Bayerischer Löwe krault russischen Bären

CSU-Chef Seehofer trifft in Moskau Präsident Putin. Das nützt dem Russen, schmeichelt dem Bayern – und ärgert die Kanzlerin.

Audienz im Kreml: Horst Seehofer (links, daneben Edmund Stoiber) zu Besuch bei Wladimir Putin. Foto: Keystone

Audienz im Kreml: Horst Seehofer (links, daneben Edmund Stoiber) zu Besuch bei Wladimir Putin. Foto: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Es schneite und stürmte, der Moskauer Flughafen war längst gesperrt, als Franz Josef Strauss seine Cessna eigenhändig landete, obwohl die vereiste Piste im Gestöber nicht zu erkennen war. 1987 war das, Strauss hatte den Waigel Theo und den Stoiber Edmund im Gepäck, um im Dialog mit Michail Gorbatschow den Weltfrieden zu retten. Den Passagieren verschlug es nach der Notlandung kurz die Sprache, als sie erfuhren, dass der Sprit für einen zweiten Versuch auch gar nicht mehr gereicht hätte. Selbst Pilot Strauss, der ein Jahr später auf einem Jagdausflug starb, nannte die Landung die gefährlichste seines Lebens.

Es sei deshalb vermerkt, dass Horst Seehofer nicht selber geflogen ist, als die Bayern gestern erneut nach Moskau aufbrachen. Seit Strauss’ sagenumwobener Landung rühmt sich die CSU besonderer, ja intimer Beziehungen zum Kreml. Man besucht sich, hofiert einander, trinkt zusammen, macht Geschäfte. 800 bayerische Firmen haben sich alleine in Moskau niedergelassen. Stoiber, Seehofers Vor-Vorgänger als Parteichef, ist bei der neusten Runde des munteren Besuchsreigens auch wieder dabei. Genau genommen ist sogar er es, der die Audienz bei Wladimir Putin einfädelte. Spätestens seit seinem Empfang 2010, der in einer Privatvorführung der historisch kostümierten Reiterarmee im Kreml gegipfelt hatte, betrachtet Stoiber Putin als seinen «Freund».

Alleinherrscher unter sich

Die Alleinherrscher aus Bayern hofieren dem Alleinherrscher von Russland auch dann, wenn es Berlin diplomatisch ­gerade nicht in den Kram passt. Einen ungünstigeren Moment für einen Hofbesuch als den jetzigen gab es in der jüngeren deutsch-russischen Geschichte aber selten. Das Verhältnis zwischen Berlin und Moskau hat sich seit der russischen Annexion der Krim und der Unterstützung der Rebellion in der Ostukraine dramatisch abgekühlt. Die Zeiten, in denen Russland vorbehaltlos als strategischer Partner galt, sind vorbei. Moskau wird verstärkt als Widersacher und Bedrohung wahrgenommen. Kanzlerin Merkel persönlich war es, die Putin in Europas Namen Einhalt gebot und dem Land schmerzhafte Sanktionen auferlegte.

Russland lässt seither keine Gelegenheit aus, gegen Deutschland verdeckt und offen zu agitieren. In der schwelenden europäischen Identitätskrise unterstützt der Kreml rechtspopulistische und rechtsextreme Gruppen allerorten, um Europa zu schwächen und zu spalten. Russland wiegelt deutsche Putin-Verehrer auf, die zu Tausenden gegen Merkels Willkommenspolitik demonstrieren. Nach Ansicht deutscher Sicherheitsbehörden waren es auch Hacker des russischen Militärgeheimdienstes, die letzten Sommer das Computer­system des Bundestags angriffen und zerstörten.

Entsprechend wurde Seehofer zu Hause mit beissender Kritik überhäuft, noch bevor er in Moskau überhaupt ­gelandet war. Die Schwesterpartei CDU forderte ihn zum Verzicht auf die Reise auf. Die SPD hielt fest, Deutschlands Aussenpolitik werde immer noch in ­Berlin gemacht, nicht in München. Am heftigsten war die Kritik der oppositionellen Grünen. Die peinliche Wallfahrt zu Putin schade Deutschland und dem europäischen Zusammenhalt, sagte Anton Hofreiter. Jürgen Trittin meinte, mit Putin und Seehofer träfen sich zwei Gleichgesinnte: «Der eine organisiert in der Union den Widerstand gegen eine humane Flüchtlingspolitik. Der andere mobilisiert über sein Propagandanetzwerk Hunderte von Russlanddeutschen zu feindseligen Demos vor deutschen Flüchtlingsheimen.»

Seehofer, in der Flüchtlingspolitik Merkels wichtigster Gegenspieler in der Koalition, reagierte gereizt. Von fünftklassigen Lokalpolitikern lasse er sich nichts vorschreiben, grantelte er. Der bayerische Ministerpräsident gibt zuweilen gerne den Schattenaussenminister, nicht nur in Moskau. Zuletzt etwa auch letzten September im fränkischen Kloster Banz, als er den ungarischen Ministerpräsidenten und Zaunbauer Viktor Orban wie einen Erlöser empfing.

Merkel mit Putin in Kontakt

Im Rahmen des zweitägigen Besuchs trifft Seehofer neben dem russischen Präsidenten heute noch zwei Minister und den Oberbürgermeister von Moskau. Im ­betont freundschaftlichen Gespräch mit Putin sah sich Seehofer am Mittwochabend in seiner Ansicht bestätigt, dass ohne Russland keine Krise dieser Welt ­gelöst werden könne, auch nicht die in ­Syrien. Deswegen müsse man mit dem Kreml zwingend im Gespräch bleiben, und dürfe auf keinen Fall in die Rhetorik des Kalten Krieges zurückverfallen. Überdies warb Seehofer für eine baldige Lockerung der EU-Sanktionen gegen Russland. Sie missfielen nämlich nicht nur Putin, sondern schadeten auch der bayerischen Wirtschaft enorm.

Die Kanzlerin dürften die Nadelstiche aus Moskau ärgern. Aber Ärger mit Seehofer ist sie sich gewohnt. Sie telefoniert übrigens fast jede Woche mit Putin. Zuletzt vor zwei Tagen. Auf Putins Wunsch, wie Merkels Sprecher beiläufig festhielt.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 03.02.2016, 21:28 Uhr

Artikel zum Thema

Die CSU fordert eine Wende in der Flüchtlingspolitik

Horst Seehofer will die Zahl der Flüchtlinge auf 200'000 im Jahr begrenzen. Angela Merkel lehnt eine Obergrenze vehement ab. Mehr...

Der grosse Gegenspieler

Horst Seehofer geisselt die Willkommenspolitik von Kanzlerin Angela Merkel und droht mit Notwehr. Was ihn antreibt. Mehr...

Hohe Bilder

Horst Seehofer


CSU-Vorsitzender

Edmund Stoiber


Ex-Vizekanzler, CSU

Franz-Josef Strauss


EX-CSU-Vorsitzender

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

TA Marktplatz

Kommentare

Blogs

Blog Mag Alles kommt zurück, sogar die Stille

Die Welt in Bildern

Wellenreiter: Jonathan Gonzalez, Mitglied des spanischen Surf-Teams, übt seine Künste im Wave Garden, einem grossen Pool, der Wellen künstlich erzeugt (25. Mai 2017).
(Bild: Vincent West) Mehr...