Ausland

Die Antworten, auf die Italien gewartet hat

Von Vincenzo Capodici. Aktualisiert am 05.11.2009

Vor Monaten hat die Zeitung «La Repubblica» Silvio Berlusconi zehn Fragen zu seinen Frauengeschichten gestellt. Antworten blieb er bis jetzt schuldig. Nun hat die Zeitung einen Trick angewandt.

Angeblich keine Beziehung: Noemi Letizia mit einem Foto mit Widmung von Silvio Berlusconi.

Angeblich keine Beziehung: Noemi Letizia mit einem Foto mit Widmung von Silvio Berlusconi.
Bild: Keystone

Bruno Vespa, einer der Stars des italienischen Polit-Journalismus am TV, hat ein Buch veröffentlicht. Es ist ein weiteres Werk in einer langen Reihe, aber dieses ist besonders brisant. Denn Silvio Berlusconi kommt darin zu Wort. Der Regierungschef nimmt erstmals Stellung zu den zehn Fragen, die die Zeitung «La Repubblica» seit bald einem halben Jahr täglich veröffentlicht. Die Fragen drehen sich um die Frauengeschichten Berlusconis. Im Gespräch mit dem Regierungschef thematisierte der Journalist Vespa auch die Fragen der «Repubblica». Die italienische Zeitung hat das Gespräch zwischen Vespa und Berlusconi ausgewertet. Das Resultat sind die Antworten auf die zehn Fragen. Hier folgt eine Zusammenfassung der Antworten, die die «Repubblica» rekonstruiert hat:

Wann haben Sie Noemi Letizia kennengelernt? Wie oft haben Sie sie getroffen? Haben Sie Kontakt mit anderen Minderjährigen?
«Das sind alles Verleumdungen. Ich hatte nie irgend eine Beziehung mit Fräulein Noemi», sagt Berlusconi. Tatsache ist, dass Berlusconi beim 18. Geburtstag von Noemi Letizia anwesend war. Kurze Zeit später gab Berlusconis Ehefrau Veronica Lario bekannt, dass sie sich scheiden lassen möchte.

Was ist der Grund, weshalb Sie vier verschiedene Versionen über Ihre Bekanntschaft mit Noemi Letizia geäussert haben?
Zu diesem Thema gibt es laut «Repubblica» keine Antwort Berlusconis, sofern Vespa diese Frage überhaupt gestellt hat.

Finden Sie es nicht schlimm, dass Sie jungen Frauen, die Sie «Papi» nennen, politische Ämter versprechen?
«Positionen mit Verantwortung habe ich nur Frauen angeboten, die über ein hohes moralisches, intellektuelles, kulturelles und berufliches Niveau verfügen», antwortet Berlusconi.

In der Nacht vom 4. November 2008 haben Sie sich in Ihrer Villa Grazioli in Rom mit einer Prostituierten unterhalten. Gemäss einer Strafuntersuchung, die auch Ihre Residenzen betrifft, bewegten sich Dutzende Prostituierte in Ihrem persönlichen Umfeld. Wussten Sie das?
«Es gab einmal ein Abendessen mit vielen Personen, organisiert von Mitgliedern der Klubs ‹Forza Silvio› und ‹Zum Glück gibt es Silvio›. Im letzten Moment kam auch Tarantini mit zwei Frauen», sagte Berlusconi. Giampaolo Tarantini ist ein Unternehmer aus Bari, der für den Ministerpräsidenten Frauen organisiert haben soll. Wegen eines illegalen Callgirl-Rings und Drogenhandels sitzt Tarantini in Untersuchungshaft. Berlusconi nahm keine Stellung zu den Berichten von Patrizia d'Addario. Das Callgirl aus Bari gab öffentlich bekannt, dass sie am 4. November 2008 in der Villa Grazioli in Rom eine Liebesnacht mit Berlusconi verbracht habe.

Ist es vorgekommen, dass Sie Staatsflugzeuge für private Zwecke gebraucht haben, etwa um ihre Partygäste zu transportieren?
Berlusconi weist den Vorwurf entschieden zurück. «Die Staatsanwaltschaft hat eine entsprechende Untersuchung eingestellt», erklärt Berlusconi. «Zudem besitze ich fünf private Flugzeuge, die ich jederzeit benutzen kann.»

Können Sie sicher sein, dass ihre privaten Bekanntschaften die Interessen des Staats nicht tangieren? Können Sie dem Land versichern, dass es keine Frau gibt, die Sie erpressen könnte?
«Ich habe mich nie von irgend jemanden erpressen lassen. Das gilt auch heute und in Zukunft», erklärt Berlusconi. «Ich habe mich auch nie so verhalten, dass ich erpresst werden könnte. Wenn ich das Gefühl hatte, dass mich jemand erpressen will, habe ich dies den Justizbehörden gemeldet.» Dies geschah im Fall des sardischen Fotografen Antonello Zappadu, der tausende Fotos im privaten Umfeld Berlusconis gemacht haben soll. Die Bilder von halbnackten Frauen in der Villa Certosa auf Sardinien gingen um die Welt.

Würden Sie ein Gesetz, das Kunden von Prostituierten bestrafen will, unterzeichnen? Könnten Sie mit gutem Gewissen an einem öffentlichen Family Day auftreten?
Zu diesem Thema gibt es keine Antwort des Ministerpräsidenten.

Haben Sie das Gefühl, dass Sie noch als Kandidat für das Amt des italienischen Staatspräsidenten in Frage kommen?
Berlusconi bestreitet Ambitionen, Staatspräsident zu werden. Bei früheren Gelegenheiten hatte er noch Interesse am Amt gezeigt.

Sie haben von einer Umsturzversuch gesprochen, der Sie angeblich bedroht. Können Sie garantieren, dass Sie als Gegenmassnahme Geheimdienst oder Polizei gegen Zeugen, Staatsanwälte und Journalisten eingesetzt haben?
Er habe nie daran gedacht, Geheimdienst oder Polizei einzusetzen. «Die heftigen Attacken gegen mich, die jeder Grundlage entbehren, geschehen in aller Öffentlichkeit.» Dies genüge zu seinem Schutz, gibt Berlusconi zu verstehen.

Nach dem, was in den letzten Monaten alles passiert, ist: Wie steht es um Ihre Gesundheit?
«Mein gesundheitlicher Zustand hat es mir erlaubt, in den letzten 16 Monaten sehr viel zu leisten», sagt Berlusconi. Und er liefert eine Auflistung: 170 internationale Treffen, 25 multilaterale Gipfel, 9 bilaterale Gipfel, 80 Medienkonferenzen, 66 Regierungssitzungen, 99 Reden und Diskussionsteilnahmen in der Öffentlichkeit. Am Schluss wird Berlusconi ironisch: «Was hätte ich geleistet, wenn ich nicht krank gewesen wäre?» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 05.11.2009, 17:36 Uhr

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