«Die Schweiz ist ein anderer Planet»

Albaniens Premier Edi Rama träumt von einer Fluglinie zwischen Tirana und Zürich. Morgen kommt er in die Schweiz.

«Aussenpolitisch haben wir nur ein Ziel: Die Europäische Union», sagt der albanische Premier Edi Rama. Foto: Getty Images

«Aussenpolitisch haben wir nur ein Ziel: Die Europäische Union», sagt der albanische Premier Edi Rama. Foto: Getty Images

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Sie sind ja nicht nur ­Ministerpräsident, sondern auch Kunstmaler. Mit welchen Farben würden Sie die politische ­Landschaft des Balkans darstellen?
In der Region steigt die politische Temperatur merklich an. Folglich kommen neue, düstere Farben hinzu. Wir müssen alles unternehmen, damit das friedliche Kolorit erhalten bleibt.

Wo lauert die grösste Gefahr?
Es gibt in allen Ländern der Region bedenkliche Entwicklungen. In Serbien wird am 2. April ein neuer Staatschef ­gewählt, wohl deshalb gibt es gegenüber dem jungen Nachbarstaat Kosovo immer wieder Provokationen. Zuletzt wollte die Belgrader Führung einen Zug mit nationalistischen Parolen in den Norden Kosovos schicken. Die kosovarische Führung will eine eigene Armee aufbauen. Solche Initiativen, die ohne Konsultationen mit den westlichen Grossmächten unternommen werden, erhöhen durchaus die Spannungen. Die Einheit Bosniens wird von serbischen Hardlinern infrage gestellt. In Mazedonien könnte die Lage völlig ausser Kontrolle geraten, weil der dortige Staatschef der zweitgrössten Partei das Mandat zur Regierungsbildung mit den Parteien der dortigen Albaner verweigert. Montenegro hat dramatische Parlamentswahlen hinter sich. Offenbar versuchten dubiose Gestalten im Dienste Russlands, die Arbeit der proeuropäischen Koalition lahmzulegen.

Sie haben Mazedonien kürzlich ungewöhnlich scharf attackiert: Das Land könne ohne die Albaner nicht existieren. Warum diese Drohung?
Wir sind der einzige Nachbar, der den Staatsnamen Mazedoniens nie infrage gestellt hat, wir negieren weder die mazedonische Sprache noch die nationale Identität. Wir fordern nur, dass die Regierung in Skopje die Rechte der dortigen Albaner vollumfänglich respektiert. Es ist für uns unverständlich, wenn die slawischen Mazedonier Albanisch als Amtssprache auf nationaler Ebene ablehnen, obwohl die albanische Bevölkerungsgruppe fast ein Drittel der Bevölkerung stellt. Können Sie sich so etwas in der Schweiz vorstellen? Französisch als verbotene Sprache in den Bundesbehörden oder vor Gericht?

Sie warnen die EU vor dem russischen Einfluss auf dem Balkan. Ist die Lage wirklich so ernst?
Russland verfolgt hier strategische Inter­essen. Wir sind eine wichtige Transit­region zwischen Europa und Asien mit Zugang zum Mittelmeer und zum Schwarzen Meer. In der EU fehlt leider dieser strategische Ansatz. Das Gleichgewicht der Kräfte verändert sich schnell, Brüssel tappt jedoch im Nebel. Wir haben auch Pech: Die EU befindet sich derzeit in ihrer schwersten Krise.

Man könnte auch sagen: Die Balkanpolitiker provozieren sich mit chauvinistischen Parolen, ­erfüllen kaum die Bedingungen für die EU-Integration und beschuldigen dann Brüssel für die Stagnation.
Natürlich tragen wir als Hausherren die Hauptverantwortung für die Lage in der Region. Man darf aber die jüngste Geschichte nicht vergessen: Die Jugoslawienkriege haben fast zum völligen ­Zusammenbruch der Wirtschaft geführt, die Folgen der kommunistischen Herrschaft sind vor allem in Albanien noch nicht überwunden, eine demokratische Tradition fehlt weitgehend, die Institutionen sind schwach. Angesichts dieses Erbes können sich die Balkanländer nur innerhalb der EU zu reifen Demokratien entwickeln.

«Die Grenzen sind in Gefahr, wenn die Europäische Union untätig bleibt, uns links liegen lässt und so den Russen ausliefert.»Edi Rama

Wie sicher sind die Grenzen auf dem Balkan?
Sagen wir es so: Solange die Menschen und die politischen Eliten des Balkans den Glauben an die EU-Mitgliedschaft ihrer Länder nicht verlieren, werden sie ruhig bleiben. Die Grenzen sind in Gefahr, wenn die Europäische Union untätig bleibt, uns links liegen lässt und so den Russen ausliefert.

Könnte eine neue Flüchtlingswelle die Region destabilisieren?
Durchaus. Die grosse Flüchtlingskrise vor zwei Jahren hat etwas Paradoxes ­zutage gefördert: Auf der Balkanroute wurden die Menschen aus Syrien und anderen Kriegsgebieten humaner behandelt als in manchen EU-Staaten. Wir können aber nicht den Retter Europas spielen.

Was heisst das?
Erst wenn innerhalb der EU Einigkeit darüber herrscht, wie die Flüchtlingskrise gelöst werden kann, werden auch die Balkanstaaten ihren Beitrag leisten. Wir in Albanien sind auch bereit, im Rahmen einer fairen Lastenteilung Flüchtlinge aufzunehmen.

Wie gross ist die Angst vor einem Rückzug der Amerikaner aus der Region?
Daran wollen wir gar nicht denken. Für die Stabilität des Balkans ist eine starke militärische und diplomatische Präsenz der USA essenziell.

