Der Mann der Träume

Des Nachts sehen die Russen Fische, Bären, Zähne und Wladimir Putin. Das macht sie glücklich.

Der russische Bär, ein Traum von einem Mann. Foto: Frederik von Erichsen (Keystone)

Der russische Bär, ein Traum von einem Mann. Foto: Frederik von Erichsen (Keystone)

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Russland träumt davon, wieder eine Grossmacht zu sein? Die Politik in den USA zu steuern? In die Sowjetunion zurückzukehren? Der wirtschaftlichen Misere und der Korruption zu entrinnen? Weit gefehlt. Gemäss einer Untersuchung des russischen Internetgiganten Jandex, der viertgrössten Suchmaschine der Welt, geht es den Russen nachts um ganz anderes. Von Kindern träumen sie, von Schlangen. Und ganz besonders oft von Fischen – von lebenden, grossen, gesalzenen, gebratenen, toten, roten, frischen, gefrorenen oder getrockneten. Über den genauen Typ des Fischs gibt es in den rund 12 Millionen russischen Anfragen zur Traumdeutung, die Jandex innerhalb eines halben Jahres untersucht hat, keine eindeutigen Angaben. Führend sind Hecht, Wels und Hering.

Die meistgeträumte Farbe ist 100 Jahre nach der russischen Revolution nicht etwa Rot, sondern Weiss, zum Beispiel in Form von Betttüchern. Die erträumte Tierauswahl ist beträchtlich, sie umfasst neben dem Fisch vor allem Bären, Tiger, in Sibirien auch rote Drachen (zusammen mit Erdbeeren), während in anderen russischen Regionen Kakerlaken die Menschen beunruhigen. Die annektierte Krim träumt vom Meer, von Delfinen und Wellen. Die Moskauer sehen nächtens die Metro vor sich – mit über 200 zum Teil palastartig ausgebauten Stationen der ganze Stolz der Hauptstädter.

Fische, Schlangen, Zähne

Nicht nur in den Regionen träumt es sich unterschiedlich, auch Frau und Mann gehen nachts getrennte Wege. Russische Frauen sehen Kinder, Schwangerschaft, Fische und Männern; die Männer ihrerseits beschäftigen sich mit Schlangen, Fischen, Frauen und Zähnen. Die einzige öffentliche Person, die in den russischen Träumen vorkommt, ist Präsident Wladimir Putin. Dabei sind es vor allem die Tschetschenen, denen er im Traum erscheint – oder im Albtraum? Schliesslich hat Moskau zwei blutige Kriege gegen die Kaukasusrepublik geführt, in der die Menschen heute sonst vom Heiraten und von Telefonen träumen. Das Auftauchen Putins in der nationalen Traumwelt sei ein Zeichen dafür, woher die Leute sich Hilfe und Unterstützung erhoffen, kommentiert eine Expertin im russischen Fernsehen.

Man lässt es sich gut gehen

Sanktionen, Krise, Autoritarismus – das alles raubt den Russen laut Jandex nicht den Schlaf. Das meistgeträumte Verb ist zwar sterben, wird aber gleich gefolgt vom Wort leben. Ganz offensichtlich lässt man es sich auch in einem autoritären und verarmten Land, im Westen für manche der Inbegriff des Albtraums, ganz gut gehen. Das belegt auch der Weltglücksbericht, der diese Woche herausgekommen ist. Die Schweiz liegt auf Position vier, abgerutscht vom ersten Platz im Jahr 2015. Damit kann es Russland natürlich noch lange nicht aufnehmen, doch es findet sich auf Platz 49 der Liste – gleich hinter Italien und zum Beispiel noch vor Japan –, und es wird jedes Jahr glücklicher.

Das gilt für weite Teile der ehemaligen Sowjetunion. Noch glücklicher als die Russen sind die Usbeken, mit deren Land man meistens Begriffe wie Diktatur, Kinderarbeit und Folter in Verbindung bringt. Kein Glück haben dagegen die Länder, die sich mit einer bunten Revolution eine bessere Welt schaffen wollten: Georgien und vor allem die Ukraine rangieren gegen Ende der Liste, noch hinter dem Irak oder dem Sudan. Georgier und Ukrainer sind damit nur ein Bruchteil so glücklich wie die Russen, die so gerne von Fischen träumen. Deren nächtliches Erscheinen soll übrigens je nach Verarbeitungszustand überaus grosszügige Geschenke oder ein romantisches Liebesabenteuer ankündigen.

Russische Psychologen warnen natürlich vor irgendwelchen Schlüssen aus der Datenflut. Traumdeutung sei ein unsicheres Geschäft, mit Wissenschaft habe so was auf jeden Fall rein gar nichts zu tun. Dennoch sollte man sich vor allem im sonst so rationalen Westen diese unwissenschaftlichen russischen Träume einmal durch den Kopf gehen lassen. Sanktionen, Drohungen, Warnungen vor der Diktatur sind ganz offensichtlich nicht dazu angetan, das russische Volk für sich zu gewinnen. Stattdessen bringen sie die Russen dazu, immer glücklicher zu werden – mit Wladimir Putin, ihrem Mann der Träume.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.03.2017, 23:24 Uhr

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