yeongs Freundinnen nach ihren Operationen heute glücklicher? «Nein, die einen bereuen es, die andern wollen mehr.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.10.2015, 06:55 Uhr

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