Ausland

«Chodorkowski geniesst keine Sympathien»

Interview: Vincenzo Capodici. Aktualisiert am 27.12.2010 20 Kommentare

Politik-Experte Erich Gysling sagt im Interview mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet, warum das Urteil gegen den Ölunternehmer das Volk auf der Strasse kalt lässt – und warum der Westen Putin gewähren lässt.

1/12 14 Jahre Haft: Am 30. Dezember erfährt Michail Chodorkowski das Strafmass.

   

Artikel zum Thema

Proteste in Moskau: Polizei verhaftet Chodorkowski-Anhänger. (Video: Reuters )

«Wenn es in Russland eine unabhängige Justiz gäbe, müssten auch andere Oligarchen wie Chodorkowski behandelt werden»: Erich Gysling, Politik-Experte und Preisträger des Schweizerisch-Russischen Journalistenpreises 2009.

Der Chodorkowski-Prozess

In einem umstrittenen Gerichtsverfahren ist der russische Ex-Oligarch und Kreml-Kritiker Michail Chodorkowski erneut schuldig gesprochen worden. Wegen Geldwäsche und Betrugs drohen Chodorkowski damit erneut mehrere Jahre Haft. Richter Viktor Danilkin begann am Montag in Moskau mit der Verlesung des Urteils gegen den ehemaligen Chef des Ölkonzerns Yukos und dessen Geschäftspartner Platon Lebedew. Das Strafmass wird erst in einigen Tagen erwartet. Chodorkowski verbüsst bereits eine Haftstrafe von acht Jahren wegen Steuerhinterziehung und Betrug, die im kommenden Jahr zu Ende geht. (vin/dapd)

Stichworte

Der russische Regierungschef Wladimir Putin hatte die Verurteilung von Michail Chodorkowski gefordert, das ist nun geschehen. Wie ist der Schuldspruch zu deuten?
Erich Gysling: Dieser Prozess ist eindeutig eine Farce. Hintergrund dieser Verurteilung ist die jahrelange Rivalität zwischen Putin und Chodorkowski. Da gibt es eine tiefe Abneigung von Putin gegenüber Chodorkowski, seit dieser in die Politik einsteigen wollte. Offensichtlich erscheint ihm Chodorkowski als zu gefährlich.

Inwiefern zeigt das Chodorkowski-Urteil, dass es in Russland keine unabhängige Justiz gibt?
Wenn es eine unabhängige Justiz gäbe, müssten auch andere Oligarchen wie Chodorkowski behandelt werden. Solange sich die Oligarchen nicht in die Politik einmischen, lässt sie Putin respektive die Justiz in Ruhe.

Kann sich denn Russland alles erlauben vor der Weltöffentlichkeit?
Das internationale Ansehen Russlands wird unter dem Fall Chodorkowski leiden. Für die russische Führung wird dies aber keine Konsequenzen haben. Die westlichen Länder sind ja von den russischen Energielieferungen abhängig. Keine Regierung hat ein Interesse, wegen Chodorkowski schlechtere Beziehungen zu Russland zu riskieren.

Wie steht die russische Öffentlichkeit zum Fall Chodorkowski?
Es gibt Menschenrechtsaktivisten und wenige unabhängige Medien, die sich für Chodorkowski einsetzen und die eine kleine Elite erreichen. In der breiten Bevölkerung geniesst Chodorkowski aber keine Sympathien, weil er eben ein Oligarch war. Die russische Öffentlichkeit hat eine indifferente Haltung zum Chodorkowski-Prozess.

Eine russische Zeitung berichtete, dass Moskau Chodorkowski ins amerikanische Exil gehen lasse – im Austausch mit dem russischen Waffenhändler Viktor But, der in den USA inhaftiert ist. Was ist dran an dieser Meldung?
Wenn man sich an den Agentenaustausch im letzten Sommer erinnert, dann ist nichts unmöglich. Aber im Fall Chodorkowski ist ein solcher Austausch nicht wahrscheinlich.

Wie gehts weiter in der Causa Chodorkowski?
Jetzt muss zunächst das Strafmass abgewartet werden, Chodorkowski drohen weitere 14 Jahre Haft (wegen Unterschlagung fremden Eigentums und Geldwäscherei, Anm. der Red.). Dann wird es Proteste und Kritik auch aus dem Westen geben. Es wird aber nichts nützen, so dass Chodorkowski noch viele Jahre in Haft bleibt. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 27.12.2010, 15:05 Uhr

20

Kommentar schreiben







 Ausland



Verbleibende Anzahl Zeichen:

Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.

20 Kommentare

Stalder Otto

27.12.2010, 15:16 Uhr
Melden

Unabhängige Medien? Langsam frag ich mich wieso fragen wir das ausgerechnet. Fall Lara Gut berichte der Blick dauernd über die "Dame" (Vertrag Ringie, Pool Postion Agentur Besitz Ringie) es gibt noch ganz andere Beispiele. Es gibt auch in andern Ländern völlig undwirkliches. Herr Madoff USA usw. die Liste wird lang... Antworten


Christophe Diederich

27.12.2010, 15:18 Uhr
Melden

Der Fall Chodorkowski straft die Rufe nach Öffnung Lüge - ob Obama oder George Soros. Der Westen riskiert in Sachen Transparenz eher eine weitere Schliessung unter Druck der Ostmächte wie China und Russland, als dass jene Länder sich wie erhofft weiter öffnen würden. Die rigide Benehmenskultur in der Nachfolge des Staatssozialismus scheint die Wirtschaften der freien Welt in ihren Bann gezogen. Antworten



Ausland

Populär auf Facebook Privatsphäre


Live @ Sunset

11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!

Familie, Beruf und Studium

Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.

Online-Kadermarkt

ALPHA.CH: der online-Kadermarkt der Schweiz.