Der Quertreiber

Der ehemalige deutsche Arbeitsminister Norbert Blüm campierte aus Solidarität in einem griechischen Flüchtlingscamp. Was er dabei erlebte.

Hat die Nacht im Zelt verbracht: Der ehemalige Arbeitsminister Norbert Blüm (CDU) besucht am Sonntag in Idomeni ein Flüchtlingslager an der Grenze zwischen Griechenland und Mazedonien. (13.03.2016)

Hat die Nacht im Zelt verbracht: Der ehemalige Arbeitsminister Norbert Blüm (CDU) besucht am Sonntag in Idomeni ein Flüchtlingslager an der Grenze zwischen Griechenland und Mazedonien. (13.03.2016) Bild: Kay Nietfeld/Keystone

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Er fällt auf im Flüchtlingslager Idomeni, der Achtzigjährige korpulente weisse Herr mit Brille und schwarzem Anorak. Der ehemalige deutsche Arbeitsminister Norbert Blüm campierte in der Nacht auf Sonntag eine Nacht bei sechs Grad und Regen im Zelt - umringt von Journalisten mit Kameras. Am Samstag stellte er sich dem Medieninteresse und verkündete seine Beweggründe für den Ausflug nach Idomeni: Um gegen die europäische Flüchtlingspolitik zu protestieren. Sie sei ein «Anschlag auf die Menschlichkeit». Die Grenzen dicht zu machen sei eine neue Form von Brutalität, «unwürdig der europäischen Kultur», eine Kulturschande. Danach stieg er in sein kleines blaues Zelt und schloss den Reissverschluss.

Norbert Blüm war noch nie ein Mann der leisen Töne. Sechzehn Jahre amtierte der Vater dreier Kinder als Arbeitsminister in der Regierung Helmut Kohl und galt in dieser Zeit als soziales Gewissen der Partei, ein populärer und schlagfertiger Querdenker. Wobei er sich selber nicht so sah, da es «vom Querdenker ist es nur ein kleiner Schritt zum Quertreiber» sei. Und das sei er nicht. Als Bundesminister für Arbeit und Sozialordnung warb er 1986 mit einer Kampagne um Vertrauen in die Rentenversicherung und wurde in den folgenden Jahren nicht müde, den Deutschen persönlich zu versichern, dass das Rentensystem funktioniere. «Die Rente ist sicher!» wurde Jahrzehnte später zum geflügelten Wort. Besonders als sich abzeichnete, dass dieser Optimismus verfrüht gewesen sein könnte. 1998 trat er aus der Regierung zurück. Dann kam der Richtungswechsel unter Angela Merkel und Blüm geriet in der Partei ins Abseits.

Legendär wurde sein Auftritt beim Parteitag 2003. Nachdem er angekündigt hatte, die Harmonie der Parteikollegen leider stören zu müssen, wetterte er mit hochrotem Kopf und sich ans Stehpult klammernd gegen «plattgewalzte Gerechtigkeit» und «auf den Kopf gestellte Solidarität». Er enervierte sich dabei so sehr, dass er beinahe abbrechen musste. Doch anders als früher, kam seine Rede nicht sehr gut an, Merkel demütigte ihn in der Folge öffentlich.

Er kann auch ein Querschläger sein

Mit Merkel und ihrer Politik wurde Blüm nie warm. Bevor der gelernte Werkzeugmacher in die Politik einstieg, hatte er als Bauarbeiter, Lkw-Fahrer, Kellner und Kunstschmied gearbeitet. Und nachdem er jahrzehntelang die Sozialpolitik der CDU geprägt hatte, sorgte sich darum, dass seine Partei den Kontakt zu den sozial schwächeren Bevölkerungsschichten verliere. Und ihr soziales Gewissen. Und auch die Rente, so klagte der Schutzheilige der älteren Generation in jüngerer Vergangenheit, werde von seinen Nachfolgern mit immer neuen Vorschlägen «kaputtgeredet».

Nicht dass Blüm deswegen klein beigegeben hätte. Nach seiner Pensionierung frönte er zwar auch seinem Bühnentalent, tingelte mit skurrilen Bühnenshows über Theaterbühnen oder setzte sich für die Quizshow «Wer bin ich?» ins Rateteam. Der stark von der christlichen Soziallehre geprägte Blüm nutzte seine Popularität aber immer auch, um Kritik zu üben: An der kalten Bankenwelt, den Abzockern oder der sich auflösenden Solidarität und stets tat er dies eloquent und medienwirksam. Ein Querdenker ist er geblieben. Und wenn es sein muss, kann er auch ein Querschläger sein. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 13.03.2016, 17:32 Uhr)

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