Das Duell der Exzentriker

Der konservative Boris Johnson und der linke Ken Livingstone bewerben sich als Londoner Bürgermeister. Europas grösste Stadt hat heute die Wahl zwischen zwei Super-Egos.

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Der eine hält sich schon für Winston Churchill. Der andere glaubt, er sei James Bond. Die Welt zu retten, sehen beide als ihren Auftrag. Dabei sind sie bloss Kandidaten für ein Bürgermeisteramt.

Zugegeben: Es ist das eindrucksvollste Amt dieser Art in Europa. Keine andere europäische Stadt kann sich an Grösse und globaler Bedeutung mit der britischen Metropole messen. Wer bei der Wahl heute Donnerstag Londons Mayor-Posten erringt, kann ausserdem auf das umfassendste persönliche Mandat im Lande verweisen. Es wird, wenn nicht gerade der Himmel auf die Themsestadt herunterfällt, entweder «Red» Ken Livingstone oder Alexander Boris de Pfeffel Johnson sein (wie der über seine Urururgrosseltern weitläufig mit der Queen verwandte konservative Politiker mit vollem Namen heisst).

Die Londoner schütteln den Kopf bei dieser Aussicht. Genau dieselben Kandidaten standen schon das letzte Mal zur Wahl. Labour und Konservative treten in gleicher Aufstellung wie 2008 an. Sogar der Kandidat der Liberaldemokraten ist noch der Gleiche wie damals: der glücklose Ex-Polizeichef Brian Paddick.

Clown gegen Eigenbrötler

Einige Wähler finden das eine Zumutung. Hätten Labour und Liberale nicht eine neue Herausforderung für Tory-Mayor Johnson finden können? Selbst die Kandidatin der Grünen ist eine altbekannte Lokalgrösse. Kein Wunder, dass manche Londoner erwägen, aus Protest gegen die «verkrustete Quadriga» parteilosen Kandidaten, wie der unabhängigen Bewerberin Siobhan Benita, ihre Stimme zu geben. Auch in London sind viele Leute der «alten Parteien» und der abgenutzten Parolen müde.

Im Kampf der Titanen haben frische Gesichter allerdings wenig Chancen. Die Super-Egos haben das Feld für sich. Boris und Ken sind schliesslich die einzigen britischen Politiker, bei denen es landesweit keines Nachnamens bedarf, um sie zu identifizieren. Sie stehen nicht nur für ihre jeweiligen Lager, sondern haben ein eigenes Profil – und einen unbestrittenen Unterhaltungswert.

Hier, in der Tory-blauen Ecke, tritt also wieder der Witzbold und blonde Wuschelschopf aus Eton an. Dort, in der roten, das scharfzüngige Faktotum der Südlondoner Working Class. Der Clown und Charmeur der herrschenden Schichten gegen Häuptling Faltige Stirn, den näselnden Eigenbrötler der Linken. Exzentrisch beide. Eigenwillig und arrogant. Immer ein wenig abdriftend vom Hauptstrom ihrer Parteien.

Sympathie verbindet sie keine. Sie sehen sich als scharfe Gegenpole der britischen Politik. Das war schon so, bevor Boris vor vier Jahren Ken aus dem Amt vertrieb. Die Wahl zwischen ihm und Johnson, witzelte Livingstone einmal, sei quasi eine Wahl zwischen Gut und Böse. «Seit Winston Churchill sich das Dritte Reich vorknöpfte», habe es derart klare Verhältnisse nicht mehr gegeben.

Mit gleicher Münze

Johnson zahlte es ihm in gleicher Münze heim. Ihm komme sein Duell mit Livingstone vor wie jenes von James Bond mit dem auf Weltherrschaft versessenen Bösewicht Blofeld, erklärte der Tory. Oder wie der heroische Kampf Sherlock Holmes gegen den Finsterling Moriarty (ein Kampf, den Holmes allerdings nicht wirklich gewann).

Auf die Sache mit der Weltherrschaft kam Johnson übrigens nicht ganz zufällig. Margaret Thatcher, die Eiserne Lady, hatte Ken Livingstone in den 80er-Jahren beschuldigt, er wolle Britannien «eine Tyrannei osteuropäischer Art» bescheren.

