Die Kreml-Kinder lieben den Westen

Die Herrscher in Moskau verteufeln den Westen wegen Sittenverfall und Kulturverlust. Doch genau dort lassen sie ihre Söhne und Töchter ausbilden und leben. Präsident Putin ist das beste Beispiel.

Für meine Töchter nur das Beste, auch wenns im Westen ist: Wladimir Putin.

Für meine Töchter nur das Beste, auch wenns im Westen ist: Wladimir Putin. Bild: Keystone

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Wladimir Putin mag viele offene Rechnungen mit dem Westen haben. Für den früheren KGB-Offizier ist und bleibt der Zerfall der Sowjetunion die «grösste geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts». Das westliche Demokratiemodell betrachtet der Kreml-Herrscher als Gefahr für seinen autoritären Führungsstil. Ganz ablehnen will die russische Machtelite den Westen jedoch nicht. Vor allem dann nicht, wenn es um die eigenen Kinder geht. Weder in Russland noch im Phantomreich Noworossija («Neurussland») möchten Putin und seine Vertrauten ihre Sprösslinge zur Schule schicken, sondern im Westen. Dort also, wo Putin einen Wertezerfall vermutet, wo Sitten angeblich verfallen und nationale Kulturen untergehen.

Putin erlebte das Ende der Sowjetunion mit seiner Familie in Dresden – als KGB-Agent. Nach der Rückkehr in seine Geburtsstadt St. Petersburg besuchten die zwei Töchter Putins das deutschsprachige Elitegymnasium Peterschule. Als der Vater nach Moskau zog, um Geheimdienstchef zu werden, gingen seine Töchter auch in der russischen Hauptstadt in eine deutsche Schule. Die ältere Tochter Maria Putina lebt inzwischen mit ihrem niederländischen Freund in einem Luxus-Penthouse in der Nähe von Den Haag.

Drei Töchter auf der Eliteschule in der Schweiz

Nach dem Abschuss des Malaysia-Airlines-Fluges MH 17 forderten wütende Holländer die Ausweisung der 29-Jährigen. Die meisten Opfer der Tragödie in der Ostukraine waren Niederländer. Putins jüngere Tochter Ekaterina soll in München einen festen Wohnsitz haben. Sie ist mit einem Koreaner verheiratet. Derweil beklagt sich ihr Vater immer wieder, dass die «Unterschiede zwischen den Nationen und Kulturen verwaschen» werden.

Nach Angaben der russischen Website «Opentown» gibt es praktisch keine Familie unter den Kreml-Herrschern, die ihre Kinder nicht im Westen ausbilden lässt. Demnach besuchten drei Töchter des Vizeparlamentspräsidenten Sergei Schelesnjak eine Eliteschule in der Schweiz. Die Kosten pro Schuljahr betrugen etwa 50'000 Franken. Schelesnjak soll laut seiner Steuererklärung umgerechnet 71'000 Franken im Jahr verdienen. Zwei Töchter des hochrangigen Politikers leben inzwischen offenbar in London.

Was stören mich die Belehrungen des Vaters?

Auch die Söhne des stellvertretenden Ministerpräsidenten Dmitri Kosak sehen ihre Zukunft eher im Westen. Alexei, so heisst der ältere Sohn, ist gemäss «Opentown» als Bauunternehmer in Russland und als Teilhaber von Auslandsfirmen bekannt. Sein jüngerer Bruder arbeite bei der Credit Suisse. Gegen Dmitri Kosak hat die EU kurz nach der Krim-Annexion im Frühjahr ein Einreiseverbot verhängt. Die Tochter von Aussenminister Sergei Lawrow hat in den USA studiert, als ihr Vater Botschafter bei der UNO in New York war. Unklar ist, ob sie inzwischen nach Moskau zurückgekehrt ist.

Zu den schärfsten Kritikern des Westens gehört in Moskau der Putin-Vertraute und Chef der russischen Staatsbahn Wladimir Jakunin. Er sagt, im Westen sei ein «vulgärer Ethno-Faschismus» wieder in Mode. Jakunin verteidigt vehement das harte Vorgehen der russischen Behörden gegen Homosexuelle und findet es unerhört, dass beim Eurovision Song Contest die österreichische Travestiekünstlerin Conchita Wurst zur Siegerin gekürt wurde. «Die antike Definition der Demokratie hatte nichts mit bärtigen Frauen zu tun, sondern die Demokratie ist die Herrschaft des Volkes», schimpfte Jakunin. Seine Kinder und Enkelkinder halten offenbar nichts von solchen Belehrungen: Ein Sohn soll als Immobilienmakler in der Schweiz tätig sein, der andere habe lange Zeit in London gelebt und arbeite jetzt als Investor einer britischen Firma, meldet «Opentown». Jakunins Enkelkinder studieren demnach in «Elitebildungseinrichtungen» in England und in der Schweiz.

Jeder fünfte Russe will auswandern

Der Beauftragte für Kinderrechte beim russischen Präsidenten, Pawel Astachow, hat 2013 ein Verbot der Adoption russischer Waisenkinder in die USA durchgesetzt, nachdem Fälle von Missbrauch bekannt geworden waren. Für Astachow und andere russische Politiker war der sogenannte Adoptionsskandal eine willkommene Gelegenheit für eine billige antiwestliche Polemik. Doch so gefährlich scheint der Westen auch für Astachow nicht zu sein: Sein älterer Sohn studierte in New York und in Oxford, ein Kind kam in einer Villa in Cannes zur Welt. Es sind nicht nur Putins engste Vertraute, die ihre jungen Familienmitglieder vom westlichen Bildungssystem profitieren lassen. Auch viele Parlamentarier der Kreml-Partei Einiges Russland zahlen hohe Summen, um ihre Kinder an westlichen Eliteschulen unterzubringen. Und auch die Kinder mächtiger Politiker, die in Russland studieren, wollen eines Tages weg. Der Sohn von Ministerpräsident Dmitri Medwedew sagte, er wolle nach seinem Abschluss eine weitere Ausbildung absolvieren – in den USA.

Eine vom renommierten Lewada-Zentrum durchgeführte Umfrage ergab, dass jeder fünfte Russe auswandern will. Bei den Studierenden ist es sogar die Hälfte. Dagegen kämpft Putin mit Verboten: Minister und hochrangige Beamte dürfen keine Konten im Ausland haben. Der Parlamentarier Wladimir Pechtin musste sein Mandat zurückgeben, nachdem bekannt geworden war, dass er im US-Sonnenscheinstaat Florida Immobilien im Wert von zwei Millionen Dollar hatte. Pechtin war Vorsitzender der Ethikkommission in der Staats-Duma. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 19.11.2014, 18:52 Uhr)

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