Der Aufstand der Wutbürger im Bezirk Favoriten
Von Bernhard Odehnal, Wien. Aktualisiert am 23.10.2010 4 Kommentare
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Es war ein besonders düsteres Bild von Wien, das die bürgerliche Tageszeitung «Die Presse» ein paar Tage nach den Kommunalwahlen von Anfang Oktober malte. Ein Gastkommentator beschrieb seine Lebenswelt in Favoriten, dem grössten Wiener Bezirk, folgendermassen: Türkische Grossfamilien lärmten bis drei Uhr früh, in den Schulen gebärdeten sich die Jungen als Machos, Lehrer seien Pöbeleien ausgesetzt. Türkische Schulabbrecher machten die Parks unsicher, jagten ältere österreichische Frauen weg. Kurz: «Die Begegnung mit Türken und Migranten aus Ex-Jugoslawien bringt in der Regel eine Einschränkung der Lebensqualität.»
Bei den Kommunalwahlen hat die SPÖ in Wien die absolute Mehrheit verloren und die rechtspopulistische FPÖ von Heinz-Christian Strache mit einem ausländer- und islamfeindlichen Wahlkampf 26 Prozent der Stimmen geholt. Im Arbeiterbezirk Favoriten kamen die Freiheitlichen auf 35 Prozent. Er selbst würde nie FPÖ wählen, sagt der Verfasser des «Presse»-Kommentars, Ulrich Brunner: Er habe nur die Debatte anstossen wollen, wie Thilo Sarrazin in Deutschland. Die Reaktionen der Leser waren zahlreich und zustimmend: Endlich wage es jemand, die Dinge beim Namen zu nennen, hiess es da. Der Zorn über die Verhältnisse gehe bis hinein in die Mittelschicht, sagt Brunner. Es ist vor allem ein Zorn der alten Männer: In keiner Altersschicht verlor die SPÖ so dramatisch wie bei den 65- bis 75-jährigen Männern. Brunner ist 72, ein pensionierter Journalist, der erst bei der sozialistischen «Arbeiter-Zeitung» und dann beim Fernsehen arbeitete. In Favoriten wohnt er seit 30 Jahren in einem Haus, das einst als das modernste der Stadt galt, mit Terrassen und Pool auf dem Dach. Das Quartier darunter ist dicht verbaut. Es gibt einen türkischen Supermarkt und türkische Bäckereien, viele Frauen tragen knöchellange Mäntel und Kopftuch. Das alles erinnert an das Berliner Quartier Kreuzberg, aber Ghettos sehen anders aus.
Die SPÖ hat hier ihre Wurzeln
Dass an den Gegensprechanlagen kaum deutsche Familiennamen zu finden sind, liegt nicht nur am Zuzug der vergangenen Jahre. Tschechen, Slowaken, Polen aus entlegenen Dörfern der Habsburger-Monarchie zogen schon im 19. Jahrhundert in Massen an den südlichen Rand der Hauptstadt, weil sie Arbeit in den riesigen Ziegelwerken fanden. Sie waren Analphabeten, lebten in Elendsquartieren und waren ständig dem Hass der Wiener und brutalen antislawischen Kampagnen des Bürgermeisters ausgesetzt. So wie heute die Türken galten damals die Tschechen als ungebildet, nicht integrierbar, aber fundamentalistisch und deshalb sehr gefährlich.
Über die Verhältnisse in den Ziegelwerken war ein junger Arzt namens Victor Adler so entsetzt, dass er die sozialdemokratische Arbeiterpartei gründete. Im «roten Wien» ermöglichte dann die SPÖ den Enkeln und Urenkeln der «Ziegelbähm» den sozialen Aufstieg. Sie bekamen Jobs in städtischen Betrieben und Wohnungen im Gemeindebau. Das rote Parteibuch war die Fahrkarte von der Unter- in die Mittelschicht.
In den Sechzigerjahren wurden in Favoriten Plattenbausiedlungen auf der grünen Wiese errichtet. Junge Familien zogen ein und brachten soziale Konflikte mit: Jugendliche waren laut, spielten Fussball, wo sie nicht durften, überliessen im Tram älteren Menschen nicht den Platz, bildeten Banden und terrorisierten das Quartier. Wer heute behauptet, dass er in Favoriten früher viel besser und sicherer gelebt habe, verdrängt die Vergangenheit. Damals wurden allerdings generell «die Jugendlichen» als Gefahr und Problem empfunden, heute sind es «die jungen Türken».
