Die Ehehölle

Jacqueline Sauvage wurde für den Mord an ihrem Mann begnadigt. Für ihre Anwältinnen dauert der Kampf an.

Janine Bonaggiunta (hinten links) und Nathalie Tomasini (hinten Mitte) und die drei Töchter von Jacqueline Sauvage nach einem Gespräch mit Präsident François Hollande im Elysée-Palast. Foto: Maxppp, Keystone

Janine Bonaggiunta (hinten links) und Nathalie Tomasini (hinten Mitte) und die drei Töchter von Jacqueline Sauvage nach einem Gespräch mit Präsident François Hollande im Elysée-Palast. Foto: Maxppp, Keystone

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Jacqueline Sauvage sitzt in einer neuen Zelle. Am 8. Februar ist sie in die Haftanstalt Réau verlegt worden, in einem Vorort im Süden von Paris. Hier wartet sie auf ihre Freilassung. Psychologen sollen prüfen, ob sie wirklich nicht gefährlich ist. Juristen werden Formulare ausfüllen. Es werden viele Stempel, viele Unterschriften nötig sein, bis das Tor der Haftanstalt hinter ihr zufällt. Wenn alles gut läuft, ist sie Mitte April draussen, nach drei Jahren hinter Gittern.

Aus dem Gefängnis hat sie ein erstes, schriftliches Interview gegeben. Was sie tun werde nach ihrer Freilassung? «Ich will meine Töchter sehen, meine Enkelkinder, mich ausruhen, in Frieden leben», schreibt sie kurz. Und dann noch diesen einen Satz: «Ich bin ein Symbol geworden, ohne es gewollt zu haben.»Sauvage wurde in Frankreich zur Symbolfigur im Kampf gegen häusliche Gewalt. Sie hat ihren Mann nach 47 Jahren Ehehölle ermordet: drei Schüsse in den Rücken. Sie wurde dafür zu 10 Jahren Haft verurteilt. Nachdem ein Schwurgericht dieses Urteil im Dezember bestätigt hatte, setzten sich Prominente für ihre Begnadigung ein. Innerhalb weniger Wochen waren 430'000 Unterschriften zusammengekommen, darunter die von 80 Abgeordneten. Die öffentliche Aufmerksamkeit, der öffentliche Druck wurden so gross, dass Präsident François Hollande in Zugzwang geriet. Er hat Sauvage Anfang Februar begnadigt.

Dass es so weit kam, dafür haben ihre beiden Anwältinnen gesorgt: Janine Bonaggiunta und Nathalie Tomasini haben diesen Kampf für sie geführt, nicht nur vor Gericht, auch in der Öffentlichkeit. Bonaggiunta sitzt am Schreibtisch ihrer makellos weissen Anwaltskanzlei in der Pariser Rue de Courcelles. Sie sieht müde aus, aber sie hat einen grossen Sieg errungen. Menschlich wie juristisch. «Durch die Begnadigung ist Jacqueline Sauvage als Opfer anerkannt worden», sagt Bonaggiunta. «Das ändert alles.»

Der Kampf geht weiter. «200'000 Französinnen werden von ihren Männern misshandelt und schweigen», sagt Bonaggiunta. «Alle zwei Tage stirbt in Frankreich eine Frau unter den Schlägen ihres Lebensgefährten. Seit Anfang des Jahres sind es schon 12, die getötet wurden.» In anderen europäischen Ländern sieht es auch nicht sehr viel besser aus.

Auch Männer können Opfer sein

Bonaggiunta hatte ihre Anwaltsrobe schon fast an den Nagel gehängt, weil sie das Milieu immer als zu masochistisch empfand, «zu viel Testosteron». Nach 20 Jahren traf sie ihre Kollegin Tomasini wieder. Sie tauschten sich aus, erzählten sich ihre Leben, ihre Enttäuschungen und beschlossen, sich als Anwältinnen auf Gewalt gegen Frauen zu spezialisieren. Gut fünf Jahre ist das her. «Und wie sollen euch die armen Frauen bezahlen?», fragten die Kollegen schnippisch.

Inzwischen haben sie 8 Mitarbeiterinnen in ihrer Kanzlei. 200 Fälle bearbeiten sie zurzeit, unter den Mandanten finden sich auch 12 Männer. «Die wehren sich noch seltener als die Frauen gegen häusliche Gewalt», sagt die Anwältin. Die Scham sei noch grösser als bei Frauen. Es trifft alle sozialen Milieus: «Wir haben genauso viele Ärztinnen, Notarinnen und Bankerinnen unter unseren Mandantinnen wie Hauswartsfrauen und Arbeiterinnen.»

Was waren sie geschmäht worden, die beiden Anwältinnen, weil sie im Fall Sauvage für Notwehr und damit für unschuldig plädiert hatten. Zweimal hatte das Gericht anders entschieden. Zuletzt am 3. Dezember vergangenen Jahres. Das Schwurgericht von Blois hatte das erste Urteil bestätigt. Sauvage hätte auf die Gewalt ihres Mannes mit einem «verhältnismässigen Akt» reagieren sollen, sagte Staatsanwalt Frédéric Chevallier in seinem Plädoyer. Aber was ist in einem solchen Fall verhältnismässig? Was ist nach 47 Jahren in der Hölle möglich? Aus dem Haus gehen, Anzeige erstatten und ein neues Leben beginnen?

