Deutschlands Krise der Männlichkeit: Jeder fünfte Junge ausländerfeindlich

Von Sascha Buchbinder, Berlin. Aktualisiert am 18.03.2009 9 Kommentare

Fremdenhass, Judenfeindlichkeit und rechtsextreme Bands: Deutsche Schüler driften laut einer Umfrage nach rechts. Innenminister Schäuble sorgt sich.

Fast jeder dritte Jugendliche meint, dass in Deutschland zu viele Ausländer lebten. 4,9 Prozent der Jungs und 2,9 Prozent der Mädchen geben an, dass sie in einer rechtsextremen Gruppe oder in einer «Kameradschaft» aktiv sind, wobei man sich eine «Kameradschaft» nicht als «Pfadi», sondern als gewalttätige Neonazi-Organisation vorstellen muss. Die Befunde der gross angelegten Studie «Jugendliche in Deutschland als Opfer und Täter von Gewalt» des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen sind alarmierend.

Rätseln über die Ursachen

Mit 4,9 Prozent erreichen die Rechtsextremen mehr Jugendliche als sämtliche politischen Parteien, bei denen lediglich 2 Prozent der Jungen Mitglieder sind. «Dass die Zahlen hoch sind, war mir bekannt. Aber dass sie so hoch sind, das hat mich erschreckt», lautet der Kommentar von Innenminister Wolfgang Schäuble (CDU). Seine Behörde hat die Studie finanziert, bei der 45 000 Schüler im Alter von 15 Jahren befragt wurden.

Nun verspricht Schäuble, dass die deutsche Politik den Fokus auf das neu aufgetauchte Problem richten werde. Neben ihm sitzt der Kriminologe Christian Pfeiffer, der die Studie in Berlin vorstellt und nun seine Zahlen gegen Einwände verteidigt: Nein, es gebe keinen Zweifel, dass die Jugendlichen sich zutreffend eingeordnet hätten. Die fremdenfeindlichen Aussagen und die Zustimmung zu antisemitischen Aussagen zeigten klar, dass die Rechtsextremen bei den deutschen Jugendlichen Gehör fänden, sagt Pfeiffer.

Noch rätseln die Wissenschafter, was die Ursachen sein könnten. Aber die Tatsache, dass die Quoten regional (zwischen 0 Prozent und 17,4 Prozent) schwanken, lässt Pfeiffer hoffen, rasch eine Erklärung zu finden. Untersucht werden soll zunächst, ob sich ein Zusammenhang zwischen den Auftritten rechtsextremer Bands - die in den letzten Jahren einen regelrechten Boom erleben - und dem Erfolg der Kameradschaften nachweisen lässt.

Eine Erkenntnis hat der Kriminologe schon jetzt: Die Zunahme rechter Gewalt im Lande sieht er im Zusammenhang mit «einer Krise der Männlichkeit». Während die Mädchen gegen das Problem geradezu geimpft seien, erschrecken vor allem die Probleme der Jungs den Wissenschafter. Hinzu kommen Befunde, wonach in Deutschland zwei Drittel der Schulabbrecher sowie 90 Prozent der Computersüchtigen männlich sind. «Wir müssen den Nachmittag der Jungs retten», lautet Pfeiffers erstes Fazit.

Wolfgang Schäuble schliesst sich dem an, indem er erklärt, die Aussage, dass in manchen Regionen Deutschlands die Rechtsextremen einfach das attraktivste Freizeitangebot hätten, dürfe die Gesellschaft nicht hinnehmen. Sein Ministerium in Berlin arbeite seit 2007 an diesem Problem, aber das Projekt komme nur mühsam voran, erklärte er.

Ausländer- und Jugendgewalt sinkt

Das klingt alles beunruhigend. Dabei hatten Schäuble und Pfeiffer mit ihrer Studie eigentlich gute Nachrichten verbreiten wollen: Die Integration der Ausländer komme voran und zeige Wirkung, das Interesse an Bildung steige. Weder Ausländer- noch Jugendgewalt sind laut der Studie generell gestiegen. Im Gegenteil: Die Quote der Gewalttaten, bei denen das Opfer einen Arzt brauchte, sinkt seit Jahren. 1997 wurden 15,6 von 1000 Schülern verletzt; 2007 waren es noch 10,8 gewesen. Bei den Knochenbrüchen ist der Rückgang noch deutlicher: von 1,6 auf 0,9 Promille. Deshalb lautet das Fazit des Innenministers: «Es lohnt sich, etwas zu machen.» Den alarmierenden Zahlen zum Trotz. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.03.2009, 07:12 Uhr

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9 Kommentare

Volker Straube

18.03.2009, 08:32 Uhr
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Ein einziger Satz des Artikels macht die Ursachen eigentlich schon deutlich: "Nun verspricht Schäuble, dass die deutsche Politik den Fokus auf das neu aufgetauchte Problem richten werde." Dieses Problem ist nicht plötzlich neu aufgetaucht, sondern immer verdrängt worden in der Selbstgefälligkeit unserer Politiker. Politkverdrossenheit in der Gesellschaft ist ein ernstes Thema.Mehr Bürgerdemoktie. Antworten


Thomas Schneider

18.03.2009, 07:17 Uhr
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eine gesunde Mischung aus Lern- und Freizeitangeboten an Ganztagsschulen sind seit 20 Jahren die Lösung für den Verlust von sozialer Kompetstenz, Computer- und Fernsehsucht etc. Seit Jahrzehnten Sonntagsreden der Politik, die Bürger wählen die, die nicht handeln, immer wieder, so dass sich auch ändern wird. Bei den dramatischen sozialen Abstiegen der Familien wird alles tendenziell schlimmer. Antworten



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