Avvocato, Frauenversteher und der Mann fürs Grobe

Von Kordula Doerfler, Rom. Aktualisiert am 05.09.2009

Der Anwalt Niccolò Ghedini steht Italiens Ministerpräsident seit Jahren in Familienangelegenheiten zur Seite. Und nun hat er reihenweise Medien im In- und Ausland verklagt.

Voller Einsatz: Niccolò Ghedini während eines Prozesses gegen Berlusconi 2004.

Voller Einsatz: Niccolò Ghedini während eines Prozesses gegen Berlusconi 2004.
Bild: Keystone

Nicht nur sein wichtigster Mandant weiss, was Frauen mögen. Auch Niccolò Ghedini tritt neuerdings als Kenner des weiblichen Geschlechts auf. «Ich glaube, er könnte viele Frauen haben, und das kostenlos», sagt er über den Mann, dessen private Affären längst zur Staatsaffäre geworden sind. Einer Abgeordneten der Opposition antwortete Ghedini jüngst noch deutlicher. «Die Frauen mögen das doch.» Das verschlug selbst der nicht auf den Mund gefallenen Parlamentarierin kurz die Sprache. Sie hatte zuvor angemerkt, dass Silvio Berlusconi «ein Problem mit Frauen» habe und sich mit «sexuellen Anspielungen» an sie wende.

Was es heisst, sich öffentlich mit dem «Privatleben» von Italiens Ministerpräsident zu befassen, lässt Ghedini dieser Tage nicht nur die Zeitung «Repubblica» spüren, die er wegen angeblicher Verletzung der Privatsphäre Berlusconis auf eine Million Euro Schadensersatz verklagte. Auch die linke «L'Unità», einst das stolze Parteiorgan der Kommunisten, musste in dieser Woche lernen, was unter Pressefreiheit zu verstehen ist. Gleich zwei Millionen Euro will Berlusconi von dem chronisch defizitären Blatt haben, wegen «diffamierender Berichterstattung und Kommentierung».

So unentbehrlich wie ein Leibarzt

Dabei geht es allerdings nicht nur um Berlusconis Frauengeschichten, sondern auch um harte Geschäfte. «L'Unità» hatte dem Ministerpräsidenten auch vorgeworfen, mittels geheimer Absprachen mit dem Staatssender RAI die Konkurrenz von Rupert Murdoch zu verhindern. «Niemand darf sagen, dass eine Person impotent ist», begründete Niccolò Ghedini das jüngste Furioso in der sogenannten Herbstattacke Berlusconis.

Seit Jahren steht der Spross einer angesehenen Juristenfamilie aus Padua dem Multimilliardär zur Seite und hat sich dabei so unentbehrlich gemacht wie die Leibärzte zu Zeiten der Barockpäpste. Denn der blasse, hoch aufgeschossene Experte für Strafrecht vertritt Berlusconi nicht nur in Familienangelegenheiten – beispielsweise in der Scheidungssache Lario gegen Berlusconi, bei der es um ein Milliardenvermögen geht –, sondern wacht auch über dessen Reputation als Unternehmer und Staatsmann. Wann immer in der unendlichen Enthüllungsgeschichte über Affären mit Minderjährigen, eingeflogene Edelprostituierte und wilde Partys Neues zutage gefördert wird, steht Ghedini bereit, mit schneidend arroganten Kommentaren und juristischen Einschüchterungsversuchen, die auch vor grossen europäischen Medien nicht mehr Halt machen.

Dass Ghedini den Paparazzi verklagen würde, der im Sommer Fotos von Berlusconis Luxusvilla auf Sardinien verkauft hatte, war absehbar: Zu sehen waren halb nackte Models, die sich am Pool der Villa Certosa räkelten, und auch so illustre Gäste wie der ehemalige tschechische Ministerpräsident Topolanek in wenig vorteilhafter Pose. Doch als die Bilder zuerst auf der Website und dann in der gedruckten Ausgabe von «El Pais» veröffentlicht wurden, eröffnete Ghedini auch ein Verfahren gegen die spanische Tageszeitung. Die französische Wochenzeitung «Nouvel Observateur» wiederum brachte er wegen eines Artikels vor Gericht, der mit «Sex, Macht und Lügen» überschrieben war. Zudem, so beschied er in der vergangenen Woche, würden derzeit Klagen gegen mehrere britische Zeitungen geprüft.

Autor von Gesetzen für Berlusconi

All das sorgt nicht nur für erneute internationale Aufmerksamkeit, sondern auch für Einkünfte, die deutlich über dem Durchschnitt eines «Avvocato» liegen: Mit mehr als einer Million Euro gehörte Ghedini im vergangenen Jahr zu den Spitzenverdienern im Land – und im Römer Abgeordnetenhaus, dessen Mitglied der 49-Jährige in schöner Personalunion ist. Schon seit dem Jahr 2001 sitzt er für Berlusconis Mitte-rechts-Partei im Parlament und weiss auch dort die Interessen seines Auftraggebers zu verteidigen. Sein Einfluss reicht so weit, dass manche Oppositionsabgeordnete ihn sogar für den eigentlichen Justizminister im Land halten, der Berlusconis Vorstellungen von einer «Justizreform» in die Tat umsetzt.

Dass er auch aus dem letzten Korruptionsprozess gegen ihn ohne Verurteilung davonkam, hat Berlusconi ebenfalls nicht zuletzt Ghedini zu verdanken. Seit dem vergangenen Jahr sind der Ministerpräsident und die anderen höchsten Staatsämter ohnehin geschützt vor strafrechtlicher Verfolgung. Den entsprechenden Gesetzestext hat in weiten Teilen Niccolò Ghedini geschrieben. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.09.2009, 07:52 Uhr

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