«Den Auslöser zum Krieg habe ich gedrückt»

Igor Girkin, russischer Geheimdienst-Oberst und vorübergehend «Verteidigungsminister» der ukrainischen Separatisten, brüstet sich mit seiner Rolle in der Krise. Moskau habe mit seiner Hilfe den Krieg geschürt.

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Sollte der Krieg in der Ukraine eines Tages juristisch aufgearbeitet werden, dürfte dieses Dokument zu den Akten gehören. In einem langen Interview mit der in Moskau erscheinenden nationalistischen Zeitung «Sawtra» (Morgen) berichtet der russische Geheimdienst-Oberst Igor Girkin ausführlich darüber, wie er seit Februar erst die Besetzung der Krim mitorganisiert und nach deren Anschluss an die Russische Föderation einen Krieg im Donbass vom Zaun gebrochen hat.

Im April hatte Girkin, der unter dem Kampfnamen «Strelkow» (Schütze) auftritt, mit einer kleinen Einheit die Orte Slawjansk und Kramatorsk besetzt, bevor sie im Juli Donezk zum Zentrum ihres Kampfes für die Loslösung der Ostukraine von Kiew machten. Girkin war es auch, der sich am Tag, als Flug MH 17 über der Ostukraine abstürzte, mit dem Abschuss eines Flugzeugs brüstete. Kurz darauf war die Meldung aus dem Netz verschwunden.

Im Interview erklärt Girkin freimütig, dass der Krieg keineswegs direkt aus dem Aufstand russischsprachiger Donbass-Bewohner hervorgegangen, sondern aus Russland geschürt worden sei: «Den Auslöser zum Krieg habe ich gedrückt. Wenn unsere Einheit nicht über die Grenze gekommen wäre, wäre alles so ausgegangen wie in Charkiw und in Odessa.»

In Charkiw wurden von Aufständischen besetzte öffentliche Gebäude schnell wieder geräumt. In Odessa kam es am 2. Mai zu gewaltsamen Zusammenstössen zwischen prorussischen und proukrainischen Menschen, in deren Folge mehr als 40 Personen bei einem Brand im Gewerkschaftshaus der Stadt umkamen.

«Wir haben alle Karten gemischt. Alle!»

«Es hätte ein paar Dutzend Tote, Verbrannte und Verhaftete gegeben, und damit wäre alles vorbei gewesen», urteilt Girkin. «Den Anstoss für den Krieg, der bis heute in Gang ist, hat unsere Einheit gegeben. Wir haben alle Karten gemischt, die auf dem Tisch lagen. Alle!». Nach UN-Schätzungen sind in dem Krieg mittlerweile mehr als 4000 Menschen getötet worden.

Die Regierung in Kiew und die Europäische Union rechnen den 44-jährigen Girkin dem russischen Militärgeheimdienst GRU zu. Er selbst bestreitet das und hat erklärt, dass er bis März 2013 in Diensten des Geheimdienstes FSB gestanden habe. Der KGB-Nachfolger ist sowohl für die Staatssicherheit zuständig als auch für Terrorbekämpfung und Grenzschutz. Er unterhält auch militärische Einheiten.

In die Ukraine hat Girkin Erfahrung aus vier Kriegen mitgebracht. Nach eigenem Bekunden war er an der Abspaltung der Region Transnistrien von der Republik Moldau unter russischer Patronage beteiligt, hat auf Seiten der Serben in Bosnien und in zwei Tschetschenien-Kriegen gekämpft. Sein Hobby ist das Nachstellen historischer Schlachten.

Die Moskauer Tageszeitung Nesawissimaja Gaseta dokumentierte im Juni 2013 eine Konferenz von Militärexperten, auf der Girkin Empfehlungen für Militäraktionen «jenseits der Grenzen des eigenen Territoriums» gab. Nicht grosse Schlachten, sondern Spezialoperationen «auch ausserhalb legaler Methoden» führten zum Erfolg, sagte Girkin dort.

In rechten Kreisen ein Held

In rechten Kreisen ist der drahtige Mann mit dem Schnauzer ein Held. Ein politisches Amt, zu dem ihn der rechts-imperialistische Schriftsteller Alexander Prochanow, der das Interview führte, geradezu drängen wollte, lehnt er indes ab. «Geregelte Arbeit habe ich nie gemocht. Ich bin Agent.»

Schon der Posten des «Verteidigungsministers» der von den Separatisten ausgerufenen «Volksrepublik Donezk» habe ihm nicht gelegen. Er sei kein Soldat im klassischen Sinne. «Ich bin Geheimdienstler.» Im August hatte Girkin seinen Donezker Posten unter ungeklärten Umständen aufgegeben und war nach Moskau zurückgekehrt.

Am Freitag wurde ausserdem öffentlich, dass Russland die von niemandem anerkannten Volksrepubliken im Südosten der Ukraine finanziell unterstützt. «Uns hilft die russische Föderation», sagte der Verwaltungschef des Gebietes um Donezk, Igor Martinow, der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung». Man bekomme «nicht nur ein bisschen Geld, sondern viel».

Russland bezahle etwa die städtischen Dienste, den Nahverkehr, die Schulen und die Sozialleistungen, sagte Martinow. Kiew hatte nach den nicht anerkannten Wahlen in den Separatistengebieten Anfang November alle Zahlungen in die von den Separatisten kontrollierten Gebiete eingestellt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.11.2014, 11:44 Uhr

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