«Aber im Herzen, da ist die Angst»

Fast leere U-Bahnen, geschlossene Konsulate, Polizisten überall: Wie die ständigen Terroranschläge das boomende Istanbul verändern.

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Die Istiklal-Strasse in Istanbul ist auch Murat Deha Boduroglus Strasse. Er ist dort mehr als ein Gast. Der 46-Jährige Anwalt hat sein Büro hier, er lebt ums Eck. Am Samstagvormittag ist er mit seiner Familie unterwegs. Er will Obst auf dem Markt kaufen. Zum Frühstück soll es frisch gepressten Saft geben. Dann kracht es.

«Es war so laut», sagt Boduroglu. Als wenig später der Klang der Sirenen in die Stille nach dem Knall eindringt, weiss er, dass etwas Furchtbares passiert ist.

Um 10:55 Uhr Ortszeit ist nun auch die Istiklal zu einem Tatort geworden. Ein Attentäter habe auf der wichtigsten Fussgänger-Einkaufsstrasse der türkischen Stadt eine Bombe gezündet, sagt Gouverneur Vasip Sahin. Er habe sich vor einem örtlichen Regierungsbüro auf der Istiklal-Strasse in die Luft gesprengt. Von fünf Toten ist die Rede, mindestens 36 Menschen sollen verletzt worden sein, darunter zwölf Ausländer. Auch der Angreifer gehört zu den Toten.

Selbstmordattentat in Istanbul: Tote und Verletzte bei Explosion in Einkaufsstrasse (Video: Reuters).

Regierungssprecher und Vizepremier Numan Kurtulmus sagt: «Wir werden uns nicht an Terror gewöhnen, wir werden unser Leben fortsetzen wie bisher.» Das Auswärtige Amt fordert Touristen auf, vorerst in ihren Hotels zu bleiben. Den Anweisungen der türkischen Sicherheitskräfte sei «unbedingt Folge zu leisten». Nicht an Terror gewöhnen? Seit Sommer vergangenen Jahres erlebt die Türkei Terror. Allein die Hauptstadt Ankara wurde drei Mal zum Ziel von Bombenattentätern. In Istanbul hat es im Januar eine deutsche Touristengruppe getroffen, als sich ein Selbstmordbomber auf dem Platz vor der Sultanahmet-Moschee in die Luft sprengte. Zwölf Deutsche kamen ums Leben.

Statt eines Whatsapp-Profilbildes ein Spruch: "Ich liebe mein Leben"

Nimmt man alle grösseren Anschläge der letzten Monate zusammen, hat das Land bald 200 Menschen an den Terror verloren – die Opfer der eskalierenden Gewalt im Kurdenkonflikt im Südosten noch gar nicht mitgezählt.

Wer auch immer bombt, er will das Land kaputt machen. Der Zerstörungswille hat schon viel vernichtet. Es gibt eine Whatsapp-Kontaktgruppe von Deutschen in Istanbul. Statt eines Profilbildes gibt es einen Spruch: «Ich liebe mein Leben.» Wenn dieses Land ein ganz normales wäre, müsste dort stehen: Ich liebe dieses Land. Oder: Ich liebe diese Stadt. Aber diese Stadt trauert schon wieder.

Der Schock ist gross: Eine Frau nach der Explosion (19. März 2016, Bild: Reuters).

Die Istiklal ist an Tagen wie diesen um diese Uhrzeit noch gar nicht ganz wach. Die Cafés füllen sich erst. Manche Geschäfte sperren gerade erst ihre Türen auf. Zum Abend hin ist die Strasse immer proppenvoll. Wer weiss, wie viele Tote es gegeben hätte, wenn der Täter später zugeschlagen hätte.

Die Türkei kämpft an so vielen Fronten

Jetzt stellt sich natürlich die Frage: Wer war das? Das Land kämpft mittlerweile an so vielen Fronten, dass man die Ermittlungen wird abwarten müssen.

