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Der permanente Knüller im Netz

Von Oliver Meiler, Marseille. Aktualisiert am 08.07.2010 4 Kommentare

Die linke französische Internetzeitung «Mediapart» gibt den Takt an in der Staatsaffäre um die Milliarden der Familie Bettencourt.

Gründer und Kopf von «Mediapart»: Edwy Plenel.

Gründer und Kopf von «Mediapart»: Edwy Plenel.
Bild: Keystone

Wenn eine Website unter den Massenklicks kollabiert, ist das nicht nur ein Ärgernis: Für die Macher von «Mediapart» ist es ein Gütesiegel. Am Dienstagmorgen war es wieder so weit. Da publizierte die Pariser Internetzeitung, die es erst seit zwei Jahren gibt, ein exklusives Interview mit Claire T., der früheren Buchhalterin der Milliardenerben von L’Oréal. Sie konnte den grossen Andrang nur schlecht verdauen. Um 7 Uhr früh hatten alle Nachrichtenagenturen, Radio- und Fernsehsender die Schlagzeilen von «Mediapart» bereits verbreitet.

Im Zeichen der News aus dem Netz

Und die waren so brisant, dass Staatspräsident Nicolas Sarkozy früher als sonst geweckt wurde, damit er von der Unbill, die da aus dem Netz herüberschwappte, möglichst rasch erfuhr. Die Buchhalterin erzählte «Mediapart» nämlich, wie ihre reichen früheren Arbeitgeber Sarkozys Wahlkampagne 2007 finanziert hatten – illegal und generös (TA vom Mittwoch). Es war der Auftakt eines sehr turbulenten Tages, ganz im Zeichen der News aus dem Netz.

Seit drei Wochen geht das nun schon so. «Mediapart» wartet fast täglich mit immer neuem Stoff aus dem Feuilleton rund um die Familie Bettencourt auf. Den Auftakt machte die Publikation von Tonbändern mit Gesprächen, die der Butler der Dynastie ohne deren Wissen gemacht hatte. Sie zeugten nicht nur von dubiosen Praktiken beim Verstecken undeklarierter Vermögen. Vielmehr rückten sie auch den früheren Budgetminister Éric Woerth, einen von Sarkozys wichtigsten Mitarbeitern, und dessen Frau Florence in ein fahles Licht. Aus dem Erbstreit bei den Bettencourts wurde so eine Staatsaffäre.

Forsche Rechercheure

Natürlich fragen sich nun alle, die betroffenen Politiker und die konventionellen Zeitungen, wie es die nur 25-köpfige Equipe von «Mediapart» schafft, mit immer neuen Scoops die Affäre weiterzudrehen. Doch das bleibt wohl ihr Geheimnis. Die Zeitung ist zwar jung, das Team aber ist erfahren, forsch, unabhängig: Es hält die Mehrheit des Kapitals. Fast alle Redaktoren arbeiteten davor lange für die grossen nationalen Tageszeitungen, meist als Rechercheure, so auch der bekannte und streitbare Gründer und Kopf von «Mediapart»: Edwy Plenel (57), Chefredaktor von «Le Monde» von 1996 bis 2004. Der ehemalige Trotzkist hat sich während seiner Karriere mit seinen Aufdeckungen viele Feinde geschaffen, auch im linken Lager, dem er nahe steht. Plenel war es gewesen, der die meisten Skandale in der Ära unter dem sozialistischen Präsidenten François Mitterrand aufgedeckt hatte.

«Mediapart» ist ein generalistisches Medium, berichtet also breit über nationale und internationale Politik, über Wirtschaft und Gesellschaft, bringt kurze Blogs und lange Reportagen, schaltet sich in alle wichtigen Debatten ein. Und es führt parallel eine Plattform für die schreibenden Leser. Im Gegensatz zu seinen Online-Rivalen, etwa «Rue 89», ist Plenels Zeitung kostenpflichtig. Qualität koste nun mal, sagt er. 9 Euro im Monat, 90 Euro im Jahr. In den letzten Tagen ist die Anzahl der Abonnenten auf 30 000 gestiegen. Dank der vielen Enthüllungen. 45 000 braucht «Mediapart», um 2012 rentabel zu sein.

Attacken auf «Mediapart»

Die laufende Affäre hat den Titel wohl endgültig etabliert. Die gedruckten Zeitungen und das Fernsehen sind gezwungen, «Mediapart» zu folgen und zu zitieren. Und die Politiker aus dem rechten Regierungslager greifen die Internetzeitung mit viel Verve an.

Einer klagte, «Mediapart» wende «faschistische Methoden» an, ein anderer prangerte «diese Gerüchtemaschine im Cyberspace» an. Eine Ministerin fand, die Journalisten müssten zu «moralischen Arbeitsstandards» zurückfinden. Gut möglich, dass sie bei «Mediapart» auch die Vehemenz der Attacken als ein Gütesiegel werten. Denn es sind pauschale Attacken, ohne Bezug auf die publizierten Inhalte. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.07.2010, 07:17 Uhr

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4 Kommentare

Alex Hanselmann

08.07.2010, 08:41 Uhr
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Schliesse mich Herrn Bleuler an. Dabei ist die Qualität einer Zeitung keine Frage der Einnahmen. Umso mehr Werbung ein Blatt hat, umso seichter erscheint mir dann oft auch der Journalismus dahinter. Das es auch anders geht, zeigt auch eine zweite französische Zeitung: Le Canard Enchainé kennt keine Werbung, aber gut recherchierte Artikel und er schreibt Gewinn. Antworten


alfred bleuler

08.07.2010, 08:09 Uhr
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BRAVO ------- wann gibt es auch bei uns endlich ein solches medium. ---- linke, grüne, ultralinke, alternative u.s.w hört endlich auf euch gegenseitig zu konkurenzieren, schafft ein solches > kritisches und unabhängiges < medium Antworten



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