Sie haben vor den US-Wahlen gesagt, Donald Trump als Präsident wäre ein Unglück für die Welt.
(schweigt lange, malt auf ein Blatt Papier) Das würde ich nicht überbewerten, meine Worte waren nur ein Tropfen im Meer während einer weltweit aufgeregt geführten Debatte.

Neben den Russen versucht auch die Türkei mit ihrer neoosmanischen Politik, den einstmaligen Einfluss auf dem Balkan wiederzugewinnen. Würden Sie Recep Tayyip Erdogan auch nach den jüngsten Attacken gegen westliche Demokratien als Freund bezeichnen?
Ich bin zu klein, um mich in solche Diskussionen zwischen der EU und der Türkei einzumischen. Wie auf dem Balkan jeweils vor den Wahlen kochen auch in der Türkei vor dem Verfassungsreferendum die Emotionen hoch. Die Heissblütigkeit in hiesigen Gefilden hat uns nicht immer Vorteile gebracht. Ankara ist für uns ein wichtiger strategischer Partner, aber aussenpolitisch haben wir nur ein Ziel: die Europäische Union.

«Die Heissblütigkeit in hiesigen Gefilden hat uns nicht immer Vorteile gebracht.»Edi Rama

Davon scheint Albanien weit ­entfernt. Während wir hier ­sprechen, protestiert vor Ihrem Büro die Opposition – gegen die Korruption und für freie Wahlen.
Unsinn. Einige Oppositionsführer haben nur Angst vor der Justizreform, die zusammen mit einer internationalen Beobachtergruppe umgesetzt werden soll. Albanien steht vor einer radikalen Säuberungswelle im Justizwesen. In Zukunft werden qualifizierte und moralisch integre Staatsanwälte und Richter den Kampf gegen die Korruption und die organisierte Kriminalität aufnehmen.

Das klingt wunderbar. Doch seit der Machtübernahme Ihrer Sozialistischen Partei vor vier Jahren hat sich die Cannabis-Produktion vervierfacht.
Wir sind die erste Regierung, die rücksichtslos Anbauflächen vernichtet. Die Polizei ist verpflichtet, über jeden illegalen Handel die Öffentlichkeit zu informieren. In der Vergangenheit war oft nicht klar, welche Dealer von den ­Sicherheitskräften bekämpft und welche in Schutz genommen wurden. Ich rechne damit, dass wir in diesem Jahr erhebliche Fortschritte im Kampf gegen dieses besorgniserregende Phänomen für unsere Gesellschaft erzielen werden.

Mit welchen Erwartungen kommen Sie an diesem Freitag zum offiziellen Arbeitsbesuch nach Bern? Sie haben die Schweiz als langweiliges Land bezeichnet.
Hoffentlich wurde ich nicht missverstanden. Die Schweiz ist eine funktionierende Demokratie, ein anderer Planet im besten Sinne des Wortes, deshalb ist sie vielleicht langweilig, verglichen mit dem fröhlichen Lärm der Mittelmeer-Anrainerstaaten. Weil das Niveau der Schweiz für uns unerreichbar bleibt, verhalte ich mich wie der nasse Fuchs, der die reifen Trauben nicht schnappen konnte und danach herumerzählte, ihm würde die süsse Frucht gar nicht schmecken. Wir können aber viel von der Schweiz lernen.

Wo sehen Sie Potenzial für Zusammenarbeit?
Die Schweiz hat seit dem Sturz des kommunistischen Regimes in Albanien vor mehr als 25 Jahren in vielen Bereichen Entwicklungshilfe geleistet. Dafür sind wir sehr dankbar. Wir sind offen für Schweizer Investoren und Touristen. Eine Fluglinie zwischen Zürich und Tirana würde die Anreise einfacher machen – auch für die mehr als 200'000 Albaner aus Kosovo und Mazedonien, die in der Schweiz leben und ihre Sommerferien an unseren Küsten verbringen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.03.2017, 08:38 Uhr

Edi Rama

Maler, Politiker, Polemiker

Der 52-jährige Sozialist regiert Albanien seit 2013. Zuvor war der Maler und Buchautor Bürgermeister der Hauptstadt Tirana. Im extrem polarisierten Politikbetrieb des Balkanlandes gilt Rama als scharfzüngiger Polemiker. An diesem Freitag besucht er die Schweiz auf Einladung von Bundespräsidentin Doris Leuthard. Es ist die erste Visite eines albanischen Premiers seit dem Sturz der kommunistischen Diktatur zu Beginn der 90er-Jahre. (enr)

Artikel zum Thema

Unterwegs im jüngsten Land Europas

Fotoblog Leidenschaftliche Fussballfans, Grabwächter in Tarnuniform und elegante Absolventinnen – Eindrücke vom Leben im Kosovo. Zum Blog

Grossmutter der Albaner

Die Heiligsprechung der albanischstämmigen Mutter Teresa begeistert ihre Landsleute auf dem Balkan. Mehr...

Das Geld kommt aus Europa, die Propaganda aus Moskau

Die Belgrader Regierung träumt von einer schnellen EU-Integration, pflegt aber eine problematische Nähe zu Russland. Das sorgt für Spannungen auf dem Balkan. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Wettbewerb

Was Männer wollen

Motorfreak, Gentleman oder Sportskanone? Herausfinden und gewinnen!

Kommentare

Blogs

Mamablog 20 Spielideen für den Strand
Blog Mag Essen als Kult
Politblog Barbaren unter uns

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Die Welt in Bildern

Erinnert an einen Pizzaiolo: Auf riesigen Tellern lässt diese Frau in der chinesischen Provinz Jiangxi Chilischoten, Spargelbohnen und Chrysanthemum-Blüten an der Sonne trocknen. (21. Juli 2017)
Mehr...