Damals leistete der Labour-Politiker als junger Vorsitzender des Gemeinderats für Gross-London der Tory-Regierungschefin bitteren kommunalpolitischen Widerstand. Er verwandelte den Greater London Council (GLC) in eine antirassistische, sozialliberale Gegenplattform zum Thatcher-Fundamentalismus. Zur Strafe wurde der GLC 1986 einfach abgeschafft. Und Murdochs stramm rechte «Sun» erklärte Livingstone zum «meistgehassten Menschen in Grossbritannien».

«Red» Ken half, die Olympischen Spiele 2012 an Land zu ziehen

Vierzehn Jahre sollte es dauern, bis Ken Livingstone in der Londoner Politik wieder eine Rolle spielte. Als die Stadt dank Tony Blair zur Millenniumswende erstmals in der Geschichte einen direkt gewählten Bürgermeister erhielt, musste sich Livingstone den Posten allerdings als unabhängiger Kandidat erkämpfen. Blairs New-Labour-Riege wollte keinen Aussenseiter, keinen widerborstigen Linken an dieser wichtigen Stelle. Sie unterschätzte Livingstones Widerborstigkeit sträflich.

Dabei erwies sich «Red» Ken, erst einmal im Amt, als bemerkenswert konziliant – als geradezu sozialdemokratisch. Er wusste zum Beispiel seine verkehrspolitischen Reformen mit ausgesucht freundlicher Behandlung der City, des mächtigen Finanzbezirks von London, zu verbinden. Bei seiner Wiederwahl 2004 war er schon wieder offizieller Labour-Kandidat. Beim Anlauf zu einer dritten Amtszeit, 2008, verlor er aber knapp gegen den neuen Tory-Kandidaten, Boris Johnson.

Johnson kam damals die wachsende Anti-Labour-Stimmung im Lande zugute. Blair hatte gehen müssen. Nachfolger Gordon Brown machte sich als Premier schnell unbeliebt. Boris repräsentierte die «neuen», wählerfreundlichen Konservativen. Er war ein Original. Er brachte die Leute zum Lachen. Und er wusste die Aussenbezirke Londons, die bürgerlichen Vorstädte, für sich zu gewinnen. Die Teile Londons, die nicht an Mautzonen und billigen Bus-Tickets in der Innenstadt, sondern an freier Fahrt für ihre Autos interessiert waren.

Nach seinem Wahlsieg 2008 fand sich Johnson in einer glücklichen Lage. Ihm fielen die Früchte mehrerer von Livingstone gesäter Projekte in den Schoss. «Red» Ken hatte nicht nur Mautzone, elektronische Tickets und freie Fahrt für Schüler in London eingeführt und für ein dichteres Busnetz gesorgt. Er hatte auch neue Bahnlinien und Bahnhofs-umbauten aufgegleist. Er hatte ein städtisches Leihradsystem vorbereitet, das später unter dem schönen Namen «Boris Bikes» umgesetzt wurde. Und er hatte die Olympischen Spiele 2012 an Land ziehen helfen. Die Spiele, die Johnson nun Ende Juli eröffnen wird.

«Boris Bikes» kommen teuer

«Boris», meint Tony Travers, der Stadtexperte der London School of Economics, «landete mit unwahrscheinlichem Glück in einer Situation, in der er Dinge einweihen und Bänder zerschneiden konnte.» Das half ihm darüber hinweg, dass er mit wenig Vorstellung von grossstädtischer Politik ins Amt gekommen war. Johnson hatte anders als Livingstone, der seine ganze Karriere London gewidmet hatte, im Grunde wenig Interesse an der 8-Millionen-Stadt. Der neue Job war für ihn eher eine Etappe auf dem Weg nach oben – zur Spitze der Konservativen Partei.

Eine Zeitlang delegierte er einen Grossteil seiner Geschäfte. Mehrere seiner Topmitarbeiter, in Skandale verwickelt, mussten inzwischen aber gehen.Dann schrumpfte er die Mautzone und schaffte die von Livingstone eingeführten «bendy buses», die vom Kontinent eingeführten mehrgliedrigen Arbeitsraupen des Busverkehrs, wieder ab. Statt ihrer liess er den legendären englischen Bus mit Kondukteur und Aufsprung-Plattform neu entwerfen. Acht Exemplare davon brummen inzwischen durch Londons Strassen. Kostenpunkt pro Bus: eine Million Pfund.

