Die Kirche fürchtet, Menschen würden zur Homosexualität verführt
Aktualisiert am 27.12.2008 307 Kommentare
«Schwule vernichten Gottes Werk»: Papst Benedikt XVI.
Artikel zum Thema
Vor Kardinälen, Bischöfen und Prälaten - seiner ausschliesslichen männlichen Familie im Vatikan - bekräftigte der Pontifex in seiner Weihnachtsrede, nur die lebenslange Verbindung von Mann und Frau sei ein «Sakrament der Schöpfung».
Unhaltbare Argumente
Die katholische Kirche müsse nicht nur die Erde, das Wasser und die Luft als Gaben der Schöpfung verteidigen, sondern auch den Menschen vor Selbstzerstörung schützen, erklärte der Papst mit Blick auf die Homo-Ehe. Eine «im rechten Sinne verstandene Ökologie des Menschen» sei notwendig. Schwulen- und Lesbenverbände in aller Welt haben seinen Vorstoss als «abwegig, hetzerisch und unverantwortlich» verurteilt.
Der viel gepriesene Intellektuelle auf dem Papstthron bedient sich einer Argumentation, die theologisch längst entkräftet ist - und als fundamentalistisch bezeichnet werden kann. Moraltheologen sprechen von einem «naturalistischen Fehlschluss», wenn von der Schöpfungsordnung, also von der Natur, auf das sexuelle Veralten geschlossen wird. Die Moral ist nicht in Natur und Schöpfung vorgegeben. Wäre dem so, müsste Papst Benedikt den Kannibalismus predigen, weil in der Natur das Gesetz des Fressen-und-Gefressen-Werdens dominiert.
Auslöser für seine Rede sind Bestrebungen nicht nur in Italien, die gleichgeschlechtliche Ehe zu legalisieren. Anfang Monat protestierte der Vatikan gegen den Vorschlag Frankreichs, im Namen aller EU-Mitglieder der Uno ein Projekt zur weltweiten Aufhebung der Strafbarkeit gelebter Homosexualität vorzulegen. Für den Vatikan kommt das einer Empfehlung für die Homo-Ehe gleich.
Es ist das alte Lied: Kirchenmänner fürchten, dass eine liberale Gesetzgebung alle Dämme brechen lässt und die Menschheit insgesamt verleitet, homosexuell zu leben und Familie und Kindern abzuschwören. Eine legitime Vielfalt der sexuellen Orientierung ist für die Kirche schlicht nicht denkbar.
Homophobe Kirche
Psychologisch gesehen ist die Dammbruchangst bei Klerikern einigermassen nachvollziehbar. Zölibatär lebende Geistliche, die ein Leben lang ihre Sexualität - und viele ihre Homosexualität - in Schach zu halten suchen, fürchten, von dieser überschwemmt zu werden, wenn die Kontrolle wegfällt. Es ist eine Binsenwahrheit, dass die Homophobie dort am besten gedeiht, wo sich Menschen von ihren eigenen uneingestandenen homosexuellen Neigungen bedroht fühlen.
Benedikt wusste, anders als bei seiner Rede in Regensburg 2006, mit der er die Muslime beleidigte, sehr genau, welches Minenfeld er betreten würde. Lange hielt er sich mit homofeindlichen Äusserungen zurück. Dass er just zu Weihnachten in die alte Kerbe geschlagen hat, ist bedenklich. (bru)
Erstellt: 27.12.2008, 19:15 Uhr
Kommentar schreiben
307 Kommentare
Die Morallehre Ratzingers ist in sich schlüssig. Der Vorwurf "Naturalistischer Fehlschluss" greift zu kurz. Die Frage ist eine andere: Bauen wir unser Zusammenleben auf Metaphysik und Kirchenmoral oder auf Aufklärung, Menschenrechten, Rechtsstaat und Demokratie? Wählen wir die zweite Option, dann gilt es, Kirche und Staat konsequent zu trennen und dem Vatikan die UNO-Mitgliedschaft abzusprechen. Antworten
Ausland
Live @ Sunset
11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!




