Ausland

«Danke, ihr wachsamen Helvetier!»

Der Schweizer Minarett-Entscheid bewegt die Menschen weltweit. Tausende schreiben sich derzeit in Online-Foren die Finger wund. Und siehe da: Die Zustimmung für das Votum des Schweizer Volks ist gross.

«Würde man in Deutschland einen Volksentscheid zum Thema durchführen, er würde nicht anders ausfallen»: Minarett einer Moschee im Stadtteil Hassel in Gelsenkirchen.

«Würde man in Deutschland einen Volksentscheid zum Thema durchführen, er würde nicht anders ausfallen»: Minarett einer Moschee im Stadtteil Hassel in Gelsenkirchen.
Bild: Keystone

Über 2000 Leser-Einträge allein verbucht der Artikel von «Spiegel-Online» mit dem Titel «Die Schweiz wählt die Islam-Angst». Die Debatte verläuft überaus angeregt und trotz des heiklen Themas auf hohem Niveau. Zwei hauptsächliche Diskussionsstränge haben sich gebildet. Einerseits wird über das Verhältnis von Muslimen zur ihren Gastgebergesellschaften in der westlichen Welt debattiert, zum anderen läuft auch eine Demokratie-Debatte wieder an.

«Das Volk hat entschieden. Ich finde es klasse, dass die Meinung der Mehrheit der Bürger, nicht der sogenannten Experten oder der Politiker, zählt. Ich wünsche mir auch in Deutschland den Volksentscheid zu bestimmten Themen», schreibt ein Forumsteilnehmer. «Würde man in Deutschland einen Volksentscheid zum Thema durchführen, er würde nicht anders ausfallen», so ein anderer Leser.

«Da würde mir Angst und Bange werden»

Ein Schreiber weist aber auch auf die Gefahr hin, dass es einfach sei, gewisse Themen populistisch zu belegen, mit der Folge, dass das Volk «anti-demokratische» Entscheidungen fällen würde. Ein anderer Teilnehmer legt nach: «Die breite Masse ist zu schnell und zu sehr manipulierbar - da würde mir Angst und Bange werden.»

Natürlich ist aber auch den Deutschen nicht entgangen, dass sich die Schweiz mit dem Minarett-Entscheid auf heikles Terrain begibt. «Ich bedaure zutiefst diese Entscheidung der Schweizer Wähler. Die Glaubensgemeinschaft der Moslems derart zu diskriminieren, ist eines mitteleuropäischen Landes nicht würdig», schreibt einer. «Vor allem ist ihre Rolle als diplomatischer Mittler in Konflikten stark angekratzt», so ein anderer.

«Ihr sollt Euch nicht schämen»

Wer glaubt, die Schweiz würde nun im Ausland als islamophob dargestellt, sieht teilweise ganz anderes. Einer moniert, dass «in der Schweiz die Toleranz anderer Glaubensgemeinschaften weiter standhält». Auch wird unterschieden zwischen Minarett und Moschee. Das Bauen weiterer Moscheen sei vom Abstimmungsergebnis nicht tangiert, bemerkt ein Leser.

Knapp 200 Leserkommentare sind bis jetzt zum Minarett-Artikel in der britischen «Times» eingegangen. Im Unterschied zu «Spiegel Online» werden die Texte weniger restriktiv überwacht, respektive im Falle von diskriminierenden und verletzenden Texten gelöscht. Ähnlich verläuft die Debatte aber auch auf der Insel. Direkte Demokratie wünschten sich demnach auch viele Briten. In der Kulturdebatte fragen sich die Leser, was so falsch sei an «Patriotismus». «Ihr sollt Euch nicht schämen, Stolz auf Euer Land zu sein», ruft ein Leser auf.

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Eine Leserin will ausgemacht haben, dass das Abstimmungsresultat zu Gunsten der Minarettgegner den Schweizer Frauen zu verdanken sei (auch wenn diese Frage natürlich hierzulande noch nicht geklärt ist). Dass gewisse Kommentare vom Thema abschweifen, lassen die «Times»-Zensoren zu, demnach will zum Beispiel die letztgenannte Schreiberin ihren Konsum von Schweizer Schokoloade verdreifachen.

Natürlich finden aber auch die Minarett-Gegner auf der britischen Insel nicht nur Zustimmung. Politisch inkorrekt tönt das dann zum Beispiel so: «Wenn direkte Demokratie heisst, einigen affenähnlichen SVP-Politikern zu folgen, dann will ich lieber Brite sein.» Heute seien die Befürworter des Verbots erfreut. Aber der Entscheid sei total entgegen den Menschenrechten und der entsprechende Gerichtshof werde das noch beweisen.

Rassistische Kommentare

Weit über 200 Kommentare verzeichnet auch der Artikel über die Minarett-Initiative in der Onlineausgabe der französischen «LeMonde». «Es ist wahrscheinlich, dass ein solches Referendum in Frankreich zu einem ähnlichen Resultat führen würde», stellt ein Leser fest. In die Online-Debatte haben sich auch Muslime eingeschaltet. Der Schweizer Entscheid sei ein Angriff in den Rücken der Muslime und ein Verstoss gegen die Religionsfreiheit.

Ein anderer Leser fragt sich, warum sich Politiker und Experten über den Ausgang der Abstimmung so überrascht zeigten. Offenbar würden die Magistraten am Volk vorbei politisieren, und sie merkten es nicht einmal. «Ein deprimierender Sieg der Populisten. Und wir stehen dem hier in Frankreich in nichts nach», weist ein Leser auf rassistische Kommentare anderer Schreiber hin. Er beschwert sich, dass extreme Kommentare nicht der Zensur auffallen – so es sie dann gibt – und gelöscht werden.

Grosse Zustimmung zum Schweizer Entscheid

Insgesamt lässt sich aus den Leserkommentaren in den drei Ländern Deutschland, Frankreich und England feststellen, dass eine überwiegende Mehrheit den Entscheid des Schweizer Stimmvolkes stützt, ja gar bei der Möglichkeit, die eigene Stimme abzugeben, gleich votieren würde. Und von vielen wird mit Bewunderung und etwas Neid auf die das schweizerische politische System geschielt. «Danke, ihr wachsamen und weitsichtigen Helvetier», bringt einer die vielen Kommentare auf den Punkt. Zu bemerken ist trotzdem auch, dass es sich bei den Schreibern um Menschen handelt, die sich vermutlich überdurchschnittlich in der politischen Debatte engagieren, es sich also dabei nicht um eine repräsentatives Abbild aller Menschen eines Landes bildet.

Spannend auch, dass in der Debatte über die direkte Demokratie immer auch die Angst vor «falschen Volksentscheiden» mitschwingt. Wer hat Recht? Das Volk oder die Politiker? (cpm)

Erstellt: 30.11.2009, 12:54 Uhr

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