Favoriten wächst
Dazu kommt nach relativ ruhigen Jahrzehnten eine neue Gründerzeit: Favoriten wächst, obwohl der Bezirk mit 170'000 Einwohnern ohnehin grösser als die meisten österreichischen Städte ist. Serbische oder türkische Gastarbeiter holen ihre Familien nach, Menschen aus den neuen EU-Ländern ziehen nach Wien. «Es sind einfach mehr Menschen als früher hier», sagt Elke Eckersdorfer von der «Gebietsbetreuung Favoriten», «gleichzeitig gibt es aber massive Defizite bei Infrastruktur und bei den Grünflächen.» Die Veränderung verunsichert vor allem ältere Menschen. Der nächtliche Lärm in den Strassen stört, die Kopftücher der Mädchen fallen auf. Die SPÖ mit ihrer absoluten Mehrheit in Stadt und Bezirk reagierte viel zu spät auf die Ängste und den Zorn der Wiener. In den vergangenen Jahren wurden zwar unzählige Ordnungs- und Sozialdienste gegründet: In der U-Bahn patrouillieren Uniformierte der Verkehrsbetriebe, auf den Strassen kämpfen «Wastewatchers» gegen den Müll, in den Parks suchen Teams von «Fair Play» den Dialog mit den Jugendlichen, in den kommunalen Wohnhausanlagen versuchen mobile Eingreiftrupps der «Wohnpartner», Konflikte zwischen Mietern zu schlichten. Das ändert aber nichts daran, dass die FPÖ auch in den Gemeindebauten zwischen 35 und 45 Prozent erreichte.
Die Ratlosigkeit der Roten ist gross. «Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass wir einen gewissen Prozentsatz der Leute nicht mehr erreichen», sagt der frühere SPÖ-Kommunalpolitiker und heutige EU-Abgeordnete Hannes Swoboda: «Die sind mittlerweile Wutbürger und haben sich, angestachelt von der FPÖ, so hineingesteigert, dass wir nichts mehr ändern können.»
Die Lehrer sind überfordert
Das grösste Problem kann auf städtischer Ebene kaum gelöst werden. Dass Integration nur über den Weg der Bildung funktioniert, wird von niemandem bestritten. Doch das österreichische Schulsystem sieht die Selektion nach der vierten Klasse Volksschule vor, und wer es in Wien nicht ins Gymnasium schafft, hat in der Hauptschule triste Zukunftsaussichten. Dort entstehen tatsächlich Ghettos: In vielen Klassen liegt der Anteil der Migranten bei 80 bis 90 Prozent, die Sprachkenntnisse sind schlecht.
Fachleute sind sich einig, dass eine gemeinsame Schule aller 10- bis 14-Jährigen mehr soziale Durchmischung und bessere Aufstiegschancen für alle bringen würde. Doch dagegen wehren sich die konservative Lehrergewerkschaft und die Regierungspartei ÖVP. In Wiens Hauptschulen sind viele Lehrer überfordert, frustriert, fühlen sich von den Schülern bedroht. Im Lehrerzimmer einer Favoritner Schule hängt ein Spottgedicht über die Türken und ihre archaischen Sitten. Hier gebe es viele Kollegen, die FPÖ gewählt hätten, sagt ein Lehrer, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will, «sie sagen, dass sie sich fremd im eigenen Land fühlen». (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 23.10.2010, 17:07 Uhr
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4 Kommentare
Zum Glueck bin ich nicht Lehrer! Keine Unterstuetztung der Eltern, keine Unterstuetztung vom Staat! Bis zu 80-90% Migranten in einer Klasse, aber nur einen Lehrer! Das kann ja nicht funktionieren wenn die Migranten die Sprache nicht beherrschen und die Eltern die harte Drecksarbeit machen muessen. Intelligent ware die Klassen zu verkleinern. Ein Lehrer plus ein Assistent mit maximum 10 Kindern! Antworten
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