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«Alle Bulgaren wollen nach Spanien»

Von Bernhard Odehnal. Aktualisiert am 29.01.2009

Politologe Iwan Krastew über bulgarische Traumdestinationen und Schweizer Ängste.

zur Person

Iwan Krastew, 43, leitet das Zentrum für liberale Strategien in Sofia und unterrichtet an der Central European University in Budapest.

Wie geht es den Bulgaren?
Sie sind unglücklich; das ist normal. Im Eurobarometer ragt Bulgarien stets durch eine besonders negative Stimmung heraus. Selbst in den vergangenen zehn Jahren mit hohem Wirtschaftswachstum war das so. Aber wir werden auch in der Wirtschaftskrise keine Auswanderungswelle in den Westen sehen. Schon gar nicht in die Schweiz. Die Bulgaren zieht es dorthin, wo es schon Netzwerke von Auswanderern gibt und wo das Klima wärmer ist. Das ist in erster Linie Spanien, an zweiter Stelle folgt Italien. Die Schweiz hat auch einen sehr hohen Lebensstandard, das ist keine gute Voraussetzung, um als Emigrant eine neue Existenz aufzubauen.

Berichten bulgarische Medien über das Schweizer Referendum?
Nein, die Öffnung des Schweizer Arbeitsmarktes ist hier kein Thema. Also wird auch niemand darauf aufmerksam gemacht. Die Medien werden höchstens Interesse zeigen, wenn die Schweizer die Erweiterung der Personenfreizügigkeit ablehnen. Dann hätten die Bulgaren einen Grund mehr, sich ungerecht behandelt zu fühlen. Dann könnten sie wieder unglücklich sein.

Wird die Schweiz in Bulgarien überhaupt wahrgenommen?
Sicher, schon deshalb, weil der kommunistische Parteichef Todor Schiwkow in den Achtzigerjahren Bulgarien immer als die «Schweiz des Balkans» rühmte. Besonders enge politische oder wirtschaftliche Verbindungen gibt es heute jedoch nicht. Die bulgarische Mafia hat ihre Schweizer Konten und ihre Schweizer Wohnsitze. Also habt ihr jene Bulgaren, die ihr nicht wollt, ohnehin schon im Land. Für alle anderen ist die Schweiz keineswegs die Traumdestination. Nicht einmal Deutschland gilt als attraktives Ziel. Alle wollen nach Spanien. Aus der Stadt Plewen gibt es zwei Busse pro Tag nach Spanien, aber nur einen in die Hauptstadt Sofia.

Bereiten sich die bulgarischen Roma auf die Auswanderung in den Westen vor?
Ich glaube nicht, dass die bulgarischen Roma besonders gefährlich sind. Jedenfalls habe ich noch nie von «Zigeuner-Terroristen» gehört. Ausserdem sind unsere Roma nicht sehr mobil. Sie leben in ihrer Gemeinschaft, und auch wenn sie die Lebensverhältnisse nicht schätzen, so schätzen sie doch einen letzten Rest sozialer Sicherheit. Vor einer Einwanderungswelle bulgarischer Roma braucht sich die Schweiz sicher nicht zu fürchten.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.01.2009, 23:26 Uhr

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