Bringt er die Wahrheit über Berlusconi ans Licht?

Wer stand hinter dem steilen Aufstieg des italienischen Premiers? Ein reuiger Mafioso will Ende Woche auch diese Frage beantworten.

Es sind lange Schatten, die sich da auf Silvio Berlusconi legen. Schatten eines schweren Verdachts, neu formuliert von Gaspare Spatuzza, einem Pentito, einem reuigen Kronzeugen der Cosa Nostra, Siziliens Mafia. Spatuzza behauptet, dass Berlusconi zu Beginn der Neunzigerjahre vom Clan der Graviano aus Brancaccio, einem Quartier von Palermo, als politischer Referent ausgewählt und aufgebaut worden war. Dass also Berlusconis Einstieg in die Politik mit dem Segen und mit der Unterstützung der Mafia geschah.

Am nächsten Freitag wird Spatuzza, einst ein Mitglied des inkriminierten Clans Graviano, von der Justiz vernommen. Aus den Erkenntnissen des Verhörs und aus einem Berg von neuem Material über die Verbindungen zwischen dem Staat und der Mafia, das in den letzten Monaten ans Licht kam, könnte die Notwendigkeit eines Verfahrens reifen: gegen Italiens Premier.

Zehnjähriges Schweigen gebrochen

Doch zunächst stellt sich der Justiz und dem Publikum wie immer die Frage nach der Glaubwürdigkeit des Kronzeugen. Zu seiner Aktivzeit war Spatuzza kein Boss, doch er war nahe dran an den Zentren der okkulten Macht. Zehn Jahre hat er geschwiegen, nun redet er plötzlich. Er liefert den Ermittlern offenbar viele neue Details und wurde bisher von keinem seiner ebenfalls inhaftierten Bosse aus jener Zeit desavouiert. Er wird also ernst genommen. So ernst, dass sich Berlusconi am Wochenende gedrängt fühlte, mit viel Verve gegen die Anschuldigungen zu wettern.

Das seien infame Verleumdungen, sagt er. Niemand habe mehr unternommen gegen die Mafia als er. In einer denkwürdigen Vermengung des persönlichen und des sizilianischen Schicksals griff Berlusconi dann die Schriftsteller und Filmemacher an, die sich über die letzten Jahrzehnte mit dem Thema Mafia auseinandersetzten und damit nur das Image Italiens befleckt hätten: «Ich könnte die Autoren von «La piovra» (Der Krake, Red.) erwürgen», sagte er. Die Serie des italienischen Staatsfernsehens wurde in vielen Ländern ausgestrahlt, im deutschen Sprachraum unter dem Titel «Allein gegen die Mafia».

Das Zeugnis des Kronzeugen Spatuzza bezieht sich auf eine Schlüsselphase in der neueren Geschichte Italiens. Zu Beginn der 90er-Jahre ging die sogenannte Erste Republik im Sumpf von Tangentopoli, einem gigantischen Schmiergeldskandal, unter. Die Christdemokraten und die Sozialisten, die das Land nach dem Zweiten Weltkrieg in alternierenden Formationen geführt hatten, gingen unter im Skandal. Es drohte ein Machtvakuum.

Die Mafia will eine neue Allianz

Gleichzeitig erhöhte die Cosa Nostra ihren Druck auf den Staat. Sie war arg getroffen worden durch den Maxi-Prozess, dem grössten je abgehaltenen Verfahren gegen das organisierte Verbrechen in Italien, bei dem 1987 Hunderte Mafiosi verurteilt wurden. Nie schien der Staat entschlossener in seinem Kampf gegen die Mafia als in jener parteipolitisch volatilen Zeit. Und die Mafia rächte sich. Brachte 1992 die Richter Giovanni Falcone und Paolo Borsellino um. Legte danach Bomben und plante Attentate auf Persönlichkeiten.

Mit der «Strategie der Spannung» wollte die Cosa Nostra den Staat zu Verhandlungen zwingen. Vergeblich. Es fehlte ihr ein verlässlicher Partner. Die Gebrüder Giuseppe und Filippo Graviano vom gleichnamigen Clan wurden von der «Kuppel» beauftragt, eine neue Allianz aufzubauen. Wenn möglich mit einer neuen Partei, mit frischen Leuten. Die Brüder verbrachten 1993 viel Zeit zwischen Rom und Mailand. Und sie sollen oft in Kontakt gewesen sein mit Vittorio Mangano, dem Stallknecht im Gehöft von Berlusconis Villa in Arcore bei Mailand. Berlusconi konnte nie überzeugend erklären, warum er den Mafioso angestellt hatte.

Das Vakuum gefüllt

Wie er auch nie erklärte, woher er das Geld nahm, das aus ihm einen Immobilien- und Medientycoon machte. Berlusconis eiserne Weigerung, darüber zu reden und sich im Gericht zu rechtfertigen, nährte den Verdacht einer unlauteren Provenienz zusätzlich. Ende 1993 entstand die Forza Italia: eine Kreatur von Berlusconis sizilianischem Freund Marcello Dell–Utri. Die Partei füllte das Vakuum. Mit der Hilfe seiner Medien schaffte es Berlusconi 1994 auf Anhieb an die Macht. Es begann die Zweite Republik.

Doch die Schatten des Epilogs der Ersten blieben. Dell–Utri, heute Senator, wurde in der Folge in Palermo wegen Zugehörigkeit zur Mafia zu neun Jahren Haft verurteilt. Nun läuft die Berufung. Ein Prozess mit viel politischer Sprengkraft, weil Spatuzza darin auftritt. Nicht in Palermo selber, sondern in Turin, wo er in Haft sitzt. Am meisten interessiert das Verfahren aber in Rom, am Sitz des Ministerpräsidenten. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.11.2009, 06:17 Uhr

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