Der Tiger als Vegetarier

Nicolas Sarkozy inszeniert sich bei seinem Comeback als Versöhner der Franzosen. Er wirkt unglaubwürdig.

Sein erster TV-Auftritt nach der Comeback-Ankündigung: Der frühere französische Präsident Nicolas Sarkozy im französischen Fernsehen.

Sein erster TV-Auftritt nach der Comeback-Ankündigung: Der frühere französische Präsident Nicolas Sarkozy im französischen Fernsehen. Bild: AFP

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Da ist er wieder: Nicolas Sarkozy, 59 Jahre alt, braun gebrannt, fit von Fahrten auf seinem Rennvelo, erholt von zweieinhalb Jahren abseits der Politik, wohl einiges reicher nach einer Serie fett entlöhnter Conférences vor Bankern und Investoren in aller Welt. Er gibt sich jetzt ganz anders, ganz neu. Er trage keine Bitterkeit und keine Revanchegedanken in sich, sagt Frankreichs ehemaliger Präsident, nur diesen Drang, die Franzosen in diesen schwierigen Zeiten zu versammeln und zu versöhnen mit sich, mit ihrem Land und natürlich auch mit ihm – mit einer neuen, sanfteren Version von «Sarko». Er habe dazugelernt in seiner politischen Auszeit, an Höhe gewonnen, Fehler erkannt.

Seinen Vertrauten soll er gesagt haben: «Das hier ist ein neuer Film.» Und die Franzosen fragen: Ändert sich ein Mensch in diesem Alter? Kann aus einem Tiger je ein Vegetarier werden? Wie glaubhaft ist die neue Rolle? Es gibt schon Umfragen zu diesen Fragen. Eine grosse Mehrheit glaubt nicht an Sarkozys Läuterung.

Da ist er also wieder. Der kühle Empfang im Volk muss ihn noch nicht kümmern, das ist erst der Anfang. An der Basis seiner Partei, im Lager seiner verwaisten Wähler, ist man froh, dass der Chef wieder da ist. In der französischen Rechten lieben sie diese starken, machohaften Figuren mit unbedingtem Führungsanspruch. Mag sich die übrige Welt auch wundern darüber, dass Sarkozy sein politisches Comeback unbescheiden als seine Pflicht am Vaterland, an der Republik beschreibt und in eine pathetische Liebesbekundung packt, als gäbe es keine Alternative zu ihm: Frankreichs 5. Republik ist als republikanische Monarchie angelegt. Könige i. R. haben selbst dann noch eine Aura, wenn sie in ihrer Thronzeit kläglich geherrscht haben und dann geschasst wurden. Sie werden nach ihrer Abdankung gar wieder richtig populär. Wie Valéry Giscard d’Estaing, wie Jacques Chirac. Wie eben auch Sarko I. Die Frage ist nur: Wie wahrscheinlich ist ein Sarko II., dannzumal, nach der Präsidentschaftswahl 2017?

Das Versagen der Erben

Sarkozy hat sich in seiner Karriere oft neu erfunden. Er ist ein Meister darin, ein Meister der Pose, ein politisches Grosstalent. Niemand zweifelt an seiner rhetorischen Stärke, an dieser überbordenden Energie, die den ganzen Medienbetrieb in ihren Bann reisst. Seine Rückkehr – da machen sich auch seine Gegner nichts vor – verändert die Gesamtdynamik der französischen Politik auf einen Schlag. Wenn ihn keine seiner vielen Justizaffären bremst (siehe Zweittext), dann hat Sarkozy in diesen Zeiten der grossen Orientierungslosigkeit intakte Chancen auf eine zweite Amtszeit.

Seine Partei, die rechtsbürgerliche Union pour un Mouvement Populaire, wird er im Sturm nehmen. Er wird ihr einen neuen Namen geben, sie um einen Teil des Zentrums erweitern wollen und sich dabei von den Sympathisanten tragen lassen. In den nächsten Tagen beginnt schon seine Werbereise durchs Land. Überall werden Bühnen hergerichtet. Nichts liegt ihm mehr. Seine parteiinternen Rivalen werden dieser Welle wohl ohnmächtig zusehen und sich wegspülen lassen. Sie hätten zweieinhalb Jahre Zeit gehabt, Sarkozys Regierungsbilanz zu zerpflücken und das Kapitel endgültig zu schliessen. Stattdessen lieferten sie sich betrübliche Bruderkämpfe. Sarkozy beerbt sich selbst. Es ist, als wäre er nie weg gewesen.

Der Ring für eine Revanche

Frankreich bekommt nun endlich eine ernsthafte Opposition – und Präsident François Hollande einen Sparringpartner. Das wird beiden gefallen. Aus der Entourage des Ex hört man, entgegen aller Beteuerungen dürste es Sarkozy nach einem männlichem Re-Match gegen Hollande. Der unpopuläre Amtsinhaber hofft wohl, dass er an seiner Nemesis genesen kann, ein bisschen wenigstens, dass bei Sarkozy bald die alten Ticks wieder durchscheinen. Er nennt ihn schon den «Präsidenten von gestern». Spannend wird auch sein, wie sich Sarkozy zu Marine Le Pen positioniert, der grossen Nutzniesserin der politischen Krise. Zum Ende seiner ersten Amtszeit hatte er die Thesen des Front National bedient. Er hatte Minderheiten im Land stigmatisiert, um rechtsextreme Wähler für sich zu gewinnen. Ideologisch skrupellos, mit der Rechenmaschine in der Hand. Es war ein mieser Film. Und ein Flop.