Terror angekündigt haben gleich mehrere Gruppen. Die Fanatiker der Terrormiliz Islamischer Staat haben das Land seit Sommer vergangenen Jahres im Visier. Es ging los mit einem Attentat auf eine Wahlveranstaltung der pro-kurdischen Partei HDP in Diyarbakir. Höhepunkt war der Anschlag in Ankara im Oktober, als mehr als 100 Teilnehmer eines Friedensmarsches bei einer Explosion vor dem Hauptbahnhof ums Leben kamen, darunter viele Kurden. Das Attentat vor der Sultanahmet-Moschee, bei dem die deutschen Touristen starben, geht nach Angaben der Regierung auch auf das Konto des IS. Es hatte die Botschaft, dass sich nun wirklich niemand mehr sicher im Land fühlen soll.

Zuletzt ging die Gewalt stärker von militanten kurdischen Gruppen aus. Im Februar und am vergangenen Sonntag hatten die Freiheitsfalken Kurdistans (TAK), ein Ableger der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK, zwei Anschläge in Ankara verübt. Beim ersten traf es einen Militärkonvoi. 29 Menschen kamen ums Leben. Am Sonntag starben wieder 37 Menschen, als eine Selbstmordattentäterin ihr Fahrzeug an einer belebten Bushaltestelle am Kizilay-Platz in die Luft jagte. Die Terrorgruppe erklärte, sie habe eigentlich Sicherheitskräfte mit dem Attentat treffen wollen - als würde es das Morden rechtfertigen.

Was den Anschlag an diesem Samstag in Istanbul angeht, ist wieder vieles denkbar. Einerseits spricht der Tatort Istiklal für den IS. Dessen Todbringer suchen sich gerade solche Plätze, an denen jeder zum Opfer werden kann. Andererseits sind in Tatortnähe Regierungsgebäude - dies könnte wie im Falle des jüngsten Anschlags in Ankara auf PKK-nahe Gruppen als Täter hindeuten.

Anwalt Boduroglu, der die Bombe hörte, sagt: «Wir leben ständig in Bombengefahr. Ich gehe natürlich noch auf die Strasse. Ich fahre auch noch U-Bahn. Im Kopf geht das Leben weiter. Aber im Herzen, da ist die Angst.»

In der U-Bahn-Rushhour bekommt man plötzlich Sitzplätze

Diese Angst hält die Stadt schon seit Tagen im Klammergriff. Es hören ja nicht alle auf den Kopf wie Boduroglu. Die U-Bahnen sind leerer als sonst. In der Rushhour bekommt man plötzlich Sitzplätze. An den Eingängen zur U-Bahn will das Sicherheitspersonal neuerdings auch in die Rucksäcke schauen.

Die türkischen Behörden hatten geahnt, dass nach den neuen Anschlägen in Ankara wohl bald wieder Istanbul Blut würde sehen müssen. Die Polizei im Stadtteil Beyoglu soll mittlerweile doppelt so viele Polizisten auf der Strasse haben wie zuvor. Verdeckte Ermittler operieren auf dem Taksim-Platz und in den Nebenstrassen.

Die deutschen Vertretungen in der Türkei – die Botschaft in Ankara und das Generalkonsulat in Istanbul - befinden sich seit Tagen im Ausnahmezustand. Der Bundesnachrichtendienst hatte in der Nacht zu Donnerstag Kenntnis von Anschlagsplänen bekommen. Stunden später gingen bereits Warnungen an die «Landsleute» in der Türkei raus, die Umgebung der Einrichtungen zu meiden. Die Botschaft und das Generalkonsulat blieben am Donnerstag und Freitag geschlossen. Gespenstische Stimmung legte sich über die Orte, gepanzerte Fahrzeuge sicherten sie.

In Sicherheitskreisen hiess es, als die Informationen über Anschlagspläne eintrafen, sei es überhaupt nicht mehr um die Frage gegangen, ob man die Vertretungen schliesse, sondern nur noch um das Wie – selbst Namen mutmasslicher Täter seien den Behörden bekannt. Mit grosser Wahrscheinlichkeit stecken Islamisten hinter den Plänen.

Der Gouverneur von Istanbul hatte die Entscheidung zur Schliessung der Einrichtungen am Donnerstag noch kritisiert. Dies würden die türkische Öffentlichkeit «negativ beeinflussen», hiess es. Panikmache warf er den Deutschen also vor. Am Samstag muss er Zahlen von Toten und Verletzten vortragen. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 19.03.2016, 16:17 Uhr)

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