Das andere Leben der Hannelore Kohl

Aktualisiert am 14.06.2011 10 Kommentare

Der Vater war ein überzeugter Nazi, als Mädchen wurde sie Opfer einer Massenvergewaltigung: Eine neue Biografie knapp zehn Jahre nach ihrem Suizid enthüllt traumatische Episoden aus dem Leben der Kanzlergattin.

1/15 Helmut und Hannelore Kohl mit den beiden Söhnen bei einem Stadtbummel in Leipzig. (19. August 1975)
Bild: Waltraud Raphael/Bundesarchiv Koblenz

   

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Helmut Kohl: Der Schattenvater

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Im Buch «Leben oder gelebt werden» beschreibt Walter Kohl das Verhältnis zu seinem Vater.

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«Es fällt mir sehr schwer, dich nach 41 Jahren zu verlassen. Aber ein langes Siechtum in Dunkelheit will ich mir und dir ersparen. Ich habe viele Jahre um das Natürlichste von der Welt, um Licht und Sonne, gekämpft, leider vergebens... Meine Kraft ist nun zu Ende... Dein Schlänglein.» (Aus dem Abschiedsbrief von Hannelore Kohl)

Hannelore Kohl hatte die letzten Jahre ihres Lebens an einer schweren Lichtallergie gelitten. Am Abend des 4. Juli 2001 hatte sie genug vom einsamen, schmerzerfüllten Leben im verdunkelten Bungalow in Oggersheim in der Pfalz. Mit einer Überdosis Schlaftabletten schied die 68-jährige Gattin des deutschen Einheitskanzlers Helmut Kohl aus dem Leben. An der Trauerfeier nahmen 6000 Menschen von ihr Abschied.

Von russischen Soldaten vergewaltigt

Die Lichtallergie war nicht das einzige Drama im Leben von Hannelore Kohl, geborene Renner. Eine Biografie, die diese Woche erschienen ist, berichtet über das Trauma, das die Frau an der Seite von Helmut Kohl ein Leben lang quälte. Es war in den letzten Kriegstagen 1945 passiert: Auf der Flucht aus dem sächsischen Döbeln in den Westen wurde die Zwölfjährige von russischen Soldaten aufgegriffen. Die Soldatenmeute vergewaltigte das Mädchen und warf es dann «wie einen Sack Zement» aus einem Fenster. Dabei erlitt Hannolere Renner eine schwere Quetschung an der Wirbelsäule, wie das Magazin «Spiegel» in einem Vorabdruck der Biografie schreibt (Artikel online nicht verfügbar). Mit den körperlichen und seelischen Leiden als Folge der Massenvergewaltigung hatte die spätere Kanzlergattin zeitlebens zu kämpfen.

Die Biografie enthüllt auch, dass der Vater von Hannelore Kohl tief in die Barbarei der Nationalsozialisten verstrickt gewesen war. Als treues Mitglied der NSDAP leitete der Ingenieur Wilhelm Renner eine der grössten Rüstungsfabriken des Dritten Reichs, die Leipziger Hasag, die Zehntausende KZ-Häftlinge und «Arbeitsjuden» beschäftigte. «Er scheint ein überzeugter Nazi gewesen zu sein», schreibt der «Spiegel». Wie viel Hannelore Kohl über die Nazi-Verstrickungen ihres Vaters wusste, bleibt unklar.

Medien verunglimpften sie als «Barbie aus der Pfalz»

Verfasser der Biografie ist der frühere TV-Journalist Heribert Schwan, der einst Helmut Kohl beim Verfassen der Memoiren geholfen hatte. Zu Schwan entwickelte die Kanzlergattin ein Vetrauensverhältnis – ausgerechnet zu einem Journalisten. Dabei hatte Hannelore Kohl die Medien verachtet, nicht zuletzt, weil sie und ihr Mann immer wieder Verunglimpfungen und Beleidigungen erdulden mussten. Sie war die «Barbie aus der Pfalz» und er die «Birne». Die Wiedervereinigung, an der Kanzler Kohl massgeblich beteiligt war, verbesserte das Verhältnis zu den Medien. Aber nur für ein paar Jahre, bis die Parteispendenaffäre der CDU publik wurde. Angesichts der medialen Hetze soll die Kanzlergattin fassungslos gewesen sein, weil sich Kohl weigerte, die Namen der CDU-Gönner zu nennen. Nach aussen verteidigte sie ihn jedoch. Überhaupt: In der Öffentlichkeit spielte Hannelore Kohl immer die Rolle der loyalen Ehefrau. Auch im Wahlkampf 1998, als der Kanzler eine weitere Amtsperiode anstrebte. Dieser Entscheid soll sie wütend gemacht haben, weil sie etwas anderes verabredet hatten.

Hannelore Kohl war zwar mit einem Vollblutpolitiker verheiratet, die Welt der Politik erschien ihr aber zunächst fremd und später immer feindlicher. Auf ihren Wunsch hin wurde im Heim in Oggersheim nicht über Politik gesprochen. Und sie hasste die jährlichen Urlaube am Wolfgangsee, weil dauernd Politiker zu Besuch kamen. «Du kannst dir nicht vorstellen, wie sehr ich das alles hasse», sagte sie einst einem Bekannten. Viel lieber hätte sie ein normales Familienleben abseits der hohen Politik gehabt.

Einfluss auf die deutsche Wiedervereinigung?

Dennoch: Gemäss einer Einschätzung der «Welt» war Hannelore Kohl die zeitgeschichtlich wahrscheinlich bedeutendste Ehefrau unter den Kanzlergattinnen. «Ohne ihre Leipziger Herkunft, ohne ihre Bindungen an Landschaften in der späteren DDR wäre es ungewiss gewesen, ob Helmut Kohl mit seiner linksrheinisch-lateineuropäischen Prägung wirklich so entschlossen die deutsche Einheit angesteuert hätte.» Das ist eine spannende These.

Die Biografie bemüht sich um die Rehabilitierung von Hannelore Kohl. Sie sei klug und gütig gewesen. «Wer sie näher kennenlernte, erlebte eine wache, aufgeschlossene, schlagfertige Frau», bemerkt dazu der «Spiegel». «Im Ausland überraschte sie ihre Gesprächspartner mit vorzüglichen Englisch- und Französischkenntnissen. Überhaupt war sie viel gebildeter, als dies in weiten Teilen der Öffentlichkeit zu lesen war.»

Heribert Schwan: «Die Frau an seiner Seite: Leben und Leiden der Hannelore Kohl». Heyne Verlag. 320 Seiten. München. (vin)

Erstellt: 14.06.2011, 15:33 Uhr

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10 Kommentare

Peter A HENZI

14.06.2011, 16:01 Uhr
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Rehabilitierung ? Was soll der Quatsch! Sie hat nichts schlechtes getan... also muss sie sich auch nicht REHABILITIEREN! Ich habe sie immer geachtet! Im Gegensatz zu einer Frau Blocher hat sie sich NIE in die Oeffentlichkeit gedrängt. Antworten


Heide-Rose Decurtins

14.06.2011, 16:10 Uhr
Melden 61 Empfehlung

Hannelore Kohl war eine bewundernswerte starke Persönlichkeit. Hier sieht man wieder wie Menschen bewertet und Urteile gefällt werden, ohne eine Person und deren Schicksal wirklich zu kennen. Der seelische Schmerz, der damit verursacht wird ist nicht zu unterschätzen. Doch wichtig ist es ja, dass die Medien ihre Auflagen erhöhen. Ich frage mich, wo da ein Gewissen ist. Antworten



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