Ausland

Brown und Labour vor dem Abgrund

Von Peter Nonnenmacher. Aktualisiert am 27.04.2010

Dreizehn Jahre lang hat Labour den Ton angegeben in Grossbritannien. Nun aber steht die Regierungspartei vor einer katastrophalen Niederlage.

Ist beinahe allgegenwärtig: Premier Gordon Brown, hier an einer Wahldebatte am Fernsehen.

Ist beinahe allgegenwärtig: Premier Gordon Brown, hier an einer Wahldebatte am Fernsehen.
Bild: Keystone

Eine schwere Hand, eine Bärenpranke geradezu, senkt sich auf die Schulter des Reporters am frühen Morgen. «Na», fragt die Stimme, «lesen wir die Zeitung?» Aufschauend wendet man sich dem Fragesteller zu. Er ist ein bisschen früher eingetroffen als erwartet. Er hat viel zu tun. Die Zeit drängt. Die Nation versteht nicht. Eine Menge muss erklärt werden. «Guten Morgen, Premierminister» ist alles, was man dem Mann mit der Pranke erwidern kann. Er lacht sein grimmiges Lachen, bevor er weiter marschiert. Nickt, schüttelt ein paar Hände. Ist schon unterwegs zum nächsten Auftritt, zur nächsten Bühne.

Das letzte Rennen

Gordon Brown is in town. Tatsächlich scheint er im ganzen Land gleichzeitig zu sein, in Schulen und Kliniken, in Fabrikhallen, Supermärkten und Kindergärten. Vor allem in den Wohnzimmern von Labour-Wählern, bei denen er sich zum Tee eingeladen hat. Die sitzen hernach verlegen mit ihm und ihren Haustieren zusammen auf dem Sofa, um sich ablichten zu lassen. Der 59-jährige Labour-Regierungschef hat es auf sich genommen, mit Frau Sarah Tag für Tag durch die Provinz zu tingeln. Er glaubt Volksnähe demonstrieren und seine schrumpfende Fan-Gemeinde bei der Stange halten zu müssen – wenn er sich nicht gerade bei einer Fernsehdebatte gegen die beiden 16 Jahre jüngeren Parteichefs der Konservativen und der Liberalen zu wehren hat.

Sichtlich erschöpft und doch jeden Morgen wieder entschlossen lächelnd, ist sich Brown vollkommen bewusst, dass dies sein letztes Rennen sein könnte. Die meisten Umfragen sehen ihn neun Tage vor dem Wahltermin auf dem dritten Platz, mit gerade noch 28 Prozent der Stimmen. Das ist eine katastrophale Aussicht für eine Partei, die immerhin dreizehn Jahre lang die politische Szene in Grossbritannien unangefochten dominiert hat. Drei stolze Wahlsiege – 1997, 2001 und 2005 – hat Labour in dieser Zeit errungen.

Droht die schlimmste Niederlage seit 1918?

Nun droht der Partei der Sturz in einen Abgrund. Politikprofessor John Curtice von der Uni Strathclyde, sagt ihr «die schlimmste Niederlage seit dem Jahr 1918» voraus. In der Tat war Labour über die vergangenen neunzig Jahre die Hauptkontrahentin der Konservativen gewesen, selbst in der Stunde der tiefsten Verzweiflung, in der Thatcher-Ära. Diesmal aber scheint ein Grossteil der Wähler allen Glauben an Labour verloren zu haben. Vom Einmarsch im Irak bis hin zur jüngsten Rezession hat sich die Wählerbasis der Partei sukzessive verschmälert. Brown weckt wenig Sympathien in bürgerlichen Kreisen und wird von den eigenen Kampfgefährten als Handicap betrachtet. Er selbst hat, mitten im Wahlkampf, erklärt, dass Wahlen als Schönheitswettbewerb für ihn nicht in Frage kämen, dass für ihn «Substanz, nicht Stil» wichtig sei.

Doch diesmal zählt Stil, vor allem bei den TV-Debatten. Die Schatten auf Browns Gesicht sind noch eine Spur dunkler, seit Liberalen-Chef Nick Clegg das Image einer jugendlich-frischen Alternative projiziert hat, die weithin Anklang findet. Und der Wahlkampf, den Brown bisher geführt hat, hat niemanden so recht zu überzeugen gewusst.

Plötzlich in einen Dreikampf verwickelt

Früher beeindruckte der damalige Schatzkanzler Brown zusammen mit dem leichtfüssigen Tony Blair durch seine Solidität. Auf sich selbst gestellt, ein einsam gewordener Fighter, der «gegen die Konservativen kämpfen will, als ob mein Leben davon abhängt», findet sich der Labour-Veteran plötzlich in einen Dreikampf verwickelt.

In dieser Situation wie die Queen im Land herumzuziehen, um Grüppchen bereit gestellter Loyalisten zu Tee, Keksen und «small talk» zu besuchen, halten auch Labour-freundliche Beobachter für falsch. Ein Kommentator fühlt sich von Browns Umherdriften gar an Shakespeares King Lear erinnert, der bekanntermassen ein böses Ende nahm. In den letzten Tagen des Wahlkampfs soll Brown nun eher nochmal als Staatsmann auf die Bühne treten und ein paar programmatische Reden halten, um seine Kompetenz herauszustreichen. Die «Substanz» soll zur Geltung kommen. An Erfahrung nimmt es ja keiner mit ihm auf.

Parteifreunde lauern bereits

Mit der Rückkehr zu Wirtschaftsfragen hofft die Labour-Spitze auf ein mittleres Wunder. Aber selbst in Browns Lager befürchten viele, dass es zu spät ist, um das Ruder noch herumzureissen. Parteirivalen wie Innenminister Alan Johnson oder Aussenminister David Miliband planen in aller Stille ihre eigenen Schachzüge. Immerhin hat LiberalenChef Clegg die Labour Party wissen lassen, dass er keinen Sinn darin sehe, Brown noch zu unterstützen, wenn der die Wahl so klar verliere, dass er als Dritter im Ziel einlaufe.

Für Gordon Brown ist es mithin kein Trost, dass Labour wegen des kuriosen Wahlsystems selbst als stimmenschwächste Partei noch die meisten Unterhaussitze erhalten könnte. Die einzige Frage für den Premier ist, ob der rapide Abwärtstrend noch gestoppt werden kann: Wer Browns schwere Hand gespürt hat, vor diesen Wahlen, den Griff nach der Schulter, das sekundenlange Klammern, wird sich des Eindrucks nicht erwehren könne, dass hier einer verzweifelt Halt sucht. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.04.2010, 19:31 Uhr

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