Teuer gerieten auch die Leihfahrräder. Die Jahreseinnahmen aus den «Boris Bikes» decken heute nicht einmal ein Prozent der Kosten des Projekts. Eine grosse soziale Funktion hatte die Sache auch nicht. Boris selbst stellte sein Rad in die Ecke und setzte sich lieber ins Taxi. Im Laufe der Zeit begannen die Leute Fragen zu stellen. Die Fahrkarten-preise in London stiegen um über 50 Prozent. Wenigstens, hiess es, habe Johnson das Verkehrsnetz nicht eingeschränkt. Aber viel Verständnis für die Unbemittelten in der Stadt zeigte der Tory-Mayor nicht.

Johnson tat 250'000 Pfund ab als «lausiges Hühnerfutter»

Das Jahreshonorar für seine wöchentliche Kolumne im «Daily Telegraph» – 250'000 Pfund (gut 365'000 Franken) – tat er einmal als «lausiges Hühnerfutter» ab. Die Leute sollten aufhören, «immer über hohe Hauspreise zu jammern». Ein andermal schimpfte er, Londons Banker würden vom Volk «wie Aussätzige» behandelt. Selbst vielfacher Millionär und aus privilegierten Kreisen, drängte er die Regierung seines Parteifreunds David Cameron dazu, den britischen Höchststeuersatz von 50 Prozent abzuschaffen. Er fand es dagegen okay, dass eine Londoner Gemeinde eine Gebühr für die Benutzung eines neuen Spielplatzes verlangen wollte. Ideologisch, meinte er, sei daran nichts auszusetzen.

Davon, dass London heute mit 10 Prozent eine höhere Arbeitslosenrate hat als Grossbritannien im Schnitt (8,4 Prozent), wollte er nichts hören. «Die Jobs sind ja da», sagte er. Man müsse sich nur Mühe geben und sie finden. Als London im vorigen Sommer im Zuge der Unruhen vielerorts brannte und Rauch über der Themse aufstieg, weigerte er sich zwei Tage lang, aus seinem kanadischen Urlaub heimzukommen. Die Polizei, meinte er, werde das schon regeln. Was könne er schon dazu tun?

Seine Gegner werfen ihm vor, er nähre einen Mythos politischer Eigenständigkeit, während er doch nur die rechte Parteibasis der Konservativen drüben in Westminster für die Zeit nach Cameron zu mobilisieren suche. Mit seiner jovialen Art vermag Johnson aber noch immer eine Menge Leute für sich einzunehmen. Livingstone hingegen kommt selbst Labour-Sympathisanten oft verkniffen oder ungehobelt vor. Auch stellt der Ex-Mayor sich gelegentlich selbst ein Bein mit fragwürdigen persönlichen Steuer-arrangements. Oder mit leichtfertigen Bemerkungen, die ihm als antisemitisch ausgelegt werden können.

Knapper Ausgang erwartet

«Not Ken Again!», nicht wieder Ken, hat Johnson auf die Poster seiner Wiederwahl-Kampagne und seiner Wahl-Website schreiben lassen. Die bürgerliche Presse in London verschafft diesem Ruf die nötige Resonanz. Kampfgeist beweist der 66-jährige Amtsvorgänger und Herausforderer Johnsons noch, aber viel an Vision für London kommt auch von ihm nicht herüber.

Bei so viel persönlichem Gehacke und so wenig Diskussion über die Zukunft der britischen Hauptstadt, meint Ben Rodgers von der Denkfabrik Centre for London, sei es «ein Glück, dass die Britische Nationalpartei (BNP) nicht besser abschneidet dieser Tage». Sollte Livingstone, der Veteran des progressiven Lagers, es heute wider Erwarten noch einmal schaffen, wäre das eine beachtliche Leistung für «Red» Ken. Am Ende, spekuliert Tony Travers von der London School of Economics, könne der Wahlausgang an ein paar Tausend oder sogar an ein paar Hundert Stimmen hängen.

Gelingt Ken Livingstone kein Comeback, kann sich der fast zwanzig Jahre jüngere Boris Johnson in aller Ruhe auf die nächste Etappe seiner ureigenen Karriereplanung vorbereiten. Ein Wahlerfolg heute würde Boris Johnson auch auf der nationalen Bühne in eine starke Position versetzen. Von der City Hall nach Westminster ist es nur ein Sprung. Seinen Anhängern in Parlament und Partei hat Johnson schon signalisiert, dass er sie auf sehr viel radikalere, mehr City-orientierte und antieuropäische Pfade als die jetzige Regierung führen würde. Sein Eton-Kumpel, Oxford-Kommilitone und ewiger Rivale David Cameron weiss nicht, ob er ihm Sieg oder Niederlage wünschen soll.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 03.05.2012, 07:18 Uhr)

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