Brüder, Waisen, «Gelegenheitsmuslime»

Nun werden erste Details zu den Verdächtigen bekannt: Die französische Polizei sucht fieberhaft nach zwei Brüdern, die für den Anschlag auf «Charlie Hebdo» verantwortlich sein sollen.

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Am frühen Morgen gab der französische Premierminister Manuel Valls bekannt, dass es mehrere Festnahmen im Zusammenhang mit dem Anschlag auf «Charlie Hebdo» gegeben hat. Die beiden mutmasslichen Haupttäter, die Brüder Cherif (32) und Said Kouachi (34), sind aber offenbar immer noch auf der Flucht. Sie sind schwer bewaffnet.

Die Brüder sind in Paris geboren und besitzen die französische Staatsbürgerschaft. Ihre Eltern waren aus Algerien eingewandert und starben früh, weshalb die Jungen in Kinderheimen aufwuchsen. Laut dem Pariser Innenminister Bernard Cazeneuve wurden die beiden überwacht. Es habe allerdings keinerlei Hinweise auf einen bevorstehenden Terrorakt gegeben.

Mindestens beim Jüngeren der beiden, Cherif, soll es sich um einen den französischen Behörden bekannten Jihadisten handeln. Er war im Jahr 2008 zu drei Jahren Haft verurteilt worden, weil er in jihadistischen Netzwerken geholfen haben soll, Kämpfer in den Irak zu schicken. Diese sollten sich dort dem Terrornetzwerk al-Qaida anschliessen.

«Durch Bilder aus Abu Ghraib motiviert»

Laut der französischen Zeitung «Le Monde» hat sich Cherif Kouachi den Namen «Abou Issen» gegeben. Weiteren Zeitungsberichten zufolge wurden er und sein Bruder Said im Januar 2005 bei der Ausreise nach Damaskus vom Inlandsgeheimdienst DST verhaftet und verhört. Cherif sass danach 21 Monate lang im Gefängnis. Vor Gericht habe er ausgesagt, durch die Folterbilder im irakischen Gefängnis Abu Ghraib zu seinen Taten motiviert worden zu sein.

Laut Spiegel.de hat er ein Diplom als Fitnesslehrer, rauchte viel Marihuana, hörte Rap-Musik und definierte sich als «Gelegenheitsmuslim». Er sei in einer Pariser Moschee rekrutiert worden. Nach der Entlassung aus dem Gefängnis habe er als Verkäufer in einem Fischladen gearbeitet.

Den Ausweis im Auto liegen gelassen

2010 stand Cherif Kouachi nochmals im Fokus von Polizeiermittlungen: Er wurde verdächtigt, an einem Plot zur Befreiung des verurteilten Terroristen Smain Aït Ali Belkacem beteiligt gewesen zu sein. Belkacem verübte 1995 einen Terrorangriff in Frankreich, bei dem acht Menschen getötet und 200 weitere verletzt wurden. Er gehörte der algerischen Terrororganisation «Groupe Islamique armé» (GIA) an und sitzt eine lebenslange Gefängnisstrafe ab.

Laut «Le Monde» gehört auch der 18-jährige Verdächtige Hamyd M. zur Familie Kouachi. Er trage denselben Familiennamen wie die Ehefrau von Cherif. Zudem habe er sich im Heimatort der Ehefrau von Said der Polizei gestellt. Dabei beteuerte er jedoch, unschuldig zu sein: Er sei während des Anschlags in der Schule gewesen. Die Polizei bezeichnet den Jungen als obdachlos.

Laut Medienberichten kam die Polizei den Kouachi-Brüdern auf die Spur, weil einer von ihnen bei der Flucht seinen Ausweis im Auto liegen liess. Über 3000 Polizisten suchen nach den Flüchtigen.

(fko)

(Erstellt: 08.01.2015, 10:17 Uhr)

Für «Charlie»: Zehntausende gehen weltweit auf die Strassen. (Video: Reuters)

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