Bruchlandung für russische Luftfahrt in Grossbritannien

Pannen beim Superjet, Absage der Kunstflugstaffel und ein Visum-Streit: Die Luftfahrtmesse in Farnborough entwickelt sich für Russland zum Desaster. Die Verantwortlichen wittern einen britischen Boykott.

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Zur diesjährigen Flugmesse im britischen Farnborough ist die russische Delegation mit hohen Ambitionen gestartet: Die Rüstungsbetriebe sollten ihre neuesten Produkte präsentieren, die Flugshow der Air Force hätte am Himmel gewagte Manöver vollführt und das prestigeträchtige Passagierflugzeug Suchoi Superjet 100 soll präsentiert werden.

Doch so wirklich abheben dürften die Russen kaum. Nachdem die Luftfahrtgesellschaft Aeroflot bei der letzten Ausgabe im Jahr 2010 noch Aufträge im Milliardenbereich generieren konnte, trüben zu viele Vorkommnisse den diesjährigen Auftritt – oder verhindern ihn gar.

Superjet 100 am Boden

Da wären zunächst die vielen Negativschlagzeilen um den Superjet 100. Das Regionalverkehrsflugzeug ist eigentlich als Nachfolger der Tupolew Tu-134 gedacht und soll in direkter Konkurrenz zu vergleichbaren Produkten aus westlichen Ländern stehen. Es war Russlands grosse Hoffnung und sollte die seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 kriselnde Luftfahrtindustrie wieder in Schwung bringen. Der tiefe Fall erfolgte am 9. Mai 2012, als eine der Maschinen bei einem Demonstrationsflug in Indonesien abstürzte und dabei 45 Menschen ums Leben kamen.

Dass das Projekt nach dieser Katastrophe weiterverfolgt wurde, war schon mal nicht selbstverständlich. Doch nun bescheren neuerliche Negativmeldungen den Verantwortlichen weitere Bauchschmerzen. Just zur Präsentation des Flugzeugs in Farnborough räumt die Fluggesellschaft Aeroflot technische Probleme mit dem Superjet ein. Im Schnitt blieben täglich vier der insgesamt acht Regionalflieger am Boden, berichtete die Wirtschaftszeitung «RBK Daily» am Freitag. Aeroflot teilte daraufhin mit, die meisten Probleme beträfen das Alarmsystem für die Klimaanlage.

Visum-Streit mit Grossbritannien

Die negative Entwicklung um den Superjet ist das eine. Doch die diesjährige Flugmesse in Farnborough dürfte den russischen Vertretern noch aus einem anderen Grund in negativer Erinnerung bleiben. Vorausgesetzt, sie können überhaupt daran teilnehmen: Am Rande der Show ereignete sich ein Visum-Streit mit Grossbritannien, der zunächst einem Grossteil der Delegation die Teilnahme verwehrte, wie der Staatssender Stimme Russlands bekannt gibt. «Die Teilnahme Russlands an der Luftfahrtmesse ist gefährdet», sagte Dmitri Peskow, Pressesekretär von Wladimir Putin, am letzten Freitag. Erst im letzten Moment konnten die Visa sichergestellt werden, bestätigt die Regierung. Der Zeitplan der Delegation war bis zu diesem Zeitpunkt aber schon heftig durcheinandergeraten, der Auftritt der Kunstflugstaffel Russian Knigts etwa musste gekippt werden.

Gemäss der Exportfirma Rosoborenexport, dem russischen Vertreter der Messe, waren von der Visum-Blockade vor allem die Topmanager der Firma betroffen. Dies, obwohl die benötigten Unterlagen rechtzeitig und korrekt ausgefüllt worden waren. Die Regierung wittert darin einen Komplott seitens der Briten. Sergej Michejew vom Zentrum für politische Technologien glaubt, dass Grossbritannien mit der Verzögerungstaktik Russland unter Druck setzen will. Quasi als Abstrafung der Aussenpolitik im Fall Syrien, in der das Land keine gemeinsame Linie mit westlichen Kräften verfolgen will. Zudem soll Russland als starker Konkurrent in rüstungstechnischen Fragen gefürchtet sein, glaubt Michejew: «Wir sollen als Waffenkonkurrent geschwächt werden.»

Andere Stimmen gehen davon aus, dass die Verzögerungen aufgrund der anstehenden Olympischen Spiele in London zustande kamen, weil sich zurzeit besonders viele Visumanträge bei den Behörden stauen.

Wirtschaftskrise trübt Stimmung auch bei Boeing (BA 124.72 -1.64%) und Airbus

Doch nicht nur bei Russland ist die Stimmung um die Flugmesse getrübt, die noch bis am 15. Juli dauert. Grund ist die weltweite Wirtschaftskrise. In einer Vorschau auf die Luftfahrtmesse erwartete der Analyst Joseph Campbell der britischen Barclays Bank einen Rückgang der Neuaufträge angesichts des gewaltigen Auftragspolsters bei Boeing und Airbus von zusammen mehr als 8300 Maschinen.

Der Wettbewerb der beiden Giganten am Markt für Passagierjets, der als eines der bestimmenden Themen der Messe gilt, dürfte sich nach Expertenmeinungen derzeit im Segment der Mittelstreckenjets abspielen, schreibt die Nachrichtenagentur AFP. Hier konkurriert die Boeing B737 MAX, eine Weiterentwicklung des seit den 80er-Jahren gebauten Musters mit mehr als 200 möglichen Sitzplätzen, mit dem Airbus A320 neo. Virgin Australia bestellte heute nach Boeing-Angaben 23 B737 MAX und sicherte sich eine Option auf vier weitere.

Neuer A330

Doch auch die Langstreckenflugzeuge stehen im Fokus: Airbus will eine verbesserte Version des A330 auf den Markt bringen. Mit einer höheren Frachtkapazität werde sich die Marktstellung für die Passagierjet-Familie A330 «beträchtlich erweitern», sagte Airbus-Verkaufsdirektor John Leahy am Montag in Farnborough. Mit den neuen Maschinen könnten neue Langstreckenflüge zwischen den Grossstädten der Welt wie beispielsweise Frankfurt–Kapstadt, London–Tokio oder Los Angeles–Dublin bedient werden, teilte Airbus mit. Durch aerodynamische Verfeinerungen und Verbesserungen an den Triebwerken bräuchten die neuen Modelle auch weniger Treibstoff. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 09.07.2012, 14:51 Uhr)

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