10 Millionen Langzeitarbeitslose

Eine Studie zeigt das Ausmass der Langzeitarbeitslosigkeit in der EU – doch die Wirklichkeit ist noch schlimmer.

Im Teufelskreis: Langzeitarbeitslosigkeit belastet nicht nur das Haushaltsbudget, sondern auch die Betroffenen. (iStock)

Im Teufelskreis: Langzeitarbeitslosigkeit belastet nicht nur das Haushaltsbudget, sondern auch die Betroffenen. (iStock)

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Eine heute veröffentlichte Studie der deutschen Bertelsmann-Stiftung kommt zu einem erschreckenden Ergebnis, was Langzeitarbeitslosigkeit und deren Auswirkungen in der Europäischen Union betrifft. «Langzeitarbeitslosigkeit ist die gravierendste Folge der Finanz- und Wirtschaftskrise», schreiben die Autoren. Von den insgesamt 22 Millionen Personen, die in der EU offiziell als arbeitslos gemeldet sind, ist nahezu die Hälfte (48,2 Prozent) seit mehr als einem Jahr ohne Beschäftigung. Knapp ein Drittel sucht schon seit mehr als zwei Jahren eine neue Stelle. EU-weit beträgt die Quote der Langzeitarbeitslosen 4,3 Prozent. Das ist nahezu doppelt so viel wie vor dem Ausbruch der Finanz- und Wirtschaftskrise im Jahre 2008.

Studie: Langzeitarbeitslosigkeit in der EU

Besonders betroffen sind südeuropäische Länder wie Griechenland, Spanien und Kroatien, in denen mehr als 10 Prozent der Bevölkerung seit länger als einem Jahr ohne Arbeit sind. Hoch ist der Anteil der Langzeitarbeitslosen auch in Italien, Portugal, Bulgarien und Irland.

Aus den Statistiken herausgefallen

Die Wirklichkeit ist jedoch noch schlimmer, als es die Statistiken ausweisen. Denn in zahlreichen Ländern gilt ein Arbeitnehmer nicht mehr als beschäftigungslos, wenn er an Kursen oder sonstigen staatlichen Arbeitsprogrammen teilnimmt oder wenn er auch nur wenige Stunden pro Woche arbeitet. Es gibt auch Stellenlose, die jede Hoffnung aufgegeben haben und sich nicht mehr bei den Arbeitsämtern melden. Auch sie fallen aus den Statistiken heraus. Laut den Autoren der Studie ist die Zahl der Langzeitarbeitslosen insbesondere in Italien viel höher als offiziell ausgewiesen.

Das Risiko, langzeitarbeitslos zu werden, verringert sich, je besser jemand ausgebildet ist. «Es beträgt im EU-Durchschnitt 5,9 Prozent für Leute mit geringer Schuldbildung und 2,6 Prozent für Hochschulabgänger.» Als beunruhigend werten die Autoren der Studie, dass diese Regel vor allem in süd- und osteuropäischen Ländern immer weniger gilt. Besonders schlimm ist die Lage in Litauen und der Slowakei, wo mehr als zwei Drittel der Langzeitarbeitslosen über eine gute Schulbildung verfügen.

Teufelskreis Langzeitarbeitslosigkeit

Männer sind von Langzeitarbeitslosigkeit häufiger betroffen als Frauen, weil die Krise in Wirtschaftszweigen mit vorwiegend männlicher Belegschaft – etwa im Baugewerbe oder der verarbeitenden Industrie – zu einem drastischen Stellenverlust geführt hat. Vergleichsweise tief ist der Prozentsatz der Langzeitarbeitslosen in den nordischen Ländern, in Österreich, Grossbritannien und Deutschland. Deutschland ist das einzige EU-Land, in dem sich die Quote verringert hat, nämlich von 3,7 auf 1,9 Prozent. Allerdings sind 40 Prozent der deutschen Arbeitslosen seit mehr als einem Jahr auf Jobsuche. Mit anderen Worten: Es gibt in Deutschland knapp 800'000 Personen, die es äusserst schwer haben, wieder eine Stelle zu finden – sei es, weil sie schlecht ausgebildet oder älter als 55 sind.

Laut Studie riskieren Langzeitarbeitslose, in einen Teufelskreis zu geraten: Sie leiden häufiger unter körperlichen und seelischen Erkrankungen, was wiederum ihre Chancen verringert, eine neue Stelle zu finden. Im Süden und Osten Europas sei Langzeitarbeitslosigkeit nicht mehr primär ein konjunkturelles, sondern ein strukturelles Phänomen. Aart de Geus, Vorstandsvorsitzender der Bertelsmann-Stiftung, sagt gegenüber «Spiegel online»: «Die Langzeitarbeitslosigkeit ist in einigen Ländern zu einem Massenphänomen geworden, das die wirtschaftliche Erholung gefährdet. Langzeitarbeitslosigkeit belastet nicht nur die öffentlichen Haushalte, sondern die Menschen, die zu lange ohne Perspektiven bleiben und so das Vertrauen in Politik und Marktwirtschaft verlieren.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.06.2016, 17:48 Uhr

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