«Charlie Hebdo» deutsch und deutlich

Das französische Satiremagazin startet ab morgen auf Deutsch. Finanziell geht es der umstrittenen Publikation seit dem Attentat islamistischer Extremisten vor zwei Jahren besser denn je.

Knallharter französischer Humor – jetzt auch für Deutschsprachige: Blick in die Redaktionsräume von «Charlie Hebdo» in Paris. Foto: Steven Wassenaar (Polaris, Laif)

Knallharter französischer Humor – jetzt auch für Deutschsprachige: Blick in die Redaktionsräume von «Charlie Hebdo» in Paris. Foto: Steven Wassenaar (Polaris, Laif)

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Angela, das klingt gleich ganz anders, wenn es ein Franzose sagt. Angela muss sich jetzt warm anziehen. «Es tut Politikern immer ganz gut, sich an neuen Dingen zu reiben und zu lernen, was politische Satire ist», sagt Gérard Biard, Chefredaktor der französischen Satirezeitschrift «Charlie Hebdo». Demnächst wird die deutsche Kanzlerin eher unvollständig bekleidet auf dem Klo zu ­sehen sein, erwischt bei der Lektüre der Zeitschrift: «Charlie Hebdo wirkt befreiend.»

Das Plakat mit Angela Merkel auf der Toilette, das ab Donnerstag an Schweizer und an deutschen Kiosken hängen wird, ist Werbung in eigener Sache. Am 1. Dezember wird das französische Satiremagazin «Charlie Hebdo» zum ersten Mal eine deutschsprachige Ausgabe ­herausbringen. Mit 200 000 Exemplaren will es an den Start gehen. Allerdings wird sich das Blatt anfangs vom französischen Original nicht gross unterscheiden. Die meisten Artikel werden schlicht ins Deutsche übersetzt.

Nichts für Anfänger

Das heisst aber auch, dass es keine Version light, kein «Charlie für Anfänger» sein wird, sondern knallharter französischer Humor, der oft dahin zielt, wo es wirklich wehtut. Leser, die auf politische Korrektheit setzen, sollten besser Abstand halten. Seit Monaten bereitet ein Team von zehn Übersetzern, Grafikern und Layoutern den Coup in der ­Pariser Redaktion vor. An deren Spitze steht eine Deutsche. Minka Schneider lässt sie sich nennen. Das ist ein Pseudo­nym. «Besser so», sagt Biard, «wir wollen niemanden in Gefahr bringen.»

Wenn man Biard fragt, warum es ausgerechnet eine deutsche Ausgabe sein soll, warum nicht die humorvollen Briten mit einer englischen Ausgabe von «Charlie» beschenkt werden, die man dann weltweit verkaufen könnte, erzählt er von den vielen Reisen nach Deutschland. Jedes Mal sei er überrascht gewesen: «Nirgendwo sonst ist das Inter­esse, die Neugierde für unser eigentümliches Blatt so gross wie dort.»

Aber versteht es das deutschsprachige Publikum wirklich, wenn es den «kleinen Nicolas» sieht, wie er auf einer Rakete ins All fliegt? «Noch ein Franzose im Weltraum», heisst der Kommentar, der auf das spektakuläre politische Ende des Ex-Präsidenten Nicolas Sarkozy und den französischen Raumfahrer Thomas Pesquet anspielt. Und werden die antiklerikalen Scherze mit dem Papst wirklich ihre Anhänger finden? «Sicherlich hat die Pressesatire in Frankreich eine ganz eigene Geschichte», sagt Biard, «aber es gibt keinen Grund, dass die ­Leser im deutschen Sprachraum das nicht verstehen.» «Wir sprechen ja nicht Chinesisch», ergänzt Zeichner Riss, von dem die Karikatur der Kanzlerin auf der Toilette stammt. Die Zeitung, die sie auf der Karikatur in den Händen hält, ist allerdings von Charb. Der hatte sie öfter mal gezeichnet. Einmal hat er dem Gesicht von François Hollande eine verrutschte Perücke aufgesetzt, die der Frisur von Angela glich: «Die verheerenden Schäden des deutschen Modells» las man darunter.

Aber das war vorher. Das war, bevor die Redaktion von «Charlie Hebdo» am 7. Januar vor zwei Jahren Opfer eines Terroranschlags wurde, bevor Riss und andere Kollegen im Kugelhagel der Kalaschnikows verletzt und zwölf von ihnen getötet wurden. Darunter auch Charb. Der Satirezeitschrift, die damals kurz vor dem Aus stand, geht es so gut wie nie zuvor. Finanziell zumindest. 4,3 Millionen Euro Spenden sind damals zusammengekommen, 12 Millionen Euro hat der Verkauf der «Nummer der Überlebenden» eingebracht.

Alle Welt war Charlie, fühlte sich solidarisch, streckte Bleistifte in die Luft, demonstrierte. Der Verlag setzte im selben Jahr 50 Millionen Euro um. Ein Teil der Spenden ging an die Familien der Opfer. Ein paar Anteilseigner der Zeitung, darunter auch Riss, wurden reich. Die anderen gingen auf die Barrikaden. Die Witwe eines Mitarbeiters, Gala Renaud, zieht jetzt sogar vor Gericht gegen «Charlie». Wie immer, wenn es um ein grosses Erbe geht, das es zu verteilen gibt, gibt es Beleidigungen, Vorwürfe, Zank und Streit.

Auch die grosse Zustimmung und Sympathie war nur im ersten Augenblick wirklich wohltuend. Schnell wurde klar, dass nur die wenigsten den schrägen Humor von «Charlie» wirklich goutieren.

Satire auf Erdbebenopfer

Als im Sommer vergangenen Jahres Riss die Leiche des Flüchtlingskindes Alan Kurdi angeschwemmt am Strand zeichnete, bemerkte manch einer erst, dass die Witze von «Charlie» durchaus auch auf Kosten anderer gehen: Neben dem toten Alan stand ein Plakat einer amerikanischen Fast-Food-Kette, die für zwei Kindermenüs zum Preis von einem warb. Kommentar von Riss: «So nah am Ziel ...» «Es ging um den Traum der Flüchtlinge von Europa, die Vorstellung, die sie sich machen, und die drohende Desillusion», sagt Biard. Diesen Sommer hatte der Zeichner Félix die politisch korrekten Seelen empört. Unter der Überschrift «Erdbeben in Italien» waren blutverschmierte Figuren zu sehen: Die eine war mit «Penne mit Tomatensauce», die andere mit «überbackene Penne» überschrieben, unter «Lasagne» lagen die Opfer in Schichten abwechselnd mit Schutt. Die Stadt Amatrice hat diese Woche Anzeige vor einem Pariser Zivilgericht erstattet, wegen Verleumdung und Beleidigung.

«Das ist das ewige Problem von Charlie», sagt Riss. «Wir hatten schon immer einen schwarzen Humor. Aber wir werden unsere Identität nicht verleugnen.» Wenn man ihn fragt, ob nicht auch der schwarze Humor seine Grenzen dort hat, wo der schlechte Geschmack beginnt, dann verneint er: «Wir machen uns nicht über Opfer lustig. Es ist schrecklich, was in Italien passiert ist. Aber selbst über das Schreckliche muss man lachen dürfen.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.11.2016, 18:22 Uhr

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