Ausland
Der Londoner Klüngel
Von Peter Nonnenmacher, London. Aktualisiert am 19.07.2011 1 Kommentar
Live: Murdoch muss aussagen
Gemeinsam mit weiteren Schlüsselfiguren des britischen Abhörskandals wird Medienmogul Rupert Murdoch heute vor britischen Parlamentariern aussagen. Die Abgeordneten wollen von dem 80-Jährigen wissen, was er von den illegalen Abhörpraktiken gewusst hat. Tagesanzeiger.ch/Newsnet berichtet mit einem Live-Ticker ab 15.30 Uhr.
Ebenfalls vorgeladen sind Murdochs Sohn James und die frühere Verlagsmanagerin Rebekah Brooks. Sie war am Sonntag vorübergehend festgenommen worden. In einer weiteren Anhörung müssen die zurückgetretenen Scotland-Yard-Chefs Paul Stephenson und John Yates Rede und Antwort stehen. Sie sehen sich Korruptionsvorwürfen ausgesetzt.
News Corp. stellt sich hinter Murdoch
Der Aufsichtsrat des Medienunternehmens News Corp. hat sich hinter den unter Druck geratenen Vorstandsvorsitzenden Rupert Murdoch gestellt. Aufsichtsratsmitglied Thomas Perkins wies am Montag Berichte über eine Nachfolgeregelung für den Unternehmensgründer zurück. Murdoch habe die volle Unterstützung des Aufsichtsrats und es gebe keine Pläne, ihn wegen des Abhörskandals in Grossbritannien zu ersetzen, sagte Perkins in einem Interview der Nachrichtenagentur AP. (dapd)
Lulz Security hackt «The Sun»
Die Hackergruppe Lulz Security hat gestern die Internetseite der britischen Boulevardzeitung «The Sun» geknackt und in einer Falschmeldung den angeblichen Tod von Medienmogul Rupert Murdoch vermeldet. Die Zeitung löschte den Eintrag, wonach der 80-Jährige tot in seinem Garten aufgefunden wurde, kurz nach der Veröffentlichung am Montagabend. Die «Sun» gehört wie das inzwischen eingestellte Skandalblatt «News of the World» zum britischen Murdoch-Ableger News International.(sda)
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Die Rücktritte der beiden wichtigsten Polizeichefs im Vereinigten Königreich, Sir Paul Stephenson und John Yates, haben Premier David Cameron in weitere Schwierigkeiten gebracht. Ihm wurde gestern vorgehalten, seine eigene enge Beziehung zu Murdoch-Leuten lasse «viele Fragen offen». Insbesondere seine Beziehung zu Andy Coulson, dem ehemaligen Chefredaktor des eingestellten Sonntagsblattes «News of the World», drohe den Regierungschef zu «kompromittieren», sagte Stephenson anlässlich seines Rücktritts.
Cameron hatte Coulson als seinen Pressesprecher eingestellt, obwohl er wusste, dass dieser wegen illegaler Lauschaktionen in der «News of the World»-Redaktion 2007 hatte zurücktreten müssen. Auch hatte Cameron enge persönliche Beziehungen zu Coulsons Vorgängerin bei derselben Zeitung, Rebekah Brooks, unterhalten. Sowohl Coulson wie Brooks sind inzwischen festgenommen worden und stehen unter anderem unter Korruptionsverdacht.
Oppositionsführer und Labour-Chef Ed Miliband warf Cameron vor, wegen der Beschäftigung seines «Freundes» Coulson «handlungsunfähig» geworden zu sein. Stephenson, der Polizeipräsident, habe mit seinem Rücktritt wenigstens Verantwortungsbewusstsein gezeigt, sagte Miliband: «Der Premier hat sich noch nicht einmal dafür entschuldigt, dass er Coulson angeheuert hat.»