Sauvage hatte immer stillgehalten, die Beleidigungen, die Beschimpfungen und auch die Schläge ertragen. Sie hatte ihre blauen Flecken überschminkt, die Veilchen hinter Sonnenbrillen versteckt. Sie hatte geschwiegen, wenn der Mann seine eigenen Töchter schlug. Wenn er sie vergewaltigte. Die Nachbarn hatten Angst vor ihm.

Aber am 10. Dezember 2012 war plötzlich Schluss. Jacqueline Sauvage verlor die Kontrolle. «Wie ein Schnellkochtopf, der explodiert.» Das waren ihre Worte vor Gericht. Sie hatte Schlaftabletten genommen. Ihr Mann, Norbert Morot, soll sie an den Haaren aus dem Bett gezogen und Essen verlangt haben. Er soll sie geschlagen haben. Dann war er auf die Terrasse getreten, ein Glas Whiskey in der Hand.

Aber sie wusste, er würde wiederkommen. Sie wusste auch, dass die Schläge nach dem Whiskey nur noch schlimmer sein würden. Also ging sie an den Schrank mit dem Jagdgewehr, holte es heraus, lud es, ging auf die Terrasse und schoss ihm in den Rücken. Dreimal. Dann rief sie die Feuerwehr an und ihren Sohn – nicht ahnend, dass dieser sich in der Nacht zuvor erhängt hatte.

Das Symptom der geschlagenen Frau

«An diesem Tag hatte sie wohl gespürt, dass es nicht bei ein paar Schlägen bleiben würde», sagt Bonaggiunta. «Sie ahnte, dass sie in Lebensgefahr war.» Die Anwältinnen haben deshalb auf Notwehr gesetzt. Juristisch war das eigentlich hoffnungslos. Man erschiesst niemanden von hinten aus Notwehr. Die männlichen Anwaltskollegen sagten: «Typisch.» Stempelten sie als «die Verrückten» ab. Verrückt, weil sie die Linien verschieben, die Gesetze verändern wollen. Bonaggiunta will erreichen, dass das «Symptom der geschlagenen Frau» juristisch anerkannt wird.

Opfer häuslicher Gewalt sind, zugespitzt ausgedrückt, nicht mehr zurechnungsfähig. «Sie stehen unter dem Einfluss ihres Mannes wie Sektenmitglieder unter dem eines Gurus», sagt die Psychiaterin Marie-France Hirigoyen. Sie vergleicht den Zustand mit dem einer Gehirnwäsche: «Es beginnt immer mit Verführung, aber es endet in Dominanz. Der Aggressor zwingt sein Opfer, so zu denken wie er. Wenn es das nicht tut, gibt es Druck. Die Frau verliert ihren kritischen Geist und wird manipulierbar. Am Ende fühlt sie sich sogar ­schuldig.»

Die «zeitversetzte Notwehr»

Im kommenden Monat wird Bonaggiunta zusammen mit der konservativen Abgeordneten Valérie Boyer einen Gesetzesvorschlag im Abgeordnetenhaus einbringen. Die «zeitversetzte Notwehr» soll im Gesetz festgeschrieben werden, wie das bereits in Kanada der Fall ist: «Es geht nicht um einen Freischein zum Töten, sondern um die Anerkennung des Symptoms der geschlagenen Frau», versichert Bonaggiunta.

Der Fall Sauvage ist nicht ihr erster Sieg. Seit sie sich vor fünf Jahren mit ihrer Kollegin auf Fälle häuslicher Gewalt spezialisiert hat, haben sie einiges erreicht: 2012 den Freispruch von Alexandra Lange, die nach 12 Jahren häuslicher Gewalt ihren Mann im Streit erstochen hat. Ein Jahr später gelingt ihnen die Anerkennung der «häuslichen Vergewaltigung», was so gut wie nie vorkommt. Am 21. März werden sie in Nancy um den Freispruch von Sylvie Leclerc kämpfen, die nach 35 Jahren mit Schlägen und Vergewaltigungen ihren Mann im Schlaf umgebracht hat. «Das wird kein einfaches Verfahren», ahnt Bonaggiunta.

Der Fall von Sauvage hat allerdings schon einiges im Bewusstsein der Öffentlichkeit und auch der Richter bewirkt: Anfang Februar ist Bernadette Bert in Grenoble zu 5 Jahren Haft auf Bewährung verurteilt worden, nachdem sie ihren Mann, der sie 40 Jahre lang misshandelt hatte, mit dem Jagdgewehr erschossen hatte. «Körperverletzung mit Todesfolge» lautete das Urteil. In Wahrheit war das auch ein Sieg der beiden Frauen, die von ihren männlichen Kollegen für verrückt erklärt worden waren. Aber auf die hört Bonaggiunta schon lange nicht mehr. Viel wichtiger ist, was Jaqueline Sauvage ihr nach der Begnadigung ins Ohr geflüstert hat: «So hat vielleicht mein ganzes Leid doch einen Sinn gehabt.»

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 29.02.2016, 22:49 Uhr)

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