Der Journalist, der Sarkozy Angst macht

Von Olivia Kühni. Aktualisiert am 03.08.2010 12 Kommentare

Zuerst die Affäre Bettencourt, jetzt die Brutalität der Polizei: Die französische Website «Mediapart» attackiert die Regierung Sarkozy. Gegründet hat sie ein Mann, der seine Freiheit wiederhaben wollte.

Eine investigative Website, völlig frei von Werbung: Mediapart.fr. Rechts oben können Leser den Zugang zum exklusiven Teil abonnieren.

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«Auf den Journalismus wirken in diesen Zeiten Interessen, die dort nichts zu suchen haben»: Edwy Plenel, Gründer von «Mediapart».

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«Diese Geschichte», sagte François Bonnet, «geht den Lesern unter die Haut.» Die Geschichte, das ist die Spendenaffäre um Liliane Bettencourt, Erbin des urfranzösischen L'Oréal-Imperiums, die der Präsidentenpartei Bargeld zugesteckt haben soll – in Briefcouverts. Und François Bonnet ist einer der Journalisten, welche die mutmassliche Korruption aufgedeckt haben – einer der Co-Chefredakteure von Mediapart.fr. Sie hatten erst mitgeschnittene Gespräche aus dem Hause Bettencourt ins Netz gestellt, anschliessend die Zeugenaussagen einer früheren Buchhalterin.

Die Website bereitet dem französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy und seiner Partei UMP einen unruhigen Sommer. Nicht nur die Spendenaffäre brachte sie ans Licht. Sie wirft ausserdem Sarkozy in zahlreichen Artikeln und Kommentaren eine rassistische Sicherheitspolitik vor, mangelnde Distanz zu Justiz und Medien, Machthunger. Am Montag veröffentlichte «Mediapart» ein Video, das nach ihren Angaben das harte Vorgehen der Polizei gegen demonstrierende Einwanderer nördlich von Paris dokumentierte. Der Film schaffte es innert weniger Stunden auf sämtliche grösseren Nachrichtenseiten Europas.

«Die Methoden des Faschismus»

Entsprechend nervös reagiert die UMP. Diese Art des Journalismus erinnere ihn an «die Methoden des Faschismus», kritisierte der Vorsitzende Xavier Bertrand Anfang Juli im öffentlichen Radiosender. Premierminister François Fillon nannte die «Mediapart»-Journalisten «selbst ernannte Richter», die sich auf Hörensagen beriefen. Noch weiter ging die Konkurrenz: «Reine Gerüchte» nannte «Le Figaro»-Chefredakteur Etienne Mougeotte die Bettencourt-Affäre.

Die Aufregung der Konservativen ist berechtigt. Denn die 2008 gegründete Website ist nicht nur beliebt – sie steigerte die Anzahl ihrer Abonnenten in diesem Sommer um ein Fünftel auf 30'000 –, sie ist auch lebendes Symbol für die zunehmende Unfreiheit der etablierten französischen Presse.

Denn bei «Mediapart» arbeiten keine zwielichtigen Hacker oder Populisten, sondern 25 langjährige, erfahrene, überzeugte Vollblutjournalisten, die allesamt genug hatten von den Verstrickungen der traditionellen Medien mit den Mächtigen im Lande. Angeführt werden sie von Edwy Plenel, dem früheren Chefredakteur der renommierten «Le Monde». Auf die Frage, warum er die Online-Redaktion gegründet habe, antwortete Plenel: «Ich habe mir meine Freiheit zurückgeholt. (...) Denn auf den Journalismus wirken in diesen Zeiten Interessen, die dort nichts zu suchen haben.»

Abhängigkeit von den Eliten

Tatsächlich leiden die französischen Medien seit Jahren an zunehmender Abhängigkeit von der Elite. Politiker und Industrielle, zum grösseren Teil aus dem Umfeld der Konservativen, kontrollieren die Konzerne. «Le Figaro» gehört dem Sarkozy-Vertrauten Serge Dassault, die wichtigsten Fernsehstationen und Radiosender rapportieren direkt an die Regierung. Mehrere Male sind in den vergangenen Jahren Journalisten entlassen worden, die kritisch über Sarkozy oder seine Frau Carla Bruni-Sarkozy berichtet haben.

Die wichtigste Wirtschaftszeitung «Business Daily» wiederum ist zwar unabhängig von Sarkozy, dafür Teil von LVMH Moët Hennessy Louis Vuitton, dem weltweit grössten Luxusgüterkonzern. Und selbst die renommierte «Le Monde» musste dieses Jahr Anteile an eine Investorengruppe verkaufen, um überleben zu können. «Die französischen Medien dürfen keine journalistischen Risiken mehr auf sich nehmen», zieht Co-Chefredakteur Bonnet Fazit. Das bedeute für die Branche eine tiefe Krise.

Das neue, frische Projekt von Plenel lockte denn auch profilierte Journalisten aus den verschiedensten Redaktionen an: Als «Mediapart» vor zwei Jahren startete, sassen in seinen Räumen bekannte Schreiber von «Libération», «Le Monde», «La Tribune» oder «Le Parisien». Sie alle hoffen, dass Plenels Vision gelingt: eine investigative Website, völlig frei von Werbung, ausschliesslich finanziert von ihren Lesern, die monatlich 9 Euro bezahlen. Das Revolutionsblatt ist auf gutem Weg – noch 15'000 Abonnenten braucht «Mediapart» nach eigenen Angaben bis 2012, um Gewinne zu schreiben. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 03.08.2010, 13:22 Uhr

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12 Kommentare

Hans J. Obermeier

03.08.2010, 14:16 Uhr
Melden 1 Empfehlung

Die ersten Kommentare sind so voraussehbar wie entlarvend: Der Artikel handelt von der Pressesituation in Frankreich, nur Ganz am Rand wird ein Video mit Polizisten und Ausländern erwähnt. Aber wie beim sprichwörtlichen Pawlowschen Hund genügen die blossen Worte "Einwanderer" und "Polizie", um den Leserbriefreflex auszulösen. Bravo SVP, die Konditionierung ist geglückt! Antworten


Alexander Dominguez

03.08.2010, 13:37 Uhr
Melden

Es ist schon unglaublich, wie die Medien versuchen, die öffentliche Meinung zu manipulieren. Statt dass man illegale Einwanderer und illegale Strassenblockaden kritisiert, werden dann diejenigen aufs Korn genommen, welche die Drecksarbeit machen müssen. Wie denn genau hätte die Polizei ohne Gewalt die Strasse räumen sollen ? Diese Rabenmütter müsste man bestrafen, und nicht die Polizisten ! Antworten



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