Beratungsmandat bei der Polizei
Die Londoner Polizei steht mittlerweile generell im Verdacht, Bestechungsgelder entgegengenommen, ihre Beziehungen zum Hause Murdoch kaschiert und Ermittlungen nicht korrekt geführt zu haben. Der abgetretene Stephenson muss sich dazu heute vor dem innenpolitischen Ausschuss des Unterhauses rechtfertigen. Zurückgetreten ist auch Vize-Polizeipräsident John Yates. Er wird dafür verantwortlich gemacht, dass gegen Murdoch nie richtig ermittelt wurde.
Viele Londoner sprachen gestern von einem «unglaublichen Klüngel» aus Murdoch-Leuten, Politikern und Polizisten. Erst nach und nach wird das enge Geflecht sichtbar, das Murdoch und seinen Konzern mit den Spitzen der britischen Politik und der Metropolitan Police verband.
Während die Polizei sich zum Beispiel von einem Ex-Murdoch-Manager offiziell beraten liess, warb umgekehrt Murdoch einen Ex-Polizeichef als festen Kolumnisten an. Die Fäden waren eng geknüpft und straff gezogen – was den Verdacht der letzten Tage in der Bevölkerung verstärkte, die Polizei habe Ermittlungen gegen Murdochs Imperium bewusst niedergeschlagen.
Bereits die Labour-Premiers Tony Blair und Gordon Brown bemühten sich um das Wohlwollen des Medienzaren.
Als besonders intensiv haben sich auch die Beziehungen zwischen dem Haus Murdoch und der Regierungsspitze erwiesen. Bereits die Labour-Premiers Tony Blair und Gordon Brown bemühten sich um das Wohlwollen des Medienzaren. Cameron aber ist geradezu Teil des Murdoch-Sets. Coulson war lange Jahre sein Pressesprecher. Brooks war eine der engsten Bekannten der Camerons. Man feierte Weihnachten zusammen und ritt zusammen aus. Die Murdochs pflegten zu Festlichkeiten dazuzustossen. Seit Cameron im Mai 2010 als Premier in die Downing Street einzog, hat er sich laut Londoner «Independent» 26-mal persönlich mit den Murdochs oder mit Murdoch-Managern getroffen. Rebekah Brooks wurde sogar auf den regierungsamtlichen Landsitz Chequers eingeladen – wohin es sonst nicht mal ranghohe Minister schaffen.
In ebendieser Zeit wurde das Paket geschnürt, das den Murdochs die fehlenden 61 Prozent am Satellitensender BskyB verschaffen sollte. Für diese Entscheidung war Camerons Regierung – als «neutrale Entscheidungsstelle» – zuständig. Inzwischen, da niemand mehr an solche Neutralität glaubt, muss Murdoch befürchten, sogar seine ursprünglichen 39 Prozent zu verlieren.
Labour Party kritisiert David Cameron scharf
Wenigstens, meinten Kommentatoren gestern, hätten Londons Polizeipräsident und sein Vize nun die Konsequenzen aus den gegen sie erhobenen Vorwürfen gezogen. Dagegen suche der Premier auf die an ihn gerichteten Fragen immer wieder auszuweichen. Scharf wurde Cameron am Montag von der Labour Party dafür kritisiert, dass er sich zu einer Handelsreise nach Afrika «abgesetzt» habe, statt sich zu Hause an der Aufklärung der Murdoch-Affäre zu beteiligen.
Cameron wehrte sich gegen den Vorwurf. Die Handelsbeziehungen zu Afrika seien von grösster Wichtigkeit, sagte er. Allerdings verkürzte er die Reise von fünf Tagen auf zwei. Er stimmte auch dem Verlangen der Opposition zu, für Mittwoch dieser Woche noch eine Extra-Debatte zur Murdoch-Affäre anzusetzen.
Eigentlich hätten die Abgeordneten am Dienstagabend in die Sommerferien fahren sollen. Nun müssen sie einen Tag länger auf ihren Unterhaus-Bänken sitzen bleiben. Auch der Premier will bis morgen Mittwoch aus Afrika zurück sein und an der Debatte teilnehmen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 19.07.2011, 06:27 Uhr
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