Die Pistole der Zwickauer Zelle kostete damals 1250 Franken

Die bei den Döner-Morden verwendete Waffe wurde in der Schweiz feilgeboten, als Schalldämpfer in den Nachbarländern bereits verboten waren.

31 in die DDR, 24 nach Derendingen: Die Pistole Ceska, Modell 83 mit Schalldämpfer auf einem Fahndungsfoto des Bundeskriminalamts.

31 in die DDR, 24 nach Derendingen: Die Pistole Ceska, Modell 83 mit Schalldämpfer auf einem Fahndungsfoto des Bundeskriminalamts. Bild: Keystone

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Lange Zeit war sie das Einzige, was ausser der Herkunft der Opfer neun Tötungsdelikte in verschiedenen Städten Deutschlands verband: eine Ceska 83, Kaliber 7,65 Millimeter. Die Pistole war die einzige Erfolg versprechende Spur für die bis zu 100 gleichzeitig eingesetzten Fahnder. Die Fährte auf der Suche nach den Mördern von acht türkischen und einem griechischen Gewerbler führte an die Hauptstrasse 46 im solothurnischen Derendingen. Dort, in einer speziell gesicherten Wohnung, war der Sitz von «Luxik Waffen und Munition». Und dort soll die Ceska in einer Sonderanfertigung ab 1993 über den Ladentisch gegangen sein, die nun in Zwickau, zwölf Autostunden nordöstlich, wieder aufgetaucht ist.

1993 hatte Luxik im «Schweizer Waffenmagazin» inseriert. 1250 Franken – gemäss Experten ein stolzer Preis – kostete die Ceska 83 samt Schalldämpfer. In vielen Staaten konnten Private bereits damals Waffen mit Dämpfung nicht mehr erwerben – in der Schweiz war dies mit Waffenschein noch möglich. Der Schalldämpfer der Ceska erwies sich in einem Test, den «Waffenmagazin»-Chefredaktor Laszlo Tolvaj durchführte, aber als wenig zweckmässig. Mit einfachen Basteleien war die Waffe leiser als mit dem Aufsatz des Herstellers aus Tschechien.

Kein Rechtshilfeersuchen aus Deutschland

Seit in Sachsen vergangene Woche eine Wohnung von Mitgliedern des «Nationalsozialistischen Untergrunds» in die Luft ging, scheint die unheimlichste Mordserie der jüngeren Geschichte der Bundesrepublik geklärt. Die Hintergründe und weitere Taten der Rechtsextremen sind Gegenstand fieberhafter Untersuchungen.

Noch nicht wieder aufgenommen worden sind die Ermittlungen in der Schweiz. «Es ist in dieser Sache aktuell kein Rechtshilfeersuchen aus Deutschland eingegangen», sagt Danièle Bersier vom Bundesamt für Polizei. Erst auf Anfrage werden Schweizer Fahnder im Fall der sogenannten Döner-Morde wieder aktiv – wie vor mehr als eineinhalb Jahren, als Bundes- und Kantonspolizisten mithalfen, die einzige heissere Fährte im Fall zu verfolgen. Die deutschen Ermittler hatten zuvor festgestellt, dass von der Sonderedition der Ceska, mit der neunmal getötet wurde, nur 55 Stück hergestellt worden waren. Gemäss dem damaligen Leiter der Untersuchung waren 31 der Pistolen in die DDR an den Geheimdienst Stasi gegangen und 24 nach Derendingen. Aus Gründen, die nie offengelegt wurden, konnten die Ermittler vor etwa zwei Jahren ausschliessen, dass es sich bei der Tatwaffe der «Döner-Morde» um eines der Exemplare aus Ostdeutschland handelte. Die Waffe stammte aus der Schweiz.

TV-Berichte halfen nicht weiter

Doch wo waren die 24 Derendinger Ceskas? «Luxik Waffen und Munition» existiert nicht mehr. Der Inhaber, der schweizerisch-tschechische Doppelbürger Jan Luxik, löste das Geschäft auf und zog nach Prag. Dort ist er noch heute mit der Herstellung und dem Handeln von Waffen und Kriegsmaterial beschäftigt.

Die Ermittler der bayerischen Sonderkommission Bosporus traten an der Nürnberger Waffenmesse an Luxik heran. Der Waffenhändler konnte dokumentieren, wohin er seine 83er-Ceska verkauft hatte. 16 Stück spürten Kantonspolizisten daraufhin auf – keine der Pistolen war die gesuchte. Acht Waffen liessen sich trotz Hausdurchsuchungen in der Schweiz nicht mehr finden. Die Ermittler setzten ihre letzte Hoffnung aufs Fernsehpublikum. «10 vor 10» strahlte 2010 einen Bericht aus, «Aktenzeichen XY» ebenso. Die Rückmeldungen halfen nicht entscheidend weiter.

Die gesuchte Waffe tauchte nicht auf – bis am vergangenen Freitag bekannt wurde, dass sie in den Trümmern des Hauses in Zwickau gelegen hatte, in dem die drei mutmasslichen Haupttäter der «Döner-Morde» inkognito gelebt hatten. Das Waffenarsenal – oder was davon übrig geblieben ist – wird nun von Kriminaltechnikern untersucht. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 17.11.2011, 06:48 Uhr)

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