Die Aussagen der Partygirls bereiten Berlusconi schlaflose Nächte
Von Kordula Doerfler, Rom. Aktualisiert am 25.06.2009 47 Kommentare
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Der Ratschlag kam von einem, der die Mechanismen der Macht besser kennt als viele andere. Francesco Cossiga, 80 Jahre alt und heute Senator auf Lebenszeit, empfahl dem acht Jahre jüngeren Silvio Berlusconi, zurückzutreten und damit Neuwahlen herbeizuführen. Mit einem solchen «Befreiungsschlag», so glaubt der frühere Christdemokrat und Staatspräsident, könne der angeschlagene Regierungschef seine Macht sichern, denn bei Neuwahlen werde er erneut haushoch siegen, trotz der täglich neuen Enthüllungen über seine privaten Ausschweifungen.
Die nehmen unterdessen ein Ausmass an, das in einer europäischen Demokratie seinesgleichen sucht. Obwohl der Verdruss über «La casta» in den vergangenen Jahren immer grösser wurde, macht jetzt das Wort von der Staatskrise die Runde. Die linke Opposition fordert Berlusconis Rücktritt, weil er wegen immer neuer Skandalfotos und den Mitschnitten von belastenden Verhören und Telefongesprächen erpressbar und damit zum Sicherheitsrisiko geworden sei.
Berlusconi gibt sich als Macher
Berlusconi selbst dementiert zwar, über einen Rücktritt auch nur nachzudenken und fühlt sich gestärkt durch das gute Abschneiden seiner Partei bei den jüngsten Kommunalwahlen. Er will sich jetzt erneut als Macher präsentieren und hat eine Kabinettssitzung angekündigt, in der er das Programm seiner Regierung für das kommende Jahr vorstellen will. Doch die Frage, wie schwer das Amt bereits beschädigt ist und wie lange sich Berlusconi noch halten kann, treibt mittlerweile auch seine Anhänger um. «Panik» herrsche bei nächtlichen Sitzungen, berichtet ein Mitglied von Berlusconis Volk der Freiheit (PdL), das seinen Namen nicht in der Zeitung sehen will. Sehr laut sorgt sich auch Parlamentspräsident Gianfranco Fini, einer von Berlusconis schärfsten Kritikern innerhalb der eigenen Partei, um das Ansehen von Roms politischer Klasse. Und in Rom kolportiert man sogar, dass Berlusconi nicht mehr an die Erfüllung seines Lebenstraums glaubt: den Einzug in den Präsidentenpalast.
Für viele einstige Christdemokraten sind dessen ungeklärte Beziehung zur 18-jährigen Schülerin Noemi Letizia und die neuen Anschuldigungen, gegen Bezahlung Partygirls in seine Residenzen eingeflogen zu haben, kaum noch tolerierbar. Auch die Kirche fordert seit Wochen von Berlusconi, seine Privatangelegenheiten zu klären. «Die Grenze des Anstands ist überschritten», schreibt der Chefredaktor der einflussreichen Wochenzeitschrift «Famiglia Cristiana» in der jüngsten Ausgabe. Die Kirche, so Don Antonio Sciortino, könne den «moralischen Notstand» im Land nicht mehr länger ignorieren.^
Enthüllendes Interview
Auch die bürgerliche Zeitung «Corriere della Sera» steht der linksliberalen «Repubblica» kaum nach mit pikanten Enthüllungen. Sie war es auch, die ein Interview mit der 42-jährigen Edelprostituierten Patrizia D'Addario veröffentlichte, in dem diese Ungeheuerliches zu Protokoll gab.
2000 Euro soll ihr der Unternehmer Gianpaolo Tarantini dafür versprochen haben, in Berlusconis privater Villa in Rom zu nächtigen. Während sie bei ihrem ersten Besuch in der Hauptstadt im Herbst offenbar vergebens in einem Luxushotel darauf wartete, in den Palazzo Grazioli geholt zu werden, verbrachte sie beim zweiten Mal die Nacht dort. Am nächsten Morgen soll ihr Berlusconi im Bad gesagt haben, er müsse gleich eine politische Erklärung abgeben. In den USA hatte gerade Barack Obama die Wahlen gewonnen.
Das Tonband lief mit
D'Addario hatte ein Tonband mitlaufen lassen und es unterdessen der Staatsanwaltschaft übergeben, die jetzt auch gegen Tarantini wegen «Begünstigung von Prostitution» ermittelt. Der in Schmiergeldskandale verwickelte Bauunternehmer versichert, Berlusconi habe von nichts gewusst. Doch ein zweites Model aus Bari, die 23-jährige Barbara Montereale, belastete Berlusconi ebenfalls schwer. Ausserdem kursieren die Namen von einem Dutzend anderer Partygirls, die für ihre Dienste in den Villen des Regierungschefs bezahlt worden sein sollen.
Der allerdings bestreitet alle Vorwürfe und wirft D'Addario vor, gezielt dafür angeheuert worden zu sein, um ihm zu schaden. In der neuesten Ausgabe der populären Zeitschrift «Chi» – verlegt in seinem eigenen Imperium – erklärte er, niemals für Damenbesuche bezahlt zu haben. «Es gibt nichts in meinem Privatleben, wofür ich mich entschuldigen müsste.» Auch zu den Anschuldigungen zu schweigen und sich nicht zu entschuldigen, rät ihm Francesco Cossiga. John F. Kennedy und Bill Clinton hätten es genauso gemacht.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 25.06.2009, 07:35 Uhr
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47 Kommentare
Ich schäme mich nicht, Italienerin zu sein. Ich schäme mich aber für mein Land und für meine Leute. Berlusconi hat es geschafft, die meisten Italiener zu manipulieren. Er hat uns in einem Moment erwischt, in dem wir ziemlich fragil waren, er hat eine Hetzkampagne gegen Prodi gestartet, ohnegleichen. Ich hoffe, dass meine Landsleute bald erwachen. Ich kann nicht mehr zuschauen, es tut nämlich weh. Antworten
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