Der grösste Schaden, den Wikileaks angerichtet hat
Von Christof Münger. Aktualisiert am 30.11.2010 12 Kommentare
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«Europa ist ein Misthaufen, und der General ist der Hahn, der obendrauf steht und kräht», telegrafierte Sir Piersy von Paris Anfang 1963 nach London. Pierson Dixon, wie er mit vollem Namen hiess, war britischer Botschafter in Frankreich und «not amused», weil der französische Präsident und einstige General Charles de Gaulle eben sein Veto eingelegt hatte gegen das britische Beitrittsgesuch für die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG), einer Vorgängerin der EU.
Der vertrauliche Unmut
Das Telegramm, in dem der Botschafter seinen Unmut über de Gaulle äusserte, war als «vertraulich» klassifiziert und gelangte deshalb nur auf die Schreibtische des Premiers und hoher Beamter im Aussenministerium. Für Sir Piersy wie für die gesamte britische Regierung wäre es fatal gewesen, wenn alle Welt im Internet den kritischen Bericht hätte lesen können; ohne Zweifel hätte sich die damalige diplomatische Krise zwischen Paris und London weiter verschärft.
Auch Philip Murphy, der aktuelle USBotschafter in Berlin, war davon ausgegangen, dass seine Einschätzungen zur deutschen Bundeskanzlerin und ihrem Aussenminister nicht an die Öffentlichkeit gelangen und bis etwa 2040 im Archiv lagern würden. Nun aber haben die Internetplattform Wikileaks und fünf weltweit renommierte Printmedien die klassifizierten Dokumente zahlreicher amerikanischer Botschafter am Sonntagabend veröffentlicht.
Kreativität und Ideenlosigkeit
Ähnlich wie Sir Piersy hatte sich auch Murphy in seinen Telegrammen nicht zurückgehalten. Im Gegenteil: Er schrieb, Angela Merkel sei «selten kreativ» und Guido Westerwelle «habe sehr wenig eigene Ideen». Diese klaren Worte überraschen zunächst, denn Diplomaten wirken stets höflich und freundlich, zuweilen gar wie ein Grüssaugust, wenn sie auf Neujahrsempfängen, im Konzert oder im Theater auftauchen. Doch das ist nur die gesellschaftliche Seite ihres Jobs. In erster Linie vertreten die Botschafter ihren Staat, und ihr Staat hat Interessen, nicht Freunde. Das gilt nicht nur für die USA, sondern auch für die Schweiz und alle anderen Länder (wann veröffentlicht Wikileaks eigentlich Dokumente aus Russland und China?).
Entsprechend sind die Botschafter angehalten, schonungslos über ihre Gastgeber zu berichten. Es sei seine «wichtigste Aufgabe», Berichte zu schreiben, sagt Philip Murphy in der aktuellen Ausgabe des «Spiegels». Dabei ist eine politische Korrektheit, welche die Tatsachen verschleiert, ein schlechter Leitfaden. Auch im Umgang mit Alliierten. Deshalb hatte damals Sir Piersy den Präsidenten Frankreichs mit einem Gockel verglichen. Er wollte damit seinen Vorgesetzten in London unmissverständlich signalisieren, mit welch starkem Gegenspieler sie es zu tun haben, wenn sie die britische Europapolitik neu formulieren wollten.
Berichte ergeben Gesamtbild
Weil Sir Piersy seinen Bericht so undiplomatisch formuliert hatte, blieb dieser Jahrzehnte unter Verschluss. Sein Telegramm wurde erst vor gut zehn Jahren freigegeben und kann heute im britischen Bundesarchiv, dem Public Records Office, in Kew gelesen werden. Generell konnten Historiker in westeuropäischen und US-Archiven Einschätzungen des damaligen Feindes, also der Sowjetunion, oft früher auswerten als kritische Telegramme aus den Hauptstädten befreundeter Länder. Denn der befürchtete diplomatische Flurschaden war und ist weit grösser im Umgang mit Alliierten.
Inzwischen sind Einschätzungen zu Verbündeten gar noch wichtiger geworden, weil die grossen Probleme und Krisen nicht mehr von einzelnen Nationalstaaten angegangen werden können. Heute sind internationale Lösungen gefragt – sei es im Konflikt auf der koreanischen Halbinsel oder beim Klimawandel. Deshalb ist US-Präsident Barack Obama darauf angewiesen, dass die Botschafter Klartext schreiben. Das können sie aber nur, wenn sie wissen, dass nur der Adressat ihre Telegramme liest. Deshalb sind aussenpolitische Dokumente in demokratischen Ländern heute noch mit einer 30- bis 50-jährigen Sperrfrist belegt.
Dieser Schutz ermöglicht erst eine vertrauliche Diskussion innerhalb einer Regierung und die Formulierung einer politischen Position. Dabei kommen viele zu Wort: Wenn US-Botschafter Murphy kritisch über Merkel berichtet, heisst das nicht, dass Obama sie ebenso beurteilt. Murphys Einschätzung ist nur eine von Dutzenden, die der Europaverantwortliche im Aussenministerium zu einem Gesamtbild zusammenfügt, das er allenfalls eines Tages dem Präsidenten vorlegt, wenn Merkel zu Besuch kommt. Doch die Vertraulichkeit ist nun dahin. Die Gefahr besteht, dass die persönliche Einschätzung eines einzelnen Botschafters für die Richtlinie der US-Aussenpolitik gehalten wird. Das ist der grösste Schaden, den Wikileaks angerichtet hat. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 30.11.2010, 10:40 Uhr
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12 Kommentare
Was mich nervt, ist die permanente Angeberei der US Amerikaner. Sie haben die besten Diplomaten, das beste Rechtssystem, die beste Armee etc. etc. Und wenn man an der Oberfläche kratzt, wird einem vom Fäulnisgeruch schlecht. Etwas mehr Bescheidenheit und Selbstkritik würde dem Ansehen der USA gut tun und ihre Glaubwürdigkeit erhöhen. Vielleicht leistet Wikileaks dazu einen Beitrag. Antworten
Vielleicht werden jetzt die Politiker etwas ehrlicher? Ich persoenlich glaube nicht dass diese Enthuellungen die internationalen Verhaeltnisse mehrheitlich negativ beeinflussen werden. Haette es Wikileaks schon 2003 gegeben haette vielleicht der Irak krieg verhindert werden koennen: "Nein, sie haben keine Massenvernichtungswaffen. Aber der Typ ist ein A.... und will uns das Oel nicht geben" Antworten
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