Ausnahmezustand bei «Le Figaro»

Wie arbeitet das französische Traditionsblatt in diesen hektischen Tagen und wieso schaute der Innenminister kurz nach dem «Charlie-Hebdo»-Attentat vorbei? Ein Besuch auf der «Le Figaro»-Redaktion in Paris.

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40 Pizzen bestellte Laurence de Charette am Mittwochabend. «Niemand dachte ans Essen, also habe ich mich darum gekümmert», erklärt die Chefredaktorin von lefigaro.fr, der Onlineausgabe des Pariser Traditionsblattes «Le Figaro».

Mittwochabend, das war wenige Stunden nach dem Attentat auf die Redaktion des Satiremagazins «Charlie Hebdo» in Paris, was wirklich vor sich ging, verstand niemand, einzig, dass es schlimm war. De Charette, knielanges Kleid, Pumps, rote Fingernägel, hat den Besuch in ihr Büro gebeten, «obwohl ich eigentlich viel lieber im Newsroom sitze».

Sie sagt: «Was mich am meisten beeindruckt: Wie sich meine Mitarbeiter an diesem Abend eingesetzt haben.» Einige hatten frei und kamen freiwillig in die Redaktion. Ein Kollege anerbot sich spontan, eine Nachtschicht ab Mitternacht zu schieben. «Und schauen Sie», de Charette setzt sich an den Schreibtisch, «jeder hatte Ideen, wie wir die Website verändern könnten.» Begeistert zeigt sie, wie die grossen Werbebanner am Tag nach dem Attentat durch das schwarze «Ich bin Charlie»-Zeichen ersetzt, das Layout Newsticker-freundlich umgestellt wurde. Falls sie erschöpft ist von den letzten Tagen, an denen sie die Redaktion nie vor Mitternacht verliess, sieht man das de Charette nicht an.

Erinnerungen an ein Attentat im März 2012

Seit am Mittwoch die ersten Meldungen über die Schiesserei bei «Charlie Hebdo» eintrafen, sind die rund 40 Redaktoren von lefigaro.fr im Ausnahmezustand. Jeweils drei Redaktoren gleichzeitig versorgen die Leser von sechs Uhr morgens bis um Mitternacht mit den neusten Entwicklungen zu den Attentaten und Geiselnahmen per Live-Ticker, verschicken Push-Meldungen, suchen und überprüfen News. Über Nacht schieben die Mitarbeiter Spezialschichten, damit der Newsfluss nicht abreisst. Unterstützt werden die Redaktoren am Nachrichtenpult unter anderem von einem rund zehnköpfigen Videoteam, Politik- und Wirtschaftsredaktoren und Produzenten. Mehrere Redaktoren betreuen rund um die Uhr die Leserkommentare, die sich seit Mittwoch nahezu verdoppelt haben. Zahlreiche davon mussten sie löschen; durch das offenbar islamistisch motivierte Attentat haben sich viele zu rassistischen oder ehrverletzenden Äusserungen hinreissen lassen.

Wann war «Le Figaro» zum letzten Mal derart unter Druck? Ingrid Vergara, Mitglied der Chefredaktion und heute Tagesleiterin, nennt nach kurzem Überlegen die Anschlagsserie in Südfrankreich im März 2012 durch den Franzosen Mohamed Merah, auch er mit islamistischem Gedankengut. Die Schiessereien zogen sich über mehrere Tage hin, sieben Menschen kamen ums Leben. «Die Situation war zwar ähnlich, doch in diesen Tagen ist es noch intensiver», sagt sie.

Eben hat sie mit ihren Kollegen diskutiert. Wie viele Geiseln sind es, die an diesem Freitagmittag im Lebensmittelgeschäft im Osten Paris festgehalten werden? Einige Quellen sprechen von fünf, andere von zwei. Was soll die Zeitung schreiben? Sich auf wen berufen? Das sei das Schwierigste in diesen hektischen Tagen, sagt Vergara: die Verifizierung der Infos. Gebe es keine Bestätigungen von offizieller Seite oder von Nachrichtenagenturen, übernehme lefigaro.fr News nur, wenn ein eigener Redaktor vor Ort sie bestätigen könne. Eine Handvoll Mitarbeiter befindet sich derzeit an den verschiedenen Schauplätzen, dies in enger Zusammenarbeit mit der Redaktion der gedruckten Ausgabe des «Figaro», die in den Nebenräumen arbeitet.

Zurückhaltung

Mit dieser Strategie, räumt Vergara ein, liefere lefigaro.fr – seit einigen Monaten das wichtigste französische Onlineportal für Handys und andere mobile Geräte – zwar nicht immer die schnellsten News. Dafür habe man es bisher geschafft, rund um das Attentat stets korrekt zu berichten. Auch Chefredaktorin de Charette betont mehrmals, Schnelligkeit sei äusserst wichtig, aber nicht um jeden Preis. So verzichtete lefigaro.fr beispielsweise in der ersten Nacht nach dem Attentat darauf, die Namen der – inzwischen getöteten – Brüder Kouachi zu nennen, obwohl dies andere Medien schon längst taten. «Wir bereiteten alles vor: Porträts, Hintergrundinformationen, Bilder», sagt de Charette. «Doch erst als die Polizei die Namen bestätigte, publizierten wir das Material.»

Dafür bekam das Portal ein Lob von höchster Seite: Der französische Innenminister Bernard Cazeneuve tauchte noch am Mittwochabend persönlich auf der Redaktion auf, bedankte sich für die zurückhaltende und korrekte Berichterstattung und versicherte, man werde alles tun, um die Redaktion zu schützen. Das ist bemerkenswert, kritisiert doch der rechtsbürgerliche «Figaro» die Regierung von François Hollande immer wieder scharf. Cazeneuve war es auch, der veranlasste, dass seit dem Anschlag der Haupteingang der «Figaro»-Redaktion verriegelt und von zwei schwerbewaffneten Polizisten bewacht ist. Hinein geht es nur durch den Hintereingang, wer keinen Badge hat, wird kontrolliert.

Ob sie einverstanden wäre, wenn für diese Reportage ein kleines Video über sie gedreht würde, wird de Charette zum Schluss des Geprächs gefragt. Sie schaut skeptisch. «Nicht, weil es mich stören würde», sagt sie. «Aber schliesslich sind es meine Mitarbeiter, die in diesen Tagen das Ganze bewältigen.» Sie begleitet ihren Besuch nach draussen und setzt sich zu ihren Kollegen an einen freien Tisch im Newsroom. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 09.01.2015, 20:53 Uhr)

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