Das grösste soziale Experiment des Jahres
Von Philipp Löpfe. Aktualisiert am 03.01.2011 36 Kommentare
Artikel zum Thema
- England erlebt seine schlimmste Niederlage
- Der britische Premier wirbt im «Tages-Anzeiger»
- Die EU bekommt Camerons Sparwillen zu spüren
- Englands gefährliches Experiment
Stichworte
Grossbritanniens «Eiserne Lady», Margaret Thatcher, wurde mit dem Zitat berühmt, dass es so etwas wie eine Gesellschaft gar nicht gäbe, sondern bloss Individuen. David Cameron, der aktuelle konservative Premierminister, sieht das ganz anders. Er will mit dem puren Gegenteil Geschichte schreiben. Er sieht sich als Begründer einer «Big Society», einem Wiedererwachen des Gemeinschaftsgefühls.
Cameron versteht seine «Big Society» nicht als Gegenentwurf zu Thatchers Neoliberalismus. Er sieht darin vielmehr eine Anti-These zu Sozialismus und «Big Government». Sein Ziel ist eine neue Zivilgesellschaft. Er träumt von Menschen, die sich freiwillig und unbezahlt für die Gemeinschaft einsetzen, ohne dass ihnen der Staat zu Hilfe eilt.
Die Gemeinschaft leidet
Wo genau aber sollen diese freiwilligen Helfer aktiv werden? In der Schule beispielsweise, bei der Krankenpflege oder in Gemeindezentren, wo sie Kinder gratis Nachhilfeunterricht erteilen, Kranke pflegen oder Gemeinschaftsanlässe organisieren. Gleichzeitig sollen in der «Big Society» auch Bürgerversammlungen und Bewegungen zur Verbesserung der unmittelbaren Umwelt gefördert werden. Die Pläne sind hochfliegend: «Wir wollen nicht nur Kleinigkeiten verändern, sondern neue soziale Formen erfinden und wieder neues soziales Kapital aufbauen», heisst es vollmundig von Seiten der Regierung.
Die Vernichtung von sozialem Kapital ist eine viel beklagte Nebenerscheinung der Globalisierung. Wenn sich Fertigungsketten um den gesamten Globus spannen, wenn die Einkommensschere sich immer weiter öffnet, dann leidet die Gemeinschaft. So gesehen ist Camerons «Big Society» eine durchaus verständliche Antwort auf ein akutes soziales Problem. Sie ist allerdings nicht besonders originell. In England haben die so genannten «communitarians», Menschen, die sich für die Gemeinschaft einsetzen, eine lange Tradition.
Für die Gegner blanker Zynismus
Erstaunlich ist einzig der Zeitpunkt, in dem Cameron seine «Big Society» lanciert. Er hat den Briten soeben das härteste Sparprogramm seit dem Zweiten Weltkrieg verpasst. Gerade der Gemeinschaftsbereich, Schulen und soziale Wohlfahrt sind davon besonders hart betroffen. Selbst in konservativen Kreisen stossen Camerons Visionen teilweise auf Kopfschütteln und werden als «dumme Idee» abgetan.
Für Camerons Kritiker ist seine «Big Society» blanker Zynismus. Was erwartet der Mann? Dass Banker mit Millionen-Boni einmal im Monat für Obdachlose Suppe kochen? Oder Manager Behinderte mit einem Bus ins Fussballstadion fahren? Lästerer vergleichen deshalb die Parolen von der «Big Society» mit Mao und seinem roten Büchlein, wo einzig dank hohlen Sprüchen eine neue Gesellschaft hätte entstehen sollen.
Tatsächlich starten Cameron und seine konservativ-liberale Regierung in ein sehr schweres Jahr. Das rigorose Sparprogramm verlangt von den Menschen grosse Opfer und die Schonzeit der neuen Regierung ist vorbei. Jetzt tritt eine höhere Mehrwertsteuer in Kraft, die Kinderzulagen für den Mittelstand sind gestrichen und die Löhne stagnieren. In diesem Umfeld ist Camerons Vision einer «Big Society» möglicherweise kein Modell für die Gesellschaft der Zukunft, sondern nur ein fahrlässiges soziales Experiment, das zum Scheitern verurteilt ist.
(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 03.01.2011, 12:23 Uhr
Kommentar schreiben
36 Kommentare
Die Vision einer Big Society als politisches Marketinginstrument zu verkaufen ist Hohn und Spott gegenüber jenen, die am meisten unter den Sparprogrammen leiden müssen. Richtig ist wenn man das Establishment solidarisch temporär belasten wird. Doch der Aufruf deckt eine dunkle Realität auf, Reichtum existiert zu großen Teilen nur noch in Büchern und Papier, aber eben nicht mehr real... Antworten
Wenn «Big Society» bedeuten würde, dass Klassenschranken überwunden werden und an Bedeutung verlieren, so wäre das gerade für Grossbritannien - immer noch eine sehr klassenbewusste Gesellschaft - etwas neues und erstrebenswertes. Interessant, dass auch Tony Blair vom Kommunitarismus als dritten Weg gesprochen hat. Schon Tony hat man vorgeworfen, eine Tarnkappe für den Neoliberalismus zu stricken. Antworten
Ausland
- 06:36Demonstranten bewerfen Präsidentschaftskandidaten mit Steinen
- 06:23Unterstützte der Bieler Gymnasiast eine Terrorgruppe?
- 23:08Grosser Andrang vor ägyptischen Wahllokalen
- 21:28«Dieses Ungleichgewicht zerstört die Europäische Union»
- 19:31Weil er die Spur zu Osama bin Laden legte: Arzt muss ins Gefängnis
- 17:21«Sie wollen Angst verbreiten, indem sie Mädchen vergiften»
Live @ Sunset
11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!
Familie, Beruf und Studium
Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.




