«Das ist eine falsche Debatte, die wir importiert haben»

Das Schweizer Minarett-Verbot hat in Frankreich die Islam-Debatte neu lanciert. Jetzt gibts Ärger in der Regierungspartei des französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy.

Die muslimische Staatssekretärin Nora Berra verliess eine Sitzung der UMP-Fraktion aus Protest gegen Äusserungen eines Abgeordneten. Das berichteten mehrere Teilnehmer am Mittwoch. Der frühere Justizminister Pascal Clément hatte demnach in der Sitzung am Dienstag gesagt, Frankreich werde an dem Tag nicht mehr Frankreich sein, an dem es dort «so viele Minarette wie Kathedralen» gebe.

Sie habe durch ihren Protest ein «starkes Signal» geben wollen, sagte Berra, deren Vater aus Algerien stammt, dem Radiosender Europe 1. «Religion ist eine private Sache und als Regierungsmitglied bin ich Garantin der Trennung von Kirche und Staat.» Cléments Äusserungen hätten gegen diesen Grundsatz der Laizität verstossen.

In Frankreich, wo über fünf Millionen Muslime leben, werde zudem erst seit dem Schweizer Votum über Minarette diskutiert. «Das ist eine falsche Debatte, die wir importiert haben», sagte die Ärztin, die seit Juni Staatssekretärin für Senioren ist. Clément dementierte seinerseits die Äusserung, die aber mehrere Sitzungsteilnehmer bestätigten. Die UMP ist die Partei des französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy

Gegenschlag

Als Reaktion auf das Abstimmungsergebnis in der Schweiz fordert ein populärer sunnitischer Prediger ein Verbot der Weihnachtsfeiern in islamischen Ländern. Dieses verstosse gegen den islamischen Glauben, argumentiert der Leiter eines islamischen Forschungszentrums in der katarischen Hauptstadt Doha. In Europa würden ja auch Minarette verboten.

Der 83-jährige Scheich Jussuf al-Karadawi forderte die Muslime auf, in in ihren Ländern Weihnachtsfeiern zu verbieten. Auch solle der Verkauf von Weihnachtsbäumen in islamischen Ländern untersagt werden, sagte er in einer Ansprache, die vom Sender Memri-TV ausgestrahlt wurde.

Muslime könnten in den christlichen Ländern in der Öffentlichkeit auch keine muslimischen Feiertage feiern. «Sie hindern uns daran, Minarette zu bauen», sagte der Scheich laut englischer Übersetzung seiner Rede, ohne die Schweiz namentlich zu erwähnen. «Und sie sind dabei, den Bau von Moscheen zu verbieten».

In Frankreich hätten sich 41 Prozent von Befragten in diesem Sinne geäussert, und 47 Prozent seien zugleich auch gegen den Bau von Minaretten. al-Karadawi (Qaradawi) kann laut Wikipedia als eine der obersten zeitgenössischen Autoritäten im sunnitischen Islam betrachtet werden. (vin/sda)

Erstellt: 23.12.2009, 20:06 Uhr

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