Der Demonstrant, der Touristenattraktion geworden ist
Von Peter Nonnenmacher, London. Aktualisiert am 20.08.2009 4 Kommentare
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Politiker beider grosser Parteien haben versucht, ihn loszuwerden. Die Polizei ist ihm zahllose Male auf den Pelz gerückt. Aber Brian Haw ist noch immer da. Mit seinen bunten Fahnen und Plakaten hält Grossbritanniens bekanntester Demonstrant eisern die Stellung auf Parliament Square, gegenüber den Toren des Palastes von Westminster – und konfrontiert Regierungs- wie Oppositionsabgeordnete täglich mit dem Vorwurf, sie seien «Lügner» und «Kriegsverbrecher», die man zur Rechenschaft ziehen müsse.
3000 Tage sind es, genau genommen, dass Haw an dieser Stelle seine 1-Mann-Demo abhält. Seit über acht Jahren sitzt der zum Friedensmissionar gewordene frühere Schreiner hier auf dem Rasen, inmitten des furiosen Verkehrs der Londoner Innenstadt, und klagt mit seiner unerbittlichen Präsenz und seinen scharfen Parolen die politische Elite an. Begonnen hatte Haw seine Aktion im Juni 2001, damals noch aus Protest gegen Sanktionen, die über den Irak verhängt waren. Danach empörte er sich über den alliierten «Überfall» auf Afghanistan und über Londons Rolle bei der Invasion des Irak.
Dorn im Auge der Parlamentarier
Gegen Heuchelei, gegen Lüge und Folter, gegen «Völkermord» und «Kinderschlächterei» zieht Haw zu Felde. Längst ist sein Soloprotest vor den Toren der «Mutter der Parlamente» zu einem mächtigen Dorn im Auge der Parlamentarier geworden. Vor ein paar Jahren suchte sich die Regierung seiner per Gesetzesänderung zu entledigen, indem sie dem jahrhundertealten Recht zu freier Rede auch vor dem Parlament mit einer 1-Kilometer-Sperrzone für unangemeldete Demos ein Ende bereitete. Ein Gericht aber erlaubte Brian Haw, seinen Protest fortzusetzen – solange er nur seine Anti-Kriegs-Installation auf ein vernünftiges Mass begrenzte.
Die Installation selbst, die zeitweise 600 Poster, Banner, Möbelstücke, Postkarten, Aufrufe, Fotokopien und blutverschmierte Puppen ohne Gliedmassen umfasste, wurde immerhin nach ihrem Abbau noch in der Tate Gallery mit einer Nachbildung geehrt: Mark Wallinger erhielt für sein Brian-Haw-Meisterstück den Turner-Preis. 2007 verlieh der Fernsehsender Channel Four dem unbeugsamen Demonstranten den Titel «politische Figur des Jahres». Im vergangenen Jahr gab es sogar ein Musical über Haw im Londoner West End. So prominent ist Brian Haw in seinen 3000 Protesttagen geworden, dass Touristen heute zu seinem rissigen Zelt pilgern, um sich mit ihm abbilden zu lassen.
Seine sieben Kinder
Er selbst – braun gebrannt, aber auch ausgemergelt und zunehmend wackelig auf den Beinen – hofft, mit dieser Berühmtheit zumindest seiner Mission Nachdruck zu verleihen: «Was ich hier vorführe, ist, dass ein Einzelner sehr wohl einen Unterschied machen kann.» Er wolle jedenfalls seinen Kindern in die Augen sehen können im Bewusstsein, dass er «alles Erdenkliche» getan habe, um Kinder überall da zu retten, «wo Menschen sterben wegen der ungerechten, unmoralischen, von Angst und Geld getriebenen Politik meiner Regierung».
Seine eigenen sieben Kinder hat Brian Haw schon lange nicht mehr gesehen. Seine Frau Kay hat sich in der Anfangsphase seiner Aktion von ihm getrennt – die Kundgebung in Westminster ist alles, was für ihn noch zählt. Bewundert und verhasst in gleichem Masse, lebt Haw im Herzen Londons ein einsames Leben.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 20.08.2009, 06:34 Uhr
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