Ändert sich ein Mensch? Den Tiger haben die Franzosen 2012 abgewählt. Richtig davongejagt haben sie Sarkozy nach fünf Jahren des Polarisierens und Annoncierens grosser Taten, die dann allesamt ausblieben. Keine einzige nennenswerte Reform hatte er zustande gebracht, obschon er ein Mandat besass, um das Land zu verwandeln, dessen lähmende Routinen zu brechen, wie er das mit der «rupture» versprochen hatte – dem Bruch, der Erneuerung. Der Trailer zum Sarko I., aufgeführt 2007, war sein bester Film gewesen, mit grossem Abstand. Er lockte auch Wähler anderer Parteien an. Viel Hoffnung war da drin, viel Drive für die Zukunft. Es war aber eben nur ein Trailer.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 21.09.2014, 21:42 Uhr)

Sarkozys Justizaffären

Der Leumund von Nicolas Sarkozy ist angekratzt. Er hat mehrere Verfahren am Hals. Ein Dutzend Justizverfahren drückt auf Sarkozys Comeback. Manche davon könnten seine Chancen auf eine Rückkehr an die Macht nachhaltig kompromittieren. Vier sind besonders heikel:

Aktive Richterkorruption: In einem Ermittlungsverfahren wird Sarkozy vorgeworfen, er habe einem hohen Magistraten des Kassationsgerichts fürs Altenteil einen Posten in Monaco versprochen, wenn der ihm dafür relevantes Insiderwissen über seine Wirren mit der Justiz aus dem Tribunal beschaffe. Für die angeblichen Bestechungsmanöver, so fanden die Ermittler heraus, haben Sarkozy und dessen Anwalt Thierry Herzog zwei Handys unter falschem Namen gebraucht. Sarkozys Nummer lautete auf den Namen «Paul Bismuth», einen Gymnasiumskameraden Herzogs, der davon nichts wusste. Die Polizei hörte mit. Auf aktiver Korruption stehen im Höchstfall zehn Jahre Haft.

Libysche Connection: Seit eineinhalb Jahren geht die Justiz der Frage nach, ob Muamar al-Ghadhafi, Libyens Langzeitherrscher, Sarkozys Präsidentschaftskampagne 2007 tatsächlich mit mehreren Dutzend Millionen Euro finanziert hat. Brisant ist das Dossier, weil Sarkozy Ghadhafi in einer politischen PR-Aktion ins Elysée geladen und so international salonfähig gemacht hatte. 2011 war Sarkozy dann die treibende Kraft hinter der Militärintervention in Libyen, bei der Ghadhafi getötet wurde.

Fiktive Auftritte: Im jüngsten Fall untersucht die Justiz die Kommunikationsfirma Bygmalion, die für die befreundete rechtsbürgerliche Partei UMP arbeitete und die Grosskundgebungen Sarkozys während dessen Wahlkampfs 2012 organisierte. Die Bühnen waren immer gigantisch, Sarkozy wurde wie ein Rockstar inszeniert. Die Kosten durchbrachen den gesetzlich festgelegten Plafond um 17 Millionen Euro. Erlaubt gewesen wären 21 Millionen. Noch ist unklar, ob Sarkozy davon wusste. Sein damaliger Vize-Wahlkampfleiter Jérôme Lavrilleux muss nun als Sündenbock herhalten.

Parteiische Schiedsrichter: Im Tapie-Gate, benannt nach dem Geschäftsmann Bernard Tapie, geht es um die Frage, warum die französische Regierung 2008 ein privates Schiedsgericht damit beauftragte, den Streitfall zwischen dem Unternehmer und der früher staatlichen Bank Crédit Lyonnais zu lösen. Die beiden Parteien hatten sich über die Modalitäten des Verkaufs der Sportartikelfirma Adidas gezankt. Das private Gericht sprach Tapie 403 Millionen Euro zu. Erstaunlicherweise verzichtete der Staat auf einen Rekurs und bezahlte mit Steuergeldern. Die Ermittler hegen den Verdacht, dass zwei der drei Schiedsrichter parteiisch waren. Involviert ist Christine Lagarde, die heutige Chefin des Internationalen Währungsfonds. Sie war damals Sarkozys Wirtschaftsministerin und veranlasste den Gang vor das private Schiedsgericht. Die Frage aber ist, ob Sarkozy, wie angenommen wird, ihr den Auftrag dazu gegeben hatte. Vor dem günstigen Schiedsurteil soll Tapie seinen Freund Sarkozy in kurzer Zeit mehrmals im Elysée besucht haben. (om)

Stichworte

Artikel zum Thema

Sarkozy kehrt zurück

Den früheren französischen Präsidenten zieht es wieder in die Politik. Er kandidiert für den Vorsitz der konservativen Partei. Mehr...

Eine denkwürdig niedere Charge

«Nur das nicht», sagte Nicolas Sarkozy noch vor Kurzem seiner Entourage. Nun wählt er für die Rückkehr ins Elysée doch den Umweg über die Partei. Mehr...

Sarkozy im Visier neuer Ermittlungen

Der Druck auf den ehemaligen französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy erhöht sich: Seine Partei soll unerlaubterweise Strafzahlungen für ihn übernommen haben. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Digital Abos

Tages-Anzeiger unbeschränkt lesen:
Im 1. Monat nur CHF 1.-

Werbung

Kommentare

Blogs

Geldblog Träume aus Silber
Welttheater Von Welt- und Weibergeschichten

Service

Für Selbstständige und KMU

Tragen Sie Ihre Firma im neuen Marktplatz des Tages-Anzeigers ein.

Die Welt in Bildern

Jetzt wird wieder in die Hände gespuckt: Angela Merkel, Barack Obama, Shinzo Abe und weitere Politiker greifen beim Ise-Jingu Schrein in Japan zur Schaufel und pflanzen Bäumchen (26. Mai 2016).
(Bild: Carolyn Kaster